Rauchen und Schallen

Berliner Abende Kolumne

"Genug von Rilke. Lange genug um den uralten Turm gekreist. Jetzt mal Butter bei die Fische, Nägel mit Köpfen." Findet Frau Nix. Die auch findet, meine Überempfindlichkeit in punkto evangelischer Reden, Riten und ästhetischer Ausrutscher in Kirchenräumen müsse doch mal ein Ende haben. Und zwar jetzt.

Frau Nix hat gut reden. Sie hat das Trauma einer pietistischen Kindheit auf ihre Weise bearbeitet: erst in den MSB Spartakus, rote Fahnen schwenken, die Zeit vergehen lassen, dann stracks, ohne nur einmal nach rechts und links zu sehen, sich in kirchliche Dienste gestellt. "Das wollen wir hier nicht vertiefen", sagt Frau Nix streng. Sie lotst mich fürsorglich in meinen hart erarbeiteten, backsteinernen Bannkreis. Sie zwingt mich viele Stufen hochzusteigen. Peu à peu und Schritt für Schritt, denn Gott sei Dank muss die Nix ob ihrer geräucherten Lungenflügel immer mal wieder kurz pausieren. Mein tickendes Allergiemessgerät verzeichnet zunehmend leichte Ausschläge. Als wir die schwere, eisenbeschmiedete Kirchentüre aufstemmen, ist der Rauchsalon schon eröffnet. Hier stehen die Freundinnen und Freunde tödlicher Genusskultur fröhlich um einen selbstgetöpferten Aschenbecher und gefährden sich und ihre nähere Umgebung. Genau nach Packungsanleitung, also erheblich, und unbeschadet der Aussicht, ihr stimmliches Material in den Keller zu qualmen. Singen ist gesund, ruft der pensionierte Pfarrer und schwenkt seine PallMall einladend in Richtung Probenraum. Frau Nix beginnt mit einem erfreuten: Ihr fangt doch nicht gleich an, sofort nach ihren Glimmstengeln zu kramen.

Ich fühle mich ein bisschen verlassen, so ganz allein auf dem Präsentierteller. Sehr ungern werde ich auf diese Art gemustert. Aber es muss wohl sein. Zögerlich durchquere ich das Spalier neugieriger Blicke. Räuspere mich einmal versuchsweise hinter dem breiten Rücken am Klavier. Der dreht sich um. Oha! Madame la Maitresse de chapelle, mir von der Nix so beredt ans Herz gelegt, jung, kess und nicht ganz eindeutig.

"Nicht ganz eindeutig? Was soll denn das heißen", zischelt die Nix, während sie in der Reihe der Tenöre verschwindet. "Och, na ja, keine große Sache", murmele ich vor mich hin und lasse die Mutmaßung im aufbrandenden Stimmengewirr versickern. Schließlich fühle ich mich, hier und jetzt, unzweideutig unwohl. Verdammte Schnapsidee, denke ich beunruhigt. Alberne, blöde Schnapsidee! Hatten wir wirklich, Bakchos huldigend, reichlich angezwitschert vor der Stammkneipe gesessen und das so heilsam Verdrängte beschworen? Ungezählte Gläser später gar seine Wiederkehr gefeiert, unsere spirituellen Biographien durchgehechelt und geistliches Liedgut geträllert? "Lobt fro-hoh de-hen Her-ren, ihr ju-gend-lichen Chöre!" Alte Tanten! Aber da hatte sie mich schon am Haken, die Nix. Morgenluft gewittert, gekonnt die Gunst der blauen Stunde genutzt und mir diesen Ausflug aufgeschwatzt.

Jetzt ist der schöne Rausch vorbei. Hartes Gestühl drückt auf mein Kreuz. Dem Hungertuch darf ich - gepriesen sei die Sitzordnung! - den Rücken zukehren. Der nackte Gedanke an dieses Prachtstück missionskirchlichen Brauchtums lässt sich verschmerzen. Verschmerzen, denke ich, ein schönes Wort, über das sich lohnt nachzusinnen. Doch zum Sopran verurteilt hocke ich stumm da, bedrängt und eingeengt. Frau Nix indes sitzt Wohlbehagen verströmend zwischen drei Tenören, parliert und plaudert. Aber da bleibt keine Zeit, der Verführerin böse Blicke zu schicken und Trübsal zu blasen. Notenblätter kursieren. Nach konzentrierter Betrachtung des Eingangschors beginnt eine alte, fast vergessene Krankheit ihre Finger zu strecken und knacken zu lassen. Der Pschyrembel nennt es: Eitelkeit. Euch zeig ich´s! Ha! Ich schaue nach vorn. Frau Kapellmeisterin, ihr Einsatz soll sich lohnen! Ich öffne den Mund und lasse die Stimmbänder los. Was im Tutti folgt, klingt nach verschnittenem Federvieh.

Habe ich nicht, meiner Imaginationskraft sei Dank, ein wahrhaft glanzgeschmirgeltes Osanna In Excelsis in Samthosen durch die Gurgel rutschen lassen? Irritiert fasse ich ans Ohr, in dem es schnarrt und giftig tönt: "Wenn du´s nicht kannst, sing doch leise!" Protestantische Taktlosigkeit! Die Nachbarschaft schraubt sich in halskrank schrillenden Sequenzen eifrig weiter in die hohen Lagen. Da stampft die Dirigentin plötzlich mit dem Fuß auf, haut das Cembalo einen hübschen Akkord lang. Sakrissimo! Ihr zornig eingefärbtes Puttengesicht wirft schmerzliche Falten. Heftig reibt sie sich das Kinn, fragt scheinheilig in die düpierten Mienen hinein: "Was heißt eigentlich Osanna in Excelsis?" Stille. Gemurmel. Dann klopft ein altgedienter Messbesucher sich auf die arthritischen Schenkel. Hilf doch in der Höhe! schallt er und lacht wie ein ganzer flügelschlagender Krähenschwarm.


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00:00 03.02.2006

Ausgabe 39/2020

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