Rauriger Terrier, schöne Stakkatofrau

Berliner Abende Ich neige offensichtlich dazu, mich in Kneipen stets in der Nähe von Problemzonen aufzuhalten. Und das ist gerade mal die halbe Wahrheit. Es passiert ...

Ich neige offensichtlich dazu, mich in Kneipen stets in der Nähe von Problemzonen aufzuhalten. Und das ist gerade mal die halbe Wahrheit. Es passiert mir mitnichten nur in Kneipen, auch in Restaurants, deren Speisekarte einer schon der Preise wegen das Gefühl eines besonderen Abends vermitteln wollen, komme ich gern neben zankende Paare, deprimierte Freunde, Freundinnen am Rande des Nervenzusammenbruchs oder dem Eingang zur Küche zu sitzen. Das geschieht, obwohl ich mir, bevor ich mich setze, das menschliche Umfeld immer sehr genau angucke. Es ist, sagte meine Mutter, Schicksal und sollte als solches behandelt werden.

Natürlich habe ich den Film 8 Frauen gesehen und natürlich war ich wieder einmal verknallt in Isabelle Huppert. Meine Wünsche sind ja bescheidener geworden. Diesmal wollte ich nur noch so singen können wie sie. Und das Kleid, das sie zum Schluss trägt, hätte ich auch gern.

Den Abschluss des Abends sollten ein kleiner Wein und ein Schwelgen in Erinnerungen bilden. Malina, die Klavierspielerin, die Spitzenklöpplerin, was hat die Frau, was ich nicht habe ...

Die beste Variante, weil mitten auf dem Heimweg, war das Sternchen, kein besonders üppiges Etablissement, sondern das, was wir früher Wohngebietsgaststätte genannt haben. Übrigens mit einer Kellnerin, die das Bundesverdienstkreuz kriegen sollte, weil sie so klein und so mutig und so schnodderig ist. Selbst dann, wenn am Tresen die Jungs mit den Pittbull-Shirts stehen und gegen links trinken.

Ich wählte draußen einen Platz, lauschig, mit Blick aufs Bezirksamt, neben zwei jungen Männern, die mir auf den ersten Blick nichts Schreckliches vorzuhaben schienen. Nun ja. Meine ersten Blicke sind die besten nicht. Nachdem der Wein bestellt war, hatte ich ausreichend Zeit, mich auf das nicht leise Gespräch der beiden einzulassen. Und wer sagt´s? Es ging um die schlechten Seiten des Lebens. Der eine hörte die ganze Zeit zu, der andere war unglücklich. Und zwar in einer Art und Weise unglücklich, dass ich innerhalb kürzester Zeit nicht nur auf dem Boden der Tatsachen angelangt war, in meinem Kopf machte sich zudem ein latent vorhandener Weltschmerz breit, dem der Wein keine Abhilfe versprach. Schließlich hatte der Mann neben mir nicht nur kein Geld, hinzu kamen Berge von Schulden, ein nur befristeter und schlecht bezahlter Job, ein Mädel, das ihn verlassen hatte und die eigene Unfähigkeit, wie er lang und ausführlich erklärte, mit Geld umgehen zu können. Dabei trank er Bier und Klaren und guckte traurig wie ein Yorkshireterrier.

Eine halbe Stunde später war ich am Ende meiner guten Laune, am Anfang vom Ende meiner Kräfte und mitten in einer Lebenskrise, die ich nicht selbst verursacht hatte. Vom Film konnte ich in diesem Moment nur noch das Abschlusskleid von Isabelle Huppert erinnern. Ein rudimentärer Rest von Selbsterhaltungstrieb war also noch vorhanden.

Nur drei Tage später wagte ich mich wieder ins Kino. Meine Taktik war, mir den Film nicht im Nachhinein verhageln zu lassen, sondern vorher Wein zu trinken. Die Kneipenterrasse war leer. Nur ganz hinten saß ein Mann, las Zeitung und trank einen Rotwein. Alles im grünen Bereich also.

Eine Frau in einem auch nicht unspektakulären Kleid kam die Straße hoch auf die Terrasse der Kneipe zugelaufen. Sie hatte diesen Schritt, dessen Stakkato einer nichts Gutes verheißt, und Mord in den Augen. Bitte, dachte ich noch, da saß sie schon bei dem Mann am hinteren Tisch und fing an, ihn in sämtliche Einzelteile zu zerlegen, ohne vorher versprochen zu haben, ihn hinterher wieder zusammenzubauen. Ich wurde zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit Zeugin eines großartigen Monologs, deren Inhalte mich über stimmungsaufhellende Mittel nachdenken und ein weiteres Mal an Schicksal glauben ließen. Ob der Mann lebend aus den Fängen der schönen Stakkatofrau gekommen ist, weiß ich nicht. Ich musste ja ins Kino.

Und dort gab ich mir an jenem Abend, der angefangen hatte, wie sonst meine Abende aufzuhören pflegen, den Rest. Ich habe "Hundstage" gesehen, von Ulrich Seidl. Ein hervorragender Film und deprimierend wie ein Sonntagsspaziergang mit Schaufensterbummel im Märkischen Viertel. Nein, ich versuche jetzt niemandem zu erklären, warum. Es ist einfach nur so, dass Seidls Sicht auf die Dinge mir vertraut vorkommt. Er scheint auch andauernd neben Menschen zu sitzen, die sich am Ende der Fahnenstange bewegen, am Rande des Abgrunds, in der Höhle des Löwen, vor dem Tor der Hölle, in den Fängen des Wahnsinns, am Ufer des Styx, bei den Dreharbeiten mit den Teletubbis ...

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 06.09.2002

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare