Rätselhafte Texte

Männerliteratur Abdolah Kaders Roman "Die geheime Schrift" kann Fakten und Fiktion nicht trennen

Beginnen wir mit dem Schutzumschlag des jüngsten Romans von Kader Abdolahs Roman Die geheime Schrift. Er ist unter Verwendung eines Fotos aus der Sammlung "Women of Allah" von der bekanntesten iranischen Fotografin Shirin Neschat gestaltet worden. Man sieht zwei leicht geschminkte, dunkle Augen und die Stirnpartie einer verschleierten Frau, die nach den Elementen der Ssols-Kalligraphie mit dem brillanten Gedicht der berühmtesten Lyrikerin Irans, Forough Farakhzad, beschriftet ist. Das Gedicht trägt den wunderbaren Titel: "Die Sonne werde ich noch einmal begrüßen". Man stellt sich nach dieser verführerischen, weiblichen Einleitung auf die Lektüre eines Frauenschicksals ein. Doch der Schein trügt. Die geheime Schrift ist ein Stück Männerliteratur. Erzählt werden dabei auf 360 Seiten die Geschichten einer Reihe von einfachen, klugen, behinderten, dichterisch begabten, historisch unsterblichen und konsequent frommen Männern. Und zwar in einer erstaunlich zusammenhanglosen Art und Weise.

Beginnen wir mit der Hauptfigur Agha Akbar. Er ist taubstumm und wird irgendwann im 20. Jahrhundert am Fuß des Sefranberges in Senedjan, in der Nähe der Grenze zur Ex-Sowjetunion geboren. Wie fast alle anderen Kinder in dieser Gegend bekommt er keine Möglichkeit, die Schule zu besuchen. Er erfindet aber eine Art Keilschrift als seine eigene Privatschrift, die er in den Wänden der geheimnisvollen Höhle der Stadt abgeschaut hatte, und fixiert seine Gedanken in dieser Keilschrift in Form eines Tagebuchs. Der Autor Kader Abdolah sorgt dafür, dass diese vor 3000 Jahren gemeißelte Keilschrift bis heute von keinem Archäologen entziffert wird. Denn er will, dass deren Entschlüsselung die Lebensaufgabe seines Zweiterzählers Esmail wird, der sehr intelligent, stark und zugleich der Sohn des Agha Akbar, sein "Mund, Verstand und Gedächtnis" ist.

Beginnen wir also mit der Geschichte von Esmail, der irgendwann in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts als Sohn einer selbstbewussten Frau und des als Teppichknüpfers tätigen Agha Akbar zur Welt kommt. Er eignet sich die Vater-Rolle in der starren patriarchalischen Familienordnung sehr früh an. Esmail ist ein Wunderkind; fit, flink, fleißig und pflichteifrig. Er bringt in einer selbst erfundenen Gebärdensprache seinem tauben Vater den Sinn von Leben und Leben lassen bei. Er klärt ihn ausführlich über Gott und die Welt, Wirtschaft und Politik, Kosmos und Poesie auf. Er wird später Physik-Student, dann Widerstandskämpfer, politisch Verfolgter und schließlich Flüchtling. Seine Begabung als Autor wird hervorgehoben, weil Esmail eigentlich Kader Abdolah ist und er der eigentliche Autor des Romans Die geheime Schrift. Er lebt seit 1988 mit Unterstützung der Vereinten Nationen als politischer Flüchtling in den Niederlanden und entziffert die rätselhafte Aufzeichnungen seines taubstummen Vaters, um uns neben der Geschichte seiner Familie und seines Landes auch noch ein Stück Exilleben, den Erfahrungsbericht eines Emigranten zu liefern, um sich dadurch in der neuen westlichen Gesellschaft leichter zu integrieren, wie er mehr als zwanzigmal betont.

Beginnen wir mit dem historischen Aspekt des Romans, der stark unter der Verrätselung des Offensichtlichen leidet. Irritierend ist nicht nur die Überlagerung der Fakten, sondern auch die Entstellung der Ereignisse. So taucht plötzlich der Diktator Reza Shah in der von Abdolah begehrten Höhle auf und lässt sich samt seinen Ingenieuren einfach von ahnungslosen Bauern wie Agha Akbar beraten, wie man die ersten Eisenbahnschienen durch den Safranberg verlegt, ohne die Felsenhöhle zu beschädigen. Oder wenn der Autor eine endlose Schießerei zwischen den Wächtern eines Frauen-Gefängnisses und der einzigen weiblichen politischen Gefangenen inszeniert, die tatsächlich in der Schah-Ära aus dem Kerker floh. Das geschah allerdings ohne blutige Aktionen und bei einem üblichen Gefängnisbesuch: Sie bekam von ihren Besuchern einen schwarzen Tschador, warf ihn über den Kopf und verließ unauffällig das Gefängnis mit den anderen ebenfalls verschleierten Frauen. Ein andermal schickt Abdolah Esmail als Sympathisanten der prosowjetischen Todeh-Partei Irans mit der Waffe auf einen Stadtbummel. Diese Partei propagierte aber nie den bewaffneten Kampf. Damit soll nicht behauptet werden, dass die Aufzählung von Fakten einen höheren Stellenwert als die Fiktion haben soll. Doch wenn man schon über den Zusammenhang von Erinnerung, Fiktion und Realität einen Roman schreiben will, muss man diese Bestandteile auch auseinander halten können. Andernfalls verliert der Text seine Souveränität, der Roman kollabiert unter zuviel Symbolik und schließlich hält die Dramaturgie des Buches dem Druck der ungeschickten Erzählakrobatik nicht stand.

Kommen wir jetzt nicht zu der Erzählgestaltung des Romans. Denn Abdolah machte sich auch darüber keine Gedanken. Geschwätzig und mit theatralischer Koketterie führt er Geschichten aus, von denen er selbst kaum etwas weiß: Zum Beispiel die Liebesaffäre Agha Akbars, die unendlich langatmig beschrieben wird, ohne sie erfahrbar zu schildern. "Irgendwann tauchte eine junge Frau mit einem Hut auf. Sie trat aus einer Seitengasse auf den Boulevard. Meines Vaters Augen leuchteten ... Wusste mein Vater eigentlich, was Liebe war? War er sich seiner Verliebtheit bewusst? Wie hätte ich damals wissen können, dass mein lieber Vater verliebt war?" Nicht nur die Lektüre solcher vertrauten Texte fordert Geduld, sondern auch die Analogie der weitschweifigen und umständlich entwickelten Bilder.

Bringen wir es auf den Punkt. Die geheime Schrift ist eine schlichte Kollage von verschiedenen Figuren in zusammengesuchten Landschaften im Iran und den Niederlanden. Die Protagonisten klären uns über ihr Leben und die damit verbundenen historischen und religiösen Ereignisse teilnahmslos auf. Hier ein bisschen Erdkunde, dort ein bisschen Physik, ein paar Stunden Religion und Historie und schlussendlich eine Episode aus dem Koran und ein langes Gedicht des niederländischen Dichters Jacques Bloem. Am Anfang werden die 12-Imame der Schiiten aufgezählt. Am Ende Verse des iranischen Lyrikers Hafiz auf Persisch in phonetischer Schrift. Dabei ist die Erzählhaltung des Autors stark geprägt von der des Superhelden Ismail, wenn er seinem Vater die Dinge erklärt: didaktisch, langatmig, ermüdend. Als ob er nicht taubstumm, sondern dumm wäre. Wir sind aber weder taubstumm noch dumm.

Abdolah Kader: Die geheime Schrift . Die Notizen des Agha Akbar. Roman. Aus dem Niederländischen von Christine Kuby. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, 367 S., 22,50 EUR


00:00 20.02.2004

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