Räuber, Rächer und Rebellen

Von Rinaldo Rinaldini bis Josef Stalin Sozialbanditen auf dem Prüfstand

Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank, ließ Bertolt Brecht kurz vor der Weltwirtschaftskrise 1928 seinen Mackie Messer auf der Bühne fragen - und gerade dieser Tage mögen sich manche wieder an diesen Spruch erinnern. Wenn dann noch ein soziales Herz in der Brust der Banditen schlägt und sie die Armen an ihrer Beute teilhaben lassen, rücken die "edlen Räuber" auch schon mal in die Nähe von Erlösern.

Sturm, Wildnis und Gebirge. Alles Wichtige passiert nachts." So charakterisiert der Germanist Martin Greiner die Atmosphäre der im 18. Jahrhundert beliebten Räuberromane. Ihr populärster Held Rinaldo Rinaldini, eine Erfindung des Trivialautors Christian August Vulpius, wird schließlich bei Mondschein auf der Flucht erschossen. Das höchst romantische Ende eines edlen Banditen.

Brutale Realität, romantischer Mythos

Die Realität der Räuberbanden wie sie nach der Französischen Revolution vor allem den politisch destabilisierten deutschen Südwesten unsicher machten, sah anders aus. Der typische Raubzug lief dort folgendermaßen ab: Ein "Baldower" macht den Räuberhauptmann auf eine Raubgelegenheit aufmerksam und hat vielleicht in der harmlosen Rolle des Hausierers die genaueren Umstände erkundet. Die Banditen versammeln sich nun aus verschiedenen Richtungen, indem sie sich an den "Gaunerzinken", einer an den Hauswänden angebrachten Geheimschrift, orientieren. Irgendwo wird ein langer Balken oder ein herausgerissenes Wegkreuz mitgenommen: der "Rennbaum", um Türen und Tore einzurennen. Überall geschwärzte Gesichter, Gewehre, heruntergekommene Gestalten. Bei Dunkelheit marschiert man ins Dorf ein, lärmend und singend, vielleicht sogar mit der Marseillaise - dann meint der Bauer, es sei ein vorüber marschierender französischer Truppenteil und legt sich beruhigt auf die andere Seite.

Doch plötzlich wird mit der Wucht des Rennbaums die Haustüre gesprengt. Die Hausbewohner werden brutal eingefangen und gefesselt. Wo sind Geld, Juwelen, Tafelsilber? Verstockte Bewohner werden mittels Gewalt zum Sprechen gebracht. Von den eingeschüchterten Nachbarn kommt niemand zur Hilfe, die örtliche Polizei ist niedergemacht worden, das Schlüsselloch der Kirche mit Wachs verstopft, um Sturmläuten zu verhindern. Die Räuber fühlen sich so sicher, dass sie noch am Tatort ein Fress- und Saufgelage abhalten. Anschließend Abmarsch, Aufteilung der Beute, Flucht in alle Richtungen.

War das nun romantisch? Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung von der schönen heilen Räuberwelt. Auch Rinaldo Rinaldini ist Thema unzähliger Comics, Romane und Filme. Doch mehr noch als der Mythos vom freien und ungebundenen Räuberleben überdauert eine andere Überlieferung: die Vorstellung vom Sozialbanditentum. In ausgleichender Gerechtigkeit hätten einige Räuber die Reichen beraubt, um den Armen zu helfen. So wie einst Robin Hood im Sherwood Forrest. Weltweit wird von ihnen berichtet.

Insbesondere der britische Historiker Eric Hobsbawn hatte behauptet, bei der Figur des sozialen Räubers habe es sich nicht nur um eine Verklärung der Volksmythologie gehandelt. Einzelne Banditen, ja ganze Räuberbanden, seien auch als Rebellen gegen Ausbeutung und Unterdrückung einzustufen. "Eine Räuberbande steht außerhalb jener Sozialordnung, die den Armen Fesseln anlegt. Sie ist eine Bruderschaft von Freien und nicht eine Gemeinschaft von Untertanen." Nicht immer stand die "Umverteilung" im Vordergrund, oft ging es schlicht um Rache. Aber: "Vernichtung war ihre Sozialjustiz."

