Rauchen, ohne zu inhalieren

Kommentar Fischer und seine Fehler

Bis auf Tränen wurde alles geboten: Fischer mit Dackelblick, Fischer zerknirscht, Fischer reuig, Fischer mit Tremolo, dann wieder Fischer im Stakkato. Der Landesparteitag der nordrhein-westfälischen Grünen war begeistert. Ausgerechnet dort, wo die Ökopaxe noch während des Kosovo-Krieges "Fischer-freie Zonen" ausgerufen und sich die Anwesenheit des Völkerrecht brechenden Außenministers verbeten hatten, läutete der seine mediale Gegenoffensive in der Visa-Affäre ein und schleuderte aus dem Glashaus heraus ein paar kantige Brocken auf seine Widersacher.

Die Union, so tönte er, kriminalisiere ein ganzes Volk. Die tapferen Ukrainer hätten frierend für die Freiheit und, jawohl, auch "für die deutschen Interessen" gekämpft, und jetzt würden sie von den Konservativen als Schlepper, Schwarzarbeiter und Prostituierte dargestellt. Im Übrigen könnten die Grünen stolz darauf sein, in Deutschland für "Weltoffenheit" gesorgt zu haben, am Volmer-Erlass gebe es nichts auszusetzen, von einigen Ausführungsbestimmungen abgesehen.

Schließlich bekannte sich der Außenminister in einigen Sätzen zur Verantwortung für seine Fehlleistungen - und nicht nur, wie zuvor, für die seiner Mitarbeiter. Warum war das Mea Culpa aber notwendig, wenn die Karawane auf dem historischen Zug in die Multi-Kulti-Republik nur ein bisschen Krümelkacke hinter sich gelassen hat?

Doch mit dieser Frage wird man dem Außenminister nicht gerecht. Mit seinem Schuldeingeständnis kopiert er sein großes Vorbild Bill Clinton: Er habe Haschisch geraucht, räumte der in die Enge getriebene US-Präsident einmal ein, aber ohne zu inhalieren. Und etwas später: Ja, er habe einer kleinen Praktikantin seine Zigarre gezeigt, aber Sex sei das nicht gewesen. Und im Übrigen, ergänzten seine Trouble Shooters, gehe es der republikanischen Meute doch nur um einen Kreuzzug für muffige Sexualmoral und ein evangelisches Roll Back gegen Sex, Drug and Rock´n´Roll. Als alles nichts mehr nützte, entdeckte Clinton über Nacht das Schreckgespenst al-Qaida und ließ Marschflugkörper auf Arzneimittelfabriken im Sudan abfeuern. Ein Vaterlandsverräter, wer da an Wag the Dog denkt. Kein Mensch, außer Kenneth Starr und seine Wadenbeißer, traute sich in dieser Situation noch, den eigentlichen Skandal zu benennen: Dass ein Präsident den Kongress und damit das Volk monatelang belogen hatte. Am Schluss war die einzige Strafe für Clinton, dass ihn Hillary für einige Zeit auf das Sofa in seinem Arbeitszimmer verbannte.

Wie Clinton schlägt sich Fischer an die Brust und bekennt seine Verantwortung - aber ohne jede Konsequenz. Das wird durchgehen, weil das Personal, das auf seinen Sturz hofft, noch liederlicher ist. Kann sich irgend jemand einen Christian Wulff, den neuen Darling der Demoskopen, als Außenminister vorstellen? Deswegen wird Joschka Fischer wohl im Amt bleiben - das kleinere Übel, das zu immer größeren Übeln führt.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 04.03.2005

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare