Raus aus Afghanistan!

Militär Trump holt US-Truppen nach Hause. Das setzt andere unter Druck – dennoch ist die Entscheidung richtig
Raus aus Afghanistan!
Trump will das Land aus Kriegen herausziehen, die kein Ende finden und enorme Risiken bergen

Foto: Mark Wilson/Getty Images

Zu guter Letzt will Donald Trump noch schnell die US-Truppen in Afghanistan signifikant reduzieren. Bis zum 15. Januar sollen 2.000 Soldaten abziehen, sodass ein Restkontingent von lediglich 2.500 verbliebe. Das gehört sich zwar nicht für einen abgewählten Präsidenten, aber den stört das nicht.

Auch der Umstand, dass es noch keine Übereinkunft zwischen Kabul und den Taliban gibt, ist für ihn kein Hindernis. Die Entscheidung hat sowohl in den USA als auch in der NATO für Entsetzen gesorgt. Ohne die besonderen Fähigkeiten der Amerikaner wäre der ganze NATO-Einsatz nicht mehr tragbar. Immerhin sind noch 12.000 NATO-Soldaten im Land. Deutschland müsste sich schleunigst darum kümmern, seine 4.500 Einsatzkräfte heimzuholen.

Drei Gründe erklären, was Trump will. Erstens erfüllt er damit sein Wahlversprechen. Der Truppenabbau in Afghanistan (und im Irak) läuft seit einiger Zeit. Letzter großer Schritt war die Reduzierung am Hindukusch von 9.000 auf 4.500 Soldaten. Bereits Barack Obama hatte vergeblich versucht, die Kriege in Afghanistan und im Irak zu beenden. Die Hinhaltetaktik der Interventionsbefürworter, besonders aus dem Sicherheitsapparat und Kongress, sowie eigene Unentschlossenheit verhinderten das Vorhaben. Trump wird nun ebenfalls den von ihm bereits 2011 geforderten völligen Abzug nicht schaffen, sich dem jedoch annähern. Zweitens entspricht sein Entschluss der militärstrategischen Umorientierung der USA. Nicht der Kampf gegen den Terrorismus und gegen Aufständische oder gar Stabilisierungsoperationen stehen im Vordergrund, sondern die Konkurrenz mit anderen Großmächten, besonders mit China. Laut Verteidigungsstrategie von 2018 sind sowohl der globale Führungsanspruch der USA als auch ihre militärische Überlegenheit bedroht. Man brauche daher eine Armee, „die tödlicher, widerstandsfähiger und innovationsfreudiger“ ist.

Drittens will Trump das Land aus Kriegen herausziehen, die kein Ende finden und enorme Risiken bergen. Der fast 20 Jahre dauernde Afghanistankrieg ist der längste in der US-Geschichte. Er kostete bislang 3.600 US-Soldaten das Leben, mehr als 20.000 wurden verwundet. Die Gesamtzahl aller Opfer liegt über 150.000, was Trump weniger interessieren dürfte. Die Kosten für das US-Engagement allein in Afghanistan beliefen sich von 2001 bis Ende 2019 auf satte zwei Billionen Dollar. Mit welchem Erfolg? Keine gute Regierungsführung in Kabul, unzuverlässige Sicherheitskräfte, widerstandsfähige Taliban, neue Terrorfilialen von al-Qaida und IS.

Die Kritiker von Trumps Entscheidung fragen zu Recht: Was wird aus Afghanistan? Werden die Taliban die Macht übernehmen? Die ehrliche Antwort ist: Das kann keiner wissen. Natürlich sollte die internationale Gemeinschaft politisch engagiert bleiben. Nicht zuletzt die Nachbarn China, Russland, Iran, Pakistan und Indien sind gefragt. Zur Wahrheit gehört auch, dass 20 Jahre der Intervention den Konflikt nicht lösen konnten.

Gewalt als Norm

In der US-amerikanischen „Strategic Community“ – und nicht nur dort – existiert eine Denkschule, die davon ausgeht, dass es angesichts der heutigen Art der Kriegführung nicht mehr möglich ist, klar zwischen Krieg und Frieden zu unterscheiden. Demnach sind künftig internationale Konflikte und die Anwendung von Gewalt die Norm, nicht der Frieden. Darum müsste man Regeln aufstellen, die dieser Herausforderung angemessen seien.

Auch die Bundesregierung geht von einer Verwischung der Grenzen zwischen Krieg und Frieden durch „hybride Kriegführung“ aus. Das Problem dieser Sichtweise ist allerdings, dass wir uns dann in einem permanenten Konflikt- oder Kriegszustand wähnen müssten, der mal kalt und mal heiß ist. Und das in einer Zeit, in der globale Bedrohungen durch Pandemien, Klimawandel und atomares Wettrüsten unserer vollen Aufmerksamkeit bedürfen.

Trump hat sicherlich in vielem unrecht. Dazu zählt der von ihm forcierte Ansatz „Frieden durch Stärke“, der nichts anderes heißt als „Frieden durch Überlegenheit“. Doch seine Entscheidung, nicht enden wollende Militäreinsätze wie den in Afghanistan abzuschließen, ist richtig. Die deutsche Regierung sollte ihm folgen.

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