Beispiele dafür sind die süditalienischen Briganten, die sardischen Banditi, die spanischen Bandoleros oder die südosteuropäischen Heiducken, ja selbst die russischen und ukrainischen Kosaken. Die Kosaken waren ursprünglich Gemeinschaften berittener Bauern, die sich aus ihrer Leibeigenschaft gelöst hatten und plündernd auf Beutezüge ausgingen. Ähnlich die Cangaceiros im verarmten, vom Großgrundbesitz niedergedrückten Nordosten Brasiliens. Bis auf den heutigen Tag herrschen dort extreme Ausbeutungsverhältnisse an den Grenzen der Sklaverei. Ihr berühmter Anführer Virgulino Ferreira da Silva hatte erlebt, wie seine Eltern brutal von Grundbesitzern ermordet wurden.

Die These, solche Desperados hätten sich an Ideen sozialer Gerechtigkeit orientiert oder seien als Beglücker der Armen aufgetreten, wird von der gegenwärtigen Forschung jedoch zumeist bestritten. Manches Banditentum sei häufig zwar sozial verursacht gewesen und könne somit wohl als eine Form des sozialen Protests interpretiert werden. Die dafür gewählten Methoden finden vor den Augen der Historiker aber wenig Gnade.

Protest gegen Ausbeutung?

Ein Beispiel ist der italienische Bandenführer Salvatore Guiliano (1922-1950). Der Volksmund verklärt ihn zum "Robin Hood Siziliens". Vielleicht war er eher ein Guerillero für ein unabhängiges Sizilien, möglicherweise aber auch schlicht ein Serienmörder. Jedenfalls weist er alle Merkmale eines Volks- und Kinohelden auf. Der charismatische Sohn eines Landarbeiters, glänzend aussehend, tatkräftig und rebellisch, wurde schon zu Lebzeiten eine Ikone der Massenmedien. Stets verteilte er seine Beute an die Armen, so der Mythos. Von den mindestens 300 Ermordeten, die auf das Konto seiner Bande gingen, waren rund 87 Carabinieri. Nach Ansicht vieler Bauern traf es damit nicht die Falschen, denn diese paramilitärischen Polizisten wurden nicht ganz zu Unrecht als Verteidiger der agrarischen Ausplünderung angesehen.

Überall, wo agrarische Ausbeutung vorherrscht, Großgrund- und Latifundienbesitzer, Viehzüchter und Feudalherren die Menschen als Leibeigene oder Wanderarbeiter zur Billigarbeit und zu Frondiensten zwingen, erzählt man seit alters her von derlei Volkshelden. So wird auch Billy the Kid (Henry McCarty), einem der vielen berühmten Revolverhelden des Wilden Westens, nachgesagt, eine habe eine soziale Ader gehabt. An der mexikanischen Grenze agierend, habe er, wie die Folklore berichtet, die Weißen bestohlen, um die Beute an die armen Mexikaner zu verteilen. In Wirklichkeit war dieser Pistolero eher einer der zahllosen berittenen Viehhirten, die man Cowboys nannte und die sich leicht in Outlaws und Kriminelle verwandeln konnten, denn ihre soziale Lage war mehr als miserabel. Billy geriet als Anführer einer kleinen Gruppe von Gunmen um 1878 in den so genannten Lincoln County Rinderkrieg, eine Privatfehde zwischen reichen Rinderbaronen. Dort tat er sich als besonders treffsicherer Killer hervor. Als er einmal zufällig unbewaffnet war, wurde er von Pat Garrett, dem berühmten Sheriff von Lincoln County, umgelegt.

Wie sehr solche Formen des Banditentums Tradition haben, zeigt ein Blick in die weiter zurückliegende Geschichte. Schon im Feudalwesen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit rekrutierten sich Gauner und Räuber in erster Linie aus den breiten Schichten der sozial Deklassierten und Entwurzelten. Fahrendes und "unehrliches Volk", landlose Bauern, Bettler, Zigeuner, marodierende Landsknechte, Deserteure, Schausteller, Huren, Quacksalber und Beutelschneider, kurz Galgenvögel jeder Art, alle unter der Bezeichnung "Vaganten" zusammengefasst, wanderten von Ansiedlung zu Ansiedlung. Kriminell zu werden war naheliegend und durch die soziale Lage vorbestimmt. Wer sich hier besonders hervortat und sei es nur, indem er über längere Zeit geschickt seine Häscher an der Nase herumführte, hatte beste Chancen gefeiert zu werden.

Bankraub als "Expropriation"

Doch in modernen Industriegesellschaften scheint das für Agrargesellschaften so typische Bandenwesen ebenso verschwunden zu sein wie der heroische Sozialbandit, dem das Volk in Liedern und Erzählungen romantisierend ein Andenken wahrt. Es gibt Ausnahmen, wie das Verbrecherpärchen Bonnie und Clyde. In den Wirren der Weltwirtschaftskrise waren sie Bankräuber aus Passion. Ihren von zahllosen Einschusslöchern durchsiebten Ford Deluxe, den sie nicht mehr lebend verließen, kann man immer noch im Internet bestaunen. Bonnie E. Parker war die Tochter eines Maurers, Clyde Ch. Barrow entstammte einer verarmten Landarbeiterfamilie. Man kann vor einer Suppenküche Schlange stehen in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit, man kann aber auch Banken ausrauben. Beide Lösungen sind nicht vergleichbar, jedoch Methoden, um unter Extrembedingungen zu überleben.

Eher schon bewusste Rebellen gegen die soziale Ungerechtigkeit des Kapitalismus waren vielleicht Sacco und Vanzetti. Diese beiden in die USA eingewanderten italienischen Arbeiter hatten sich den Anarchisten angeschlossen. Hart gingen damals die US-Behörden gegen sozialistische und kommunistische Umtriebe vor. Ferdinando Sacco und Bartolomeo Vanzetti wurden 1927 wegen eines angeblichen doppelten Raubmords auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Aus der Mythengeschichte der Arbeiterbewegung sind sie seitdem nicht mehr wegzudenken.

Obgleich Sacco und Vanzetti möglicherweise zu Unrecht hingerichtet wurden, war die Verbindung von Kriminalität und Anarchismus nicht so abwegig. Der Unterschied zwischen einer Räuberbande und einer Gruppe anarchistischer Sozialrebellen ist eine Sache der Sichtweise.

Deutlich wird dies am Beispiel der so genannten "Expropriationen", wie sie den Anarchisten im vorrevolutionären Russland angelastet werden. Bei diesen "Enteignungen" handelte es sich um nichts anderes als Banküberfälle. Die Bolschewiki übernahmen diese Methode, um ihre Partei zu finanzieren. Besonders schockierte 1907 ein Überfall in Tiflis. Er brachte den Bolschewiki rund eine Million Rubel ein und kostete 40 Menschen das Leben. Der junge Stalin hatte sich dabei als Anführer verdient gemacht.

An romantisches Sozialbanditentum mag man in Zusammenhang mit seinem Namen nicht mehr denken. Doch wäre Stalin damals von der Polizei erschossen worden - vielleicht wäre ihm ein ähnlicher Nachruhm beschieden gewesen wie etwa Diego Corrientes (1757-1781). Dieser "edle Räuber" Andalusiens wurde vom Volk sogar mit Christus verglichen.

Das Bedürfnis nach Helden und Beschützern war durch die Jahrhunderte hindurch offenbar so groß, dass man auch unpassende Kandidaten verherrlichte. Die Figur des heroischen Beschützers, der Unrecht wieder gut macht, für Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich sorgt, ist ein tief verwurzelter Traum, der bis in die Nähe des endzeitlichen Erlösers reicht, im christlichen Raum des Messias, im islamischen des Mahdi. Ein solcher Hoffnungsträger schafft jene neue Erde, auf der die Unterdrücker bestraft werden und die Entrechteten endlich bekommen, was ihnen zusteht.

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00:00 13.11.2008

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