Ratsch und klack

Ausstellung Klangkunst ist längst ein Thema für große Preise und große Museen. In Stuttgart zeigt die Staatsgalerie Werke von Christian Marclay
Moritz Scheper | Ausgabe 43/2015

Gewonnen hat Florian Hecker den Preis der Nationalgalerie in Berlin am Ende zwar nicht. Aber allein die Tatsache, dass er nominiert war, zeigt, wie sehr Soundkunst inzwischen etabliert ist. Und das nicht nur in Häusern mit expliziter New-Media-Ausrichtung wie dem Karlsruher ZKM oder dem Edith-Russ-Haus in Oldenburg, sondern längst auch im Herzen des Betriebs. In der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs etwa wurde 2014 die Klanginstallation Part File Score der Turner-Preisträgerin Susan Philipsz ausgestellt.

Vielleicht nicht ganz so auffällig, aber konstant besetzt Stuttgart das Thema Soundkunst. Das Camp Festival for Visual Music hat sich etabliert, und auch das Stuttgarter Kunstmuseum hat diese Nische für sich entdeckt. Hier läuft noch bis 2017 die Reihe Sound in Motion mit illustren Namen wie Carsten Nicolai, Rodney Graham, Candice Breitz oder Christian Marclay, dessen Vierkanal-Installation Video Quartet letzte Woche pünktlich zur Marclay-Ausstellung Shake Rattle and Roll in der Staatsgalerie angelaufen ist. Über 700 Ausschnitte aus Filmen, in denen musiziert wird oder Geräusche erzeugt werden, hat der US-Schweizer hierfür kompiliert und zu einer Symphonie zusammengeschnitten.

Dialoge erlaubt

Zuerst nimmt man ein in mühevoller Kleinarbeit entstandenes Musikstück wahr, mit ausgetüftelter Dramaturgie und wilden Tempowechseln. Erst allmählich sinkt der Blick auf die Bildebene und registriert, dass Marclay nicht nur Filme aus verschiedenen Zeiten und Kulturkreisen nebeneinandergeschnitten hat, sondern sich auch interessante Dialoge zwischen den Filmbildern erlaubt.

Auf der anderen Seite des Schlossparks hat Christian Marclay mit Shake Rattle and Roll einen Soloauftritt in der Staatsgalerie, leider im hinterletzten Korridor. Die titelgebende Arbeit besteht aus 16 in einem Kreis aufgereihten Monitoren. Jeder der 16 Filme zeigt die weiß behandschuhten Hände des Künstlers, wie sie mit Objekten diverser Fluxus-Künstler spielen, darunter welche von George Maciunas, Beuys, George Brecht und Yoko Ono. Sie werden geschüttelt, aneinandergeklopft, auf-und zugefaltet, geöffnet und geschlossen. Mit dieser respektlosen Objektbefragung gelingt es Marclay, die Aufmerksamkeit auf Nebengeräusche zu verschieben. Jedes Ratschen, Klacken, Klopfen, Schleifen wird innerhalb des Monitorkreises Teil einer komplexen, fast schon harmonischen Klanglandschaft. Das ständige Auftauchen neuer Töne verhindert, dass man an einem der Filmchen hängen bleibt. Da das vorrangig weiße Filmbild die Augen stark fordert, lässt man sich nach kurzer Zeit nur noch durch die Klanglandschaft treiben, immer neuen Reizen entgegen.

Christian Marclay ist kein Unbekannter, 2011 gewann er mit The Clock, einer Video-Sound-Installation in Echtzeit, den Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig. Woher rührt dieses verstärkte Interesse am Klang? Durch Blogs wie Contemporary Art Daily ist Kunst heute omnipräsent, täglich können dort Aufnahmen aktueller Ausstellungen aus der ganzen Welt abgerufen werden. Viele Künstler entziehen sich dem mit Formaten, Medien und Arrangements, die sich mit einem Foto nicht so einfach abbilden lassen. Auf Sound Art trifft das in jedem Falle zu, sie bedient aber auch perfekt einen weiteren sehr zeitgenössischen Wunsch: den nach Teilhabe. Eine Installation wie Shake Rattle and Roll spannt uns in einen Klangraum und erzeugt mittels durchdringender Frequenzen eine ganz physische Erfahrung, die idealerweise noch mit anderen geteilt wird.

Wie Inklusion schiefgehen kann, zeigt Chalkboard im Nebenraum. Marclay hat hierfür eine ganze Wand zur Tafel mit Notenlinien werden lassen. Besucher sind eingeladen, darauf ihre eigenen Notationen zu hinterlassen, die im Laufe der Ausstellung von einer Reihe eingeladener Musiker interpretiert werden. So niedlich der Einfall auch ist, für Projekte wie dieses hat Diedrich Diederichsen den Begriff „Partizipationshölle“ eingeführt. Natürlich möchte hier jeder aus einem aufklärerischen Impuls heraus seine Duftmarke hinterlassen, Noten schreiben allerdings die wenigsten. Und wenn am Tag nach der Eröffnung schon „Schinkenkäsebrot“ dort zu lesen ist, steht für die kommenden drei Monate Schlimmes zu befürchten.

Die Delle im Niveau macht Marclay jedoch umgehend vergessen mit Bildspiel. Hierfür hat der Künstler Dieter Roths kinetische Skulptur Kugelbild abgefilmt, eine Drehscheibe, auf die ein Raster aus Nägeln geschlagen ist, zwischen denen kleine Kugeln rollen. Auf dem Video setzt eine Hand die Scheibe und somit die Kugeln in Bewegung – ganz wie einst bei Roth, bevor konservatorische Bedenken die Scheibe stilllegten. Das Klackern der an Nägel stoßenden Kugeln erfüllt den Raum und wird zunehmend durch Schnitte oder Griffe an die Scheibe rhythmisiert. Wie ein DJ bedient Marclay Roths Scheibe und löst damit, wie schon bei den Fluxus-Objekten, Qualitäten aus dem Werk, die man niemals darin vermutet hätte. Geht man danach in das Kabinett der ständigen Sammlung, in dem die von Marclay verwendeten Arbeiten gezeigt werden, drückt die Stille fast aufs Gemüt.

Info

Shake Rattle and Roll Christian Marclay Staatsgalerie Stuttgart, bis 20. März 2016

06:00 04.11.2015

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