Rausch der Mitte

Globalisierung Um lokal den Schnapskonsum einzudämmen, fördert China seit den 1980ern Weinanbau in der Provinz Ningxia. Nun lockt der Weltmarkt
Rausch der Mitte
In Ningxia gibt es auf gut 40.000 Hektar Fläche Weinreben und mehr als 200 Weinkellereien, pro Jahr werden knapp 100.000 Flaschen hochwertigen Weins produziert

Foto: Bryan Denton/NYT/Redux/China Path/laif

Die Morgensonne steht schon hoch am klaren Himmel, und eine leichte, kühle Brise weht über die endlosen Ebenen am Rand von Yinchuan, der Hauptstadt der Provinz Ningxia im Nordwesten Chinas. Als der Nebel die atemberaubende Sicht auf das gezackte Helan-Gebirge freigibt, sieht man viele Frauen in Jeans und mit bunten Kopftüchern, die in einem Weinberg gekonnt dunkle, reife Trauben abschneiden und in grünen Plastikbehältern sammeln. Es ist Erntezeit, die wichtigste Jahreszeit für die kleine autonome Region auf der Schwelle zur Wüste Gobi.

Betrachtet man Ningxias majestätische Gipfel und geordnete Weinreihen, die bis an den Horizont reichen, kann man sich schwer vorstellen, dass diese Region noch vor einem Vierteljahrhundert nichts war als ein trockener Streifen Land, auf dem Bauern versuchten, den Eigenbedarf zu decken. „Als Kind habe ich immer in der Wüste Löcher gegraben. Ich versteckte mich darin und spielte zusammen mit meinen Freunden“, erinnert sich Ren Yanling, während sie in ihrem Labor eine Pause macht. Sie wurde im Dorf Yuquanying geboren, ganz in der Nähe des Helan-Mountain-Weinguts, wo sie heute als Chefwinzerin für das multinationale Unternehmen Pernod Ricard arbeitet. „Mit 15 schlich ich mich manchmal raus, um einen Schluck vom Wein zu kosten, den meine Eltern herstellten“, erzählt sie lachend.

Schlagfertig und selbstbewusst, ist Ren Yanling Teil einer Gruppe fähiger Winzer und Manager, die Chinas Weinrevolution anführen. Ihre Visionen ließen aus einer von Armut heimgesuchten Gegend eine Pionierregion des Weinanbaus werden. Heute gibt es in Ningxia auf gut 40.000 Hektar Fläche Weinreben und mehr als 200 Weinkellereien, die meisten davon kleine Boutique-Güter, die sich nach ökologischen Kriterien auf qualitativ hochwertige Weine mit einer Produktion von etwas weniger als 100.000 Flaschen im Jahr konzentrieren.

Weine aus Ningxia haben renommierte internationale Wettbewerbe gewonnen und werden in Spitzenrestaurants, Hotels und Geschäften von Europa bis Australien, von Nordamerika bis Dubai, von Hongkong bis Großbritannien angeboten. Auch dieser Erfolg ist Ausdruck eines neuen, selbstbewussten Chinas. Dabei schienen die Anfänge wenig vielversprechend. In den 1980ern beschloss die Regierung, den weit verbreiteten Konsum von „Baijiu“, einem traditionellen Kornbranntwein, einzudämmen. Stattdessen wurde regierungsoffiziell angeregt, die Vorzüge von Wein für die Gesundheit herauszustellen. Landwirte reisten nach Europa, um sich mit einem Produkt vertraut zu machen, mit dem sich im Land niemand wirklich auskannte.

„Damals produzierten wir eine Mischung aus Traubensaft, Süßstoff und Alkohol, keinen wirklichen Wein“, erinnert sich die angesehene Winzerin Zhou Shuzhen, die inzwischen in Ningxia für die preisgekrönte Kanaan-Weinkellerei arbeitet. Sie nahm vor Jahren an einer wegweisenden Winzerausbildung in der Stadt Changli teil und war danach an einem der ersten Experimente zur Weinherstellung in China beteiligt. „Wir gewannen einen trockenen Rotwein, benutzten dazu lokale Weinsorten, kannten uns aber zu wenig mit der Fermentierung aus“, erzählt sie mit dem Lächeln einer Frau, die es weit gebracht hat. „Das Ergebnis war ein äußerst alkoholhaltiger, herber Wein von dunkler Farbe, der keinen überzeugenden Geschmack hatte.“ Unbeteiligte, denen er zum Kosten gereicht wurde, fanden ihn widerlich und glaubten, Sojasoße zu trinken. Schnell sahen die enttäuschten Winzerinnen zu, dass sie den Wein loswurden, indem sie ihn auf einem lokalen Markt gegen ein paar Aprikosen eintauschten.

Das Verfahren wurde geändert, um den Weinanbau in Ningxia voranzubringen. Aus Wüstenterrain wurde Land gewonnen und mit aus Europa importierten Bäumen und Weinstöcken bepflanzt, während das Wasser des nahe gelegenen Gelben Flusses für die Bewässerung sorgte. Private Weinproduzenten erhielten Land zu niedrigen Pachtpreisen und stellten ausländische Berater ein, während die Regionalregierung Stipendien für Weinbaukunde vergab und internationale Wettbewerbe ausschrieb. Nach und nach zahlten sich die Bemühungen aus: Ab 2007 kam Qualitätswein aus Ningxia. Heute liegen Keltereien im Ranking der regionalen Branchen auf dem zweiten Platz. „Ich habe Derartiges zuvor noch nirgends gesehen. Das angeschlagene Tempo ist einfach fantastisch“, meint José Hernández González, ein Weinbauer aus Spanien, den es 2012 nach Ningxia verschlug.

Mittlerweile rühmt sich China mehrerer Weinanbau-Reservate – Ningxia gilt als das beste. Für die Region sprechen die außergewöhnliche Kombination von sandiger und trockener Erde, die Höhenlage, viele Sonnenstunden und wenig Niederschlag, was den Bedarf an Pestiziden deutlich senkt. Etwa 90 Prozent der Produktion werden mit Rotwein bestritten. Neben Cabernet Sauvignon als beliebtester Sorte zählen Merlot, Marselan, Malbec, Shiraz, Pinot noir zum Sortiment, bei Weißweinen sind es Chardonnay und Welschriesling. Die Qualität überrascht, denn die meisten Rebstöcke sind kaum 20 Jahre alt. Was Ningxia-Weinen noch an Komplexität fehlt, kompensiert eine fruchtige Frische und Mineralität, die zum entscheidenden Merkmal werden könnte.

Heute ist Ningxia voller Pioniere des Aufbruchs, die hoffen, mit Wein eine Art Goldrausch zu erleben. Einige Weinkeller sind Fertigbau-Metallkästen, die mit wenig Geld, aber großer Leidenschaft errichtet werden. Andere wirken wie große, im klassischen französischen Stil erbaute Schlösser, etwa das Changyu Moser XV, ein beeindruckendes, 70 Millionen Euro teures Anwesen inmitten von Weinbergen. Es beherbergt ein Kino, dazu ein Weinmuseum, und firmiert als Joint Venture zwischen Chinas ältestem Weinhersteller Changyu und Chefwinzer Laurenz Maria Moser, Abkömmling einer der berühmtesten österreichischen Winzerfamilien. „Ich bin schwer davon überzeugt, dass wir mit der Zeit Weltklasse produzieren können“, glaubt Moser, der Changyu Moser XV in nur wenigen Jahren zu einer der besten Kellereien weltweit machen will. „Unser Sortiment wird bereits in mehr als 25 Länder verkauft, denn China muss sich international positionieren, um mit seinem Weinangebot zu Hause überzeugen zu können.“

Allein wegen der Wetterbedingungen ist Weinherstellung in Ningxia als besondere Herausforderung zu bewältigen. Bei bis zu 27 Grad minus im Winter müssen stark gestutzte Reben mit Erde bedeckt und im Sommer wieder ausgegraben werden, um zu überleben. Ein kostspieliges Verfahren, bei dem jährlich drei bis fünf Prozent der Pflanzen verloren gehen. Zudem wird fast das gesamte Equipment aus Europa importiert, von Traubensortier- und Pressmaschinen bis zu Abfüllanlagen, Fässern und Korken. Auch die Arbeitskraft ist teuer, vorrangig während der Ernte, wenn alle Weingüter zur gleichen Zeit Traubenpflücker brauchen.

Der Markt wächst ständig

Aus diesem Grund können Topweine aus Ningxia über 100 Euro pro Flasche kosten und viel teurer als die europäische Konkurrenz sein, was einigen Unternehmen Defizite beim Verkauf beschert. „Ningxia-Wein ist gut, aber schwer zu vermarkten“, bestätigt Sun Qiuxia, die Managerin eines Weinkellers in Yinchuan. „Wir brauchen Zeit, um zu lernen, wie man zum angemessenen Marketing findet. Europa hat Hunderte von Jahren gebraucht, um zu verstehen, wie man guten Wein produziert und verkauft.“ Trotz eines zuweilen stockenden Absatzes hat der Weinboom in Ningxia Schwergewichte wie das französische Luxuskonglomerat LVMH (Eigentümer von Moët & Chandon) und den Player Midea angezogen, einen der größten chinesischen Hersteller von Elektrogeräten. Selbst Copower, ein Ölkonzern aus Hongkong, und der thailändisch-chinesische Lebensmittelriese Daysun sind eingestiegen. Chen Deqi, der visionäre Präsident von Daysun und Eigentümer von Ho-Lan Soul, Ningxias größtem Bio-Weinkelterer, will im kommenden Jahrzehnt weitere 30 Weingüter in die Landschaft setzen. Es geht um ein Areal von gut 6.700 Hektar mit künstlichen Seen, Ausstellungsräumen, einem Ski-Resort und einem nachempfundenen Abschnitt der Großen Mauer. Atemberaubende 758 Millionen Euro soll das Projekt kosten, aber Chen scheint das nicht zu beunruhigen. „Die Bedingungen für den Anbau von Trauben sind hier besser als im Raum Bordeaux. Und der Markt wächst ständig“, sagt er während eines Besuchs der Stand-der-Technik-Höhle von Ho-Lan Soul, die von futuristischen lilafarbenen Spotlights beleuchtet wird. Chen: „Größter Weinmarkt der Welt wird bald China sein.“ Noch ist es nicht so weit, man liegt im globalen Ranking als Produzent auf Platz sechs und ist fünftgrößter Abnehmer von Wein. Trotz aller Werbung bleiben Bier und Baijiu die beliebtesten alkoholischen Getränke. Zwar eröffnen in den großen Städten zusehends Ningxias Wein-Boutiquen, aber der chinesische Gaumen ist noch nicht an Wein gewöhnt.

Das zu ändern, braucht offenbar Zeit. „Die Promotion unserer Weine läuft über viele Weinproben, Abendessen und Mund-Propaganda“, bestätigt Gao Yuan, Miteigentümerin von Silver Heights, einem der bekanntesten Weingüter in Ningxia. Gao begann 2007 auf einem Hektar Land, das sie mit den Ersparnissen ihrer Mutter gekauft hatte. Es gelang ihr gerade einmal, 3.000 Flaschen pro Jahr zu füllen, aber ihr Wein war so gut, dass die Weinvertriebsgesellschaft, die sie belieferte, ihr nahelegte, in Vollzeit bei ihr einzusteigen. Gegenwärtig verkauft Silver Heights seine Produkte an Hotels und Restaurants der Spitzenklasse in China, Frankreich, Japan, Kanada und Hongkong. Die Geschichte des Weinguts ist beispielhaft für das Potenzial einer Region, in der Leidenschaft und Ehrgeiz überzeugen.

Während die Abenddämmerung über die verwunschen wirkenden Ebenen von Ningxia hereinbricht, kehren die Arbeiterinnen mit Kisten kostbarer Früchte in die Weinkellereien zurück. Die Trauben werden sofort sortiert, gepresst und zur Gärung in Stahltanks gelegt – der erste Schritt auf dem langen Weg zum Wein. Winzerin Zhou schaut aus dem Fenster auf die vor ihr lagernden Weinberge. Auch wenn Ningxia-Weine noch nicht an die französische, spanische, italienische oder amerikanische Konkurrenz heranreichten, sei sie überzeugt, dass die Region alles Nötige habe, um sich einen Namen zu machen. „Es ist ein Privileg und macht mich stolz, Zeuge dessen zu sein, was diese Branche erreicht hat“, lächelt sie. „Ich habe großes Vertrauen in unsere Zukunft.“

Matteo Fagotto ist ein in Mailand lebender Journalist, der sich mit Menschenrechtsthemen und dem Klimawandel befasst, dazu ist er Begründer von „Tandem Reportages“

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