Rätsel der doppelten Identität

Film Das Berliner Kino Arsenal widmet sich dem Goldenen Zeitalter des Mexikanischen Kinos und zeigt Melodramen, in denen Generäle zu Revolutionären und Liebhabern werden

Es war eine jener seltenen Epochen der Filmgeschichte, in denen sich die Umstände verschworen und die richtigen Talente zusammenfanden, damit eine kleine Kinematografie plötzlich Weltgeltung errang. In den 1940er Jahren war die mexikanische Gesellschaft im Aufbruch. Die Filmindustrie blühte dank protektionistischer Gesetze auf; das argentinische und das Hollywoodkino verloren ihre Vormachtstellung.

Das Goldene Zeitalter des mexikanischen Kinos, dem das Berliner Kino Arsenal in diesem Monat seine Reverenz erweist, erscheint als Einflussdelta: Es absorbierte die Lehren des sowjetischen Montagekinos und des Poetischen Realismus aus Frankreich, adaptierte Vorlagen von B. Traven und John Steinbeck. Es konnte offen sein für Einflüsse, weil es Traditionen besaß. Es verfügte über ein Starsystem. Dolores del Río und die gebieterische María Felix rivalisierten im Rollenfach der stolzen, wehrhaften Frau, Pedro Armendáriz brillierte als aufrechter, würdevoller Mann aus dem Volke. Unverwechselbar war die seelenvolle, kontrastreiche Fotografie des Kameramanns Gabriel Figueroa.

Im Melodram fand das mexikanische Kino sein dominierendes Genre. Schicksalsschläge werden dringlicher von der Musik untermalt, als es anderswo vorstellbar wäre; regelmäßig kommentieren Lieder die Handlung und drängen sich als gelassen hingenommenes, retardierendes Moment in die Spannungsdramaturgie. Zugleich erweist sich das Genre als überaus porös. Die Exzentrik der Drehbücher entfaltet sich in haarsträubenden Wendungen, aber auch in klassenkämpferischem Pathos: Julio Brachos Distinto Amanecer (Ein neuer Morgen) erzählt von politischer Korruption und der Widerstandsfähigkeit der Ideale, ohne seine Dreiecksgeschichte aus dem Blick zu verlieren. Roberto Gavaldón streut in seinen Filmen konsequent den Sand der Rationalität ins Getriebe des Melodrams und schürft damit in unverhofften psychologischen Tiefen. Emilio Fernández, steht für ein entschieden plastischeres, lyrischeres Kino. In dessen Metaphorik und Lichtsetzung regt sich religiöse Inbrunst. Der Drang nach Zivilisation und Bildung ist ein zentraler Impuls seiner Filme. Sie sind brüsk und zartfühlend, stecken voller Ehrfurcht vor der Prachtentfaltung der Künste.

Geschlechter- und Klassenkampf

In seinem Meisterwerk Enamorada (Die Verliebte) erkundet Fernández die burlesken Ränder des Genres. Die zwischen einem stolzen Revolutionsgeneral (Armendáriz) und einer hochmütigen Großbürgerstochter (Félix) entflammte Liebe ist ein Belagerungszustand, der sich in beherzten Handgreiflichkeiten und wortreicher Demut manifestiert. Diese beiden Gegner im Geschlechter- und Klassenkampf sind einander ebenbürtig; nicht zuletzt, weil sie zu Einsicht fähig sind. In der Figurenzeichnung von Enamorada kulminiert ein Motiv, das sich durch viele Filme zieht: die zweifache Identität, die Janusköpfigkeit menschlicher Existenz. Del Rio spielt in Galvadóns La otra (Die Andere) Zwillingsschwestern; Brachos Distinto Amanecer ist ein bizarrer Laborversuch der Ambivalenz.

Auch in Enamorada herrscht ein Prinzip der subtilen Dualität: Der General entdeckt, dass er gleichzeitig Revolutionär und liebender (sowie religiös empfindender) Mann sein kann. Und seine Geliebte begreift, dass eine höhere Tochter sich mit dem einfachen Volk gemein machen kann, ohne ihre Würde zu verlieren. Selten wurde im Kino der Widerspruch zwischen sozialer und romantischer Identität so berückend aufgelöst.

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10:50 07.07.2010

Ausgabe 38/2020

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