Rauchzeichen wären besser

Selbstversuch Wer mit dem Fahrrad durch Russland fährt, erkennt, dass ein neuer Kalter Krieg eine Erfindung der Medien ist

Zum zweiten Mal fuhr ich mit dem Fahrrad von Berlin an die Wolga und wieder zurück. 12. 000 Kilometer habe ich in diesem und im letzten Jahr allein in Russland und der Ukraine zurückgelegt. Auf der Rückfahrt, in Polen, sehe ich in einer Raststätte die ersten Bilder vom Georgien-Russland-Krieg. Ich kaufe eine polnische Boulevardzeitung, eine ganze Seite ist der Prognose gewidmet, dass die Situation im Kaukasus sich zu einer Auseinandersetzung zwischen NATO und Russland ausweiten könne. Die Zahl der Panzer, der Flugzeuge, der Soldaten wird aufgelistet. Wortbilder und eine Sprache wie aus dem Kalten Krieg. Über den Beginn eines neuen Kalten Krieges wird auch in den deutschen Medien spekuliert, wie ich Tage später erfahren soll. Einstweilen tut mir der Hintern weh, der Sand aus der Steppe und der Kohlestaub vom Donbass knirschen noch zwischen meinen Zähnen, die Wunde vom Zeckenbiss im Wald bei Lublin ist aber verheilt.

Wie dumm man als Medienkonsument ist, merkt man als Fahrradfahrer in Russland oder in der Ukraine. Als Medienkonsument denke ich: Die Ukraine ist politisch geteilt, der Osten pro-russisch, der Westen anti-russisch, pro-westlich! Als Fahrradfahrer erlebe ich: Jeder Mensch denkt anders, und vor aller Moral kommt das Fressen, denn die meisten Leute in der Ukraine müssen hart ums Überleben kämpfen, Politik ist Luxus, nicht realer als eine brasilianische Seifenoper. Im Donbass, dem Kohlerevier, klopften mir Bergarbeiter die Schulter wund, als ich naiv fragte, was sie von Janukowitsch halten, ihrem angeblichen politischen Liebling. Zu viel Zeitung gelesen, junger Mann, was? Für das Volk tut die Regierung nichts, egal, wer an der Macht ist!

Von Medienkonsumenten, von Russen wie von Deutschen, werde ich immer wieder gewarnt. Das sei doch gefährlich, mit dem Fahrrad durch "den Osten" zu reisen! Da leben doch so viele Verrückte, Banditen, die Mafia!

Einmal erhielt ich eine SMS von Natascha aus Berlin. Sie sei bei einem "stinklangweiligen Vortrag im Auswärtigen Amt". Die Deutschen, denen sie von meiner Reise erzählt, lassen anfragen, wie oft ich schon überfallen wurde. Ich kann über diese Beleidigung der in Russland und in der Ukraine lebenden Menschen schon gar nicht mehr lächeln, sondern staune nur, dass man diese Frage so gern mit einem witzigen Unterton stellt. Im Mietshaus kennt man den Nachbarn von gegenüber nicht, aber dass der Schleusenwärter vom Dnjepr ein Dieb ist, weiß man ganz genau.

Vor Menschen, die bei der Arbeit schwitzen und schmutzige Hände haben, habe ich keine Angst. Und gefährlich waren auf diesen beiden Reisen die Einladungen zum Saufen, sonst gar nichts.

Wer Fahrrad fährt, schwitzt selber, das ist ein Vorteil, wenn man die Wirklichkeit kennenlernen möchte. Ich fragte viele Leute: Wer hat Interesse daran, dass die Ukraine Mitglied der NATO wird? Ich fragte meine Kollegen, denn ich war Mitglied in einer Brigade von Bauarbeitern geworden. Ich fragte einen Veterinärinspektor, mit dem zusammen ich eine Wiese mähte. Ich fragte am Tag des Buchhalters während einer spontanen Feier in einer Brotfabrik, die Sekretärinnen und den Chefbuchhalter. Niemand wollte den Beitritt in die NATO. Auch bei Straßenumfragen das gleiche Erlebnis, an Bushaltestellen, die ich fotografierte, weil sie häufig mit Mosaiken ausgestaltet sind wie römische Bäder. Es gefällt mir, die Leute zum Reden zu bringen, sie lassen sich besser fotografieren, außerdem habe ich dann beim Fahren wieder Stoff zum Nachdenken.

Ich war ehrlich überrascht, ich hatte vorher etwa 30 Prozent Zustimmung vermutet. Natürlich hat dieses Umfrageergebnis keine statistische Relevanz, es wird mein Karma sein, dass ich nur NATO-Gegner traf.

Dann kam ich nach Russland, nach Rostowna-Donu, und erzählte von meiner Umfrage in der Ukraine auf einer Pressekonferenz. Die Russen freuten sich. In diesem Jahr machte ich den gleichen Test, mit dem gleichen Ergebnis, nur mit dem Unterschied, dass ich diesmal in der Ukraine gefeiert und mir gratuliert wurde, wenn ich meine Zeitungsberichte vom Vorjahr zeigte. Toll, dass du die Wahrheit über uns berichtest, wir wollen nicht in die NATO!

Meine Kollegen aus der Brigade meinten: Wenn beide Länder unterschiedlichen Militär-Blöcken angehören, wird es für uns viel schwerer, illegal in Moskau zu arbeiten! Und sie brauchen das Geld, um ihre Familien zu ernähren, ich kann es bezeugen.

Die Ukraine will in die NATO, die Ukrainer wollen das nicht. Es gibt natürlich NATO-Befürworter. Eine Literatur-Dozent von der Uni meinte: Manche seien für den NATO-Beitritt, weil sie hofften, somit leichter in die EU zu gelangen. Zur Tomatenernte nach Spanien, statt nach Moskau auf die Baustelle, aber gestritten wird über Raketen.

Auf dem Fahrrad lache ich viel, auch über politische Begriffe. Die Kontraste zwischen der Wirklichkeit und den Begriffen, die sie beschreiben sollen, sind zu stark. Russland "wird autoritär regiert"? Vielleicht, aber im Alltag hilft das Menschenrecht auf Lüge weiter, und es ist nicht gegen die Regierung gerichtet, wie ich an einem Sonntagmorgen in einem Dorf beobachten konnte.

Eine Frau verkauft frische Wurst am Straßenrand, wir schwatzen ein bisschen, sie bietet mir einen Stuhl an, ich frühstücke. Dann stoppt ein 100.000-Dollar-Jeep, der Fahrer steigt aus, klimpert mit seinen Goldkettchen, und die Frau schmeichelt ihm. Gut siehst du aus, Vasjenka, kauf diese Wurst! Und Vasjenka kauft und lässt auch fünf Rubel Trinkgeld da.

Sie kennen sich von früher? Wie ist er zu seinem Geld gekommen? frage ich die Frau. Sie beginnt zu schimpfen. Ein Dieb ist er, früher war er Chef vom Kolchos, kaum besser als wir alle! Zur Schule sind wir zusammen gegangen! Wenige Minuten später stoppt der nächste Jeep, fast vom gleichen Typ wie der vorige, ebenso der Fahrer. Auch dieser heißt Vasjenka, er trägt ein paar mehr Goldketten als Vasjenka eins, kauft auch etwas mehr Wurst als dieser, lässt auch etwas mehr Trinkgeld da, obwohl die Frau ihm etwas weniger schmeichelt. Vasjenka steigt wieder in sein gekühltes Auto, die Frau wedelt die Fliegen von der Wurst. Was soll ich machen, sagt sie. So leben wir.

Der Medienkonsument als Demokrat ist eine Witzfigur - schließlich war nicht nur Georg Bush für den Irakkrieg, sondern auch die Mehrheit der Amerikaner. Die Mehrheit der Mehrheit glaubte nämlich, Bin Laden lebe im Irak.

Die öffentliche Meinung besteht aus industriellen Produkten. Legenden, Märchen, Fakten, brisante und dumme, schmutzige Wahrheiten mischen sich, ohne dass sie der Konsument voneinander unterscheiden kann. Das Sammelsurium an Informationen ist einerseits äußerst profan, weil es den einzelnen selten in einer direkten oder verständlichen Weise betrifft. Es wirkt andererseits äußerst zynisch, da es "Informiertheit" mit Substanz und Wahrheit gleichsetzt, ohne über die eigene Substanzlosigkeit zu informieren, ohne das eigene Zustandekommen zu erkennen. Aufmerksamkeitsmessungen erzeugen Produkte, so kommt es, dass die schlüpfrigen Nachrichten über einen Busenstar gleichwertig neben den Meldungen über den Irakkrieg stehen.

Während der Fußball-EM bin ich in Saratow an der Wolga. Russland - Holland sehe ich in einer Kneipe im Zentrum, im "Schiguli", zusammen mit Freunden. Ich frage sie vor dem Spiel nach ihren Prognosen. Sie geben keine Tipps ab. Gute Erwartungen würden nur zu schlechten Resultaten führen, wie im richtigen russischen Leben. Bei der Sbornaja könne man außerdem nie voraussagen, wie sie spielen werde, das mache sie ja so gefährlich.

Ein wichtiger Mentalitätsunterschied zu Deutschland: Die Hoffnung vermeiden, sie sich verbeißen, diese Haltung haben hier viele Leute.

Etwa 100 Gäste sind in den drei Räumen, mindestens die Hälfte von ihnen Frauen. Obwohl die Kneipe manchmal bebt von den Rossia-Rufen, geht es bis zum Schluss zivilisiert zu, keine sinnlos Betrunkenen nerven. Besonders häufig ertönt der Gesang: "Russland, wir sind mit dir". Pathos und Selbstironie, wie im echten Volkswitz, gleichen einander aus in dieser persönlichen Anteilnahme am sportlichen Schicksal eines Landes, in dem immerhin knapp 100 Völker leben. Es feiern ja nicht nur Russen den Sieg, sondern Koreaner, Deutsche und Tataren ebenso, auch an den Nebentischen. In ausländischen Medien gibt man Russland gern ein russisches Gesicht und wirft den Russen dann Xenophobie vor.

An der russisch-ukrainischen Grenze fragt mich ein russischer Offizier: Na, mit dem Fahrrad durch Russland zu fahren macht wohl mehr Spaß als Soldat zu sein? War ihr Großvater Soldat in Stalingrad?

Beide Fragen bejahe ich brav. Zum ersten Mal werde ich danach gefragt, normalerweise werden Deutsche von diesem Thema verschont.


In Berlin lese ich die Briefe meiner empörten russischen Freunde: "Alle sind sehr erstaunt, dass die anderen Länder an der Seite von Saakaschwili sind. In unseren Augen ist er ein echter Hitler. Wir warteten auf die Resonanz des Westens am Samstag, als Georgien Zchinwali angegriffen und die Stadt vernichtet hat. Westliche Medien begannen erst am Sonntag, über den Krieg zu berichten, als das russische Militär anfing, die Bevölkerung zu verteidigen und die georgischen Truppen zu vernichten."

Ich teile ihr Erstaunen und muss ihnen doch widersprechen. Der Westen, das sind viele Akteure, und in den westlichen Medien ertönen viele Stimmen. Der Konsument wird mit Informationen gut versorgt und denkt: Wir, die heutigen Menschen, wissen immer mehr. Doch der einzelne weiß im Verhältnis zum Gesamtwissen immer weniger. Wahrscheinlich können Nachrichten mit Hilfe von Rauchzeichen genauer übertragen werden als mit elektronischen Medien.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare