Raus aus dem Glashaus

Erziehung Sind bürgerliche Eltern schlechte Eltern? Nein: Sie wollen nur, dass ihre Kinder glücklich sind. Aber die Internet-Gesellschaft stellt sie vor ganz andere Probleme
Christian Füller | Ausgabe 35/2013 3
Raus aus dem Glashaus

Foto: Christiane Wöhler

Mutter und Tochter im Café. Das Kind wird auf einen Stuhl drapiert, die Mutter wuchtet eine Handtasche, ein Smartphone und zwei Zeitschriften auf den Tisch. „Was willst du haben, mein Schatz?“, fragt sie ihre Tochter. Weil das Kind nicht gleich antwortet, liest seine Mutter aus der Speisekarte vor: „Magst du die Maultaschen oder eine Ingwer-Möhren-Suppe?“ Das Kind stammelt etwas hervor, was sich anhört wie: „Grossong mit Nutella.“ Das Kind ist keine zwei Jahre alt. Es weiß nicht, was Maultaschen sind, es kennt sicher keinen Ingwer, es versteht diese Worte nicht. Und soll trotzdem entscheiden.

Diese Anekdote ist noch kein kritischer Ernstfall von Erziehung. Aber es ist ein Symbol. Wir sehen die Determinanten von Erziehung heute: Unsere Kinder wachsen, Hartz IV hin oder her, in einer Gesellschaft des Überflusses auf. Sie werden ab jenem Moment, da sie halbwegs zu sprechen beginnen, wie gleichberechtigte Wesen am Leben beteiligt. Kurz: Wir überfordern unsere Kinder.

„Wie erziehe ich mein Kind richtig?“ gehört zu den ältesten und bewegendsten Menschheitsfragen. Noch nie war sie so schwer zu beantworten – und das, obwohl wir so viel wissen wie nie über das Kind und seine Entwicklung. Das Problem ist: Wir wollen nicht zurück zur Nazi-Erziehungsratgeberin Johanna Haarer und ihrer repressiven Unterdrückung der Gefühle. Aber wir wissen zugleich nicht, was moderne Erziehung heute genau ausmacht – außer: irgendwie nicht so streng zu sein.

Was wollen wir Eltern, wenn wir unsere Kinder erziehen? Sie sollen gesund sein, glücklich und gesellschaftsfähig. Den letzten Punkt würden viele vielleicht anders nennen, aber sie meinen genau dies: Ihr Kind soll in der Lage sein, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, es soll lesen, schreiben und rechnen können, es soll fit für einen Beruf sein und, wie es Humboldt ausdrückte, urteilsfähig werden. Der Faktor „gesund“ ist eindeutig und unzweifelhaft. Der Faktor „glücklich“ ist interpretationsbedürftig. Denn glücklich ist nicht nur ein ehrlicher Wunsch, er ist heute mit einem Inhalt gefüllt, auf den unsere Eltern noch nicht speziell zu achten brauchten, der aber von größter Wichtigkeit ist: Kinder sollen seelisch ausgeglichen sein, sie sollen in der Lage sein, ihre Gefühle zu verstehen – und vor allem: sie ausdrücken zu können.

Folgt man dem Psychotherapeuten und Autor Michael Winterhoff, dann hört man einen Warnschrei: Viele Kinder sind psychisch unreif, sie sind nicht in der Lage, ihre Gefühle zu bändigen. Bei Winterhoff werden aus solchen Kindern sogleich Tyrannen – was ihm viel Kritik im aufgeklärten Feuilleton einbrachte. Dennoch sind seine Bücher ein beinahe unheimlich anmutender Kassenschlager. Offenbar touchiert seine Analyse den unstillbaren Hunger der Eltern nach Antworten auf das Erziehungschaos. Winterhoffs Heilungsprogramm ist fragwürdig: Er empfiehlt tatsächlich, unerzogene Kinder nachreifen zu lassen, und rät Eltern ganz entschieden zum Nein.

Winterhoffs schärfster Konkurrent um populäre Erziehungsthesen ist Jesper Juul. Der dänische Familientherapeut ist der Popstar unter den Erziehungsratgebern – und das, obwohl Juul nicht nur lustig ist, sondern vor allem listig. Auch er wirbt für das Nein in der Erziehung. Nur nennt er es: Nein aus Liebe. Wenn sie ihr Kind lieben, so könnte man seine These verkürzen, dann erlauben sie ihm nicht alles. Geben sie ihm die Chance auf Entbehrungen, die es in der Überflussgesellschaft praktisch nicht mehr erfahren kann.

Nein aus Liebe

Juuls provokanteste These ist diese: Kinder sind ausdrücklich nicht gleichberechtigt. Das klingt wie ein Frontalangriff auf das Mantra der Erziehung nach 1968: Sie durfte alles – nur nicht autoritär sein. Man wollte, bis in die Keimzelle Familie hinein, mehr Demokratie wagen. Juuls Warnung lautet: Überfordert Eure Kinder nicht mit zu viel Partizipation. Und Juuls Friedensangebot an aufgeregte 68er heißt: Kinder sind gleichwürdig. Sie haben ein Anrecht darauf, nicht beschämt, unterdrückt oder gar geschlagen zu werden. Im Grunde könnte dieses Erziehungsprinzip auch Ergebnis gesunden Menschenverstandes sein. Es heißt nicht autoritär, sondern autoritativ, oder einfacher: warm und konsequent. Aber wie sehen die operativen Erziehungsmethoden genau aus? Wie mobilisieren Eltern die Gelassenheit für ein gelassenes Nein aus Liebe?

Wer genauer hinsieht, wird freilich feststellen, dass der gesellschaftliche Druck viel größer geworden ist, um mit Banalitäten entschärft werden zu können. Die aufgeregte Diskussion um die „Helikoptereltern“, die in einer Art fürsorglichen Luftüberwachung stets ihre Kleinen observieren, hat das gezeigt. Die Nation inklusive aller Feuilletons sprang sofort auf die These des Lehrerpräsidenten Josef Kraus an.

Der Rektor Kraus ist auch ein Rhetoriker. Er hat aus dem normalsten Instinkt von Eltern, der Sorge um das Kind, eine Karikatur gemacht: Eltern, die angeblich wie Unfallärzte vor dem Pieper darauf warten, dass ein Notruf des Kindes eingeht. Dabei handelt es sich um ganz normale Eltern einer ziemlich breiten Mittelschicht. Diese bürgerlichen Eltern differenzieren sich, wie die Studie „Eltern unter Druck“ (im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung) gezeigt hat, sehr komplex aus. Es beginnt beim gesicherten gehobenen Bürgertum, für das die Frage nicht ist, ob das Kind auf eine Privatschule geht, sondern auf welche. Und es reicht über die Etablierten und modernen Performer bis hin zu den Experimentalisten. Alle diese Mittelschichten vereint eine Eigenschaft: Sie finden die Bildung ihrer Kinder wichtig – manchmal so wichtig, dass sie die Kommunikation mit der Schule nicht ohne ihren Anwalt führen.

Hoher Druck auf Eltern

Es gibt Zeitgenossen, die die Erziehungskrise als Hysterie beschreiben. Das ist sicher nicht richtig. Der Druck auf Eltern ist keine Konstruktion subjektiver Befindlichkeiten. Es sind Bürger in leicht riskant werdenden Lebenslagen. Sie wissen, dass der Status von Beruf und Bankkonto genau wie der Haus- und Autokredit vergängliche Dinge sind. Sie erleben Beziehungsrealitäten, die blitzschnell instabil werden können – und damit existenzgefährdend. In den Zeittakten der neuen Erwerbsmodelle werden simpelste strukturierende Regulative wie etwa Frühstück, Mittag- und Abendessen schwieriger. Mittelschichtseltern glauben sich permanent selbst verwirklichen zu sollen, als Individuum und Teil einer Beziehung, auch zum Kind.

Es ist das fragwürdige Verdienst von Josef Kraus, den Blick wieder auf die bürgerliche Elternschicht verengt zu haben. Dabei gibt es ebenso viele Eltern, die sich um ihre Kinder nicht genügend kümmern, mehr noch, sie nicht beachten, sie schlagen oder gar missbrauchen, seelisch oder/und sexuell. 2006 ist der zweijährige Kevin bei seinen völlig überforderten Bremer Eltern verwahrlost und gestorben. Seitdem ist die Zahl der Inobhutnahmen um 43 Prozent gestiegen. Das bedeutet, dass die deutschen Jugendämter über 40.000 Kinder und Jugendliche ihren Eltern weggenommen haben. 2007 waren es 28.000. Kevin war ein Fanal. Und das Symbol für unvorstellbare Lebens- und Erziehungsrealitäten. Die Nation nahm jene Kinder zur Kenntnis, die wir fälschlicherweise als „Bildungsferne“ abwerten. Wie sie damit umgehen soll, weiß sie indes nicht. Denn, erstens, ist das Heim keine Lösung. Und, zweitens, ist der Bildungsbürger und seine privilegierte Kinderschar von jeher das Rollenmodell von Erziehung gewesen. Josef Kraus hat dies wieder in Erinnerung gerufen – wenn auch kritisch.

Dabei ist die Elternkrise nicht mit Kategorien wie Mittel- oder Unterschicht zu erfassen. Wollte man die Erziehungsfrage auf den Punkt bringen, müsste man sagen: Es ist eine seelische Krise. Nicht Markenklamotten, nicht Nachhilfe, nicht komplizierte Hobbys sind das Thema, sondern am Ende des Tages ist der wichtigste Faktor: Zeit. Zeit ist Anerkennung, ist Ernstnehmen nicht durch Geld oder Geschenke, sondern durch Da-Sein. Zeit verbessert die Möglichkeiten, die Auf und Abs der kindlichen Seele zu erkennen. Das gilt oben wie unten in der sozialen Pyramide. Verwahrlosung und Wohlstandsverwahrlosung haben, so unterschiedlich sie wahrgenommen werden, eine Gemeinsamkeit: Es fehlt an echter Aufmerksamkeit für das Kind. Da unterscheidet sich der Journalisten-Vater, der einen Artikel zu Ende schreiben will, nicht von dem Vater, der zur gleichen Zeit besoffen vor der Glotze hängt, statt die Rückkehr des Sohnes von einer dreiwöchigen Klassenfahrt zu feiern.

Das Problematische an dieser Analyse ist, dass sie einen Faktor außer Acht lässt, der mit rasender Geschwindigkeit alle Determinanten von Erziehung verändert: das Internet, genauer das Hosentascheninternet, also die Verfügbarkeit des Netzes mit Smartphones. Die Apologeten wie die Mahner haben das Internet definiert als ein Phänomen, das Informationen jederzeit und überall und von jedem zugänglich macht. Das ist eine alte Prognose, die für Kinder und Jugendliche jetzt, in diesem Moment Wirklichkeit wird. 2010 nutzten acht Prozent der Jugendlichen das mobile Internet, im Jahre 2012 waren es bereits fünfmal so viele. In der Erziehung berührt das alle Faktoren, die für Eltern von Bedeutung sind, genauer, sie zersetzen und verschärfen sie gleichzeitig. Das Netz verändert den Gesundheitszustand, das Glück und die gesellschaftliche Teilhabe von Jugendlichen radikal. Auf den ersten Blick steigen die Möglichkeiten der Partizipation und das Glücksgefühl exponenziell. Die Effekte auf die Gesundheit sind umstritten, ein Teil der Eltern lehnt die kindliche Verfügbarkeit von Bildschirmgeräten schroff ab, ein anderer setzt ihn unbekümmert ein. Auf beinahe keinem Feld ist die Widersprüchlichkeit so maximal wie bei der Nutzung von Smartphones durch Jugendliche – und dem erzieherischen Einfluss von Eltern dabei. Wenn man so will, potenziert das Hosentascheninternet die Paradoxie von Erziehung.

Wenn zehn- oder elfjährige Mädchen auf einer öffentlichen Straße regelmäßig Opfer sexueller Übergriffe würden, dann gäbe es einen kleinen Aufstand unter Eltern und Bürgern. In sogenannten Kinderchats werden die Zeiträume, in denen junge Mädchen mit sexueller Anmache oder digitalem Exhibitionismus bombardiert werden, in Sekunden gemessen. Aber es geschieht – nichts. Die Zeiträume wiederum, die vor allem Jungen vor Computergames zubringen, wird in Stunden abgerechnet. Inzwischen verbringt ein beachtlicher Teil (16 Prozent) der 14- bis 16-Jährigen netto mehr Zeit vor dem Bildschirm als in der Schule. Und der Einfluss der Eltern darauf ist – nahe bei Null. Gleichzeitig verändern sich die Möglichkeiten des mobilen Lernens in einer Weise, dass sich viele zu Recht fragen: Wie lange hält die Bastion Klassenzimmer als traditionelles Format dem noch stand?

Was das für die Zukunft von Kindern und Erziehung bedeutet, ist Gegenstand eines scharfen Streits, der immer wieder aufflammt, aber nicht konsequent geführt wird. Sicher ist, dass die seelische Krise der Erziehung davon stark beeinflusst wird. Denn das Hosentascheninternet bedeutet eine Flut von starken Bildern und Gefühlen, mit denen Kinder umgehen müssen. Es erodiert Erziehung.

Im Café hat das Kind inzwischen sein Croissant gegessen. Die Mutter drückt ihrem Kind das Smartphone in die Hand – und widmet sich ihren Zeitschriften. Sie kann sicher sein, dass ihr Kind jetzt zwischen 30 und 300 Minuten von der magischen Bilderquelle des Internets okkupiert sein wird.

Christian Füller ist bekennender Helikoptervater und schreibt regelmäßig für den Freitag über Bildungsthemen

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06:00 12.09.2013

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