Raus aus den Sphären des Kavaliersdelikts

#metoo Männer grabbeln, belästigen und vergewaltigen nach unten. Über die sexuelle Ausprägung des Machtmissbrauchs
Raus aus den Sphären des Kavaliersdelikts
Keine Autos! Frauen werden noch immer als Objekt gesehen

Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Die Bilder, die der Genfer Autosalon aussendet, ebenso wie die des Pariser Autosalons oder die der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt, sie sind nicht eindeutig: Bekommt man beim Kauf eines Autos die Frau, die sich am oder auf dem Auto räkelt, dazu? Oder läuft die unter „Extras“, wie die Metallic-Lackierung? Ist vielleicht eine einmalige Verwendung inbegriffen?

Immerhin ist der Mann, der auf der Mover-und-Shaker-Ebene spielt, einiges gewöhnt. Es gehört noch immer zum internationalen Geschäftsgebaren, gute Abschlüsse im Bordell zu begießen oder ihr Zustandekommen ebenso wie die politischen Erfordernisse durch ein Abendessen zu sichern, zu dem spätestens zur Zigarre danach wie aus dem Nichts schöne Frauen auftauchen. Spielt der Mann nur in der Hyundai-Cabrio-Liga, freut er sich, wenn sein Engagement mit einem Betriebsausflug zum Massenbums in Budapest belohnt wird.

Frauen werden noch immer als Objekt gesehen. Ein Extra, das ein Mann sich nimmt oder das ihm gegeben wird. Etwas, über das er verfügen kann. Es sind nicht die Fälle von Dachdeckern oder Tierpflegern, die jetzt bekannt werden, die meinen, es stünde ihnen frei, Frauen gegenüber übergriffig zu werden, sie zu belästigen oder zu vergewaltigen. Es sind die Fälle mächtiger Männer. Aus der Politik, Wirtschaft, Kultur.

Es sind aktuell noch erstaunlich wenige. Wenige angesichts dessen, dass uns doch allen klar sein dürfte, dass es so läuft. Dass dort, wo eine Karriere, ein Weiterkommen oder auch nur das Dabeisein von der Gunst, dem Wohlwollen oder dem Einfluss eines einzelnen Mannes abhängig ist, es sehr häufig zu dieser Form der Erpressbarkeit und des Machtmissbrauchs kommt. Männer grabbeln, belästigen, vergewaltigen hierarchisch gesehen nicht nach oben. Sie grabbeln, belästigen und vergewaltigen nach unten.

Das ist in Krankenhäusern nicht anders als in der Staatsanwaltschaft, der Musikindustrie, den Beraterfirmen, Fernsehsendern, dem Bankengewerbe und den Theatern, den Universitäten und der Politik. Wir wissen: Dort, wo Hierarchien herrschen, wo soziales oder berufliches Fortkommen für Frauen, und manchmal auch für Männer, von einer Person abhängt, kommt es zur sexuellen Ausprägung des Machtmissbrauchs.

Dieser Missbrauch von Macht ist fester Bestandteil unserer patriarchalen Kultur. Entsprechend unaufgeregt fallen die Reaktionen dieser Tage aus, in denen bekannt wird, wie verbreitet Übergriffe sind. Wir sind nicht empört. Warum sollten wir es sein, wir dulden das System seit Jahrhunderten. Allenfalls sind wir überrascht. „Was, der?!?“ Oder: „Der auch?!?“ Im Falle Harvey Weinsteins überrascht die Menge an Frauen, die sich jetzt melden und die den Filmproduzenten als ein ungezähmtes Tier erscheinen lassen, in dessen Kopf statt eines Hirns ein monströser Schwanz das Sagen hat.

Erstaunlich ist nur eines: Dass das Thema endlich, endlich Gehör findet. Nach all den Jahrzehnten des Immer-wieder-Aufflackerns. Nach all den Jahren, in denen das Klagen über die Zustände als das Gerede von Frauen abgetan wurde, die hysterisch sind oder sich aufspielen – wie es etwa Mia Farrow vorgeworfen wurde, die ihrem Ex-Mann, dem Regisseur Woody Allen, den Missbrauch ihrer Adoptivtochter vorwarf. Die Zustände sind endlich, endlich auf dem Thementisch angekommen und dieses Mal lassen sie sich nicht so leicht herunterwischen, um sie unter den Teppich der kollektiven Verdrängung zu kehren. Viele Männer scheinen verstanden zu haben, dass die Gesellschaft ein Problem hat, etliche geben zumindest vor, verstanden zu haben. Einer, der verstanden hat, ist der Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen, der eine Überlegenheit von Frauen darin ausmacht, dass sie sich seit Jahrzehnten mit ihrer Rolle und ihrem Selbstbild auseinandersetzen. Etwas, das zu tun, so Feldenkirchen, endlich auch an den Männern sei. Wozu man die Frage beitragen möchte, mit welchem Selbstbild es zu vereinen ist, dass der Darsteller des US-amerikanischen Präsidenten in House of Cards, Kevin Spacey, vor dem Hintergrund, dass er Männer sexuell belästigt haben soll, als Präsidentendarsteller abgesetzt wird, die sexuelle Belästigung von Frauen für den realen Präsidenten aber keine Konsequenzen hat. Liegt es daran, dass für Männer sexuelle Belästigung von Männern schlimmer ist als die von Frauen? Oder an der Pein, dass sich kein Mann findet, der genügend Eier in der Hose hat, Donald Trump in die Schranken der sozialen Akzeptanz zu weisen? Die Chance jedoch, die sich daraus ergibt, dass das Thema sexueller Übergriffe endlich auf dem Tisch ist, ist nicht nur eine für Männer. Sie ist auch eine für uns Frauen.

Die, uns Gedanken darüber zu machen, wer wir in dieser Welt eigentlich sein wollen. Warum es uns so lange nicht gelungen ist, sexuelle Übergriffe aus den Sphären des Kavaliersdelikts in die der Straftat zu überführen. Und auch, uns mit unserem „Nein!“ durchzusetzen. Warum überlassen wir die Deutungshoheit noch immer den Männern? Warum dulden wir so viel? Warum gefallen wir uns noch immer in der Rolle der Schwachen und stärken Tag für Tag das Bild von der Frau als Dienstleisterin und als Objekt, indem wir Krankenschwester werden statt Ärztin und uns auf Autos räkeln?

Unser Platz ist nicht unter dem Arzt, sondern gegenüber. Nicht auf der Autohaube, sondern hinterm Lenkrad.

Silke Burmester wurde zuletzt mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet. Sie ist Mitglied von Pro Quote, Freischreiber und dem PEN-Zentrum

06:00 14.11.2017

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