Reale Leerstelle

REALITÄTSEXZESS Mit bin Laden geht es um die Zukunft der Postmoderne

Der Tod des Autors. So lautete das Urteil der Postmoderne über ein markantes Subjekt. Die Verhältnisse, hieß es, schreiben sich selbst. Der Autor ist weniger der Schöpfer als das Medium der Verhältnisse. Das Terrorattentat vom 11.September schien ein Paradebeispiel des Kulturalismus. Nirgends lauerte ein Täter. Es gab nur leere Subjekte, bewegt von einer ungreifbaren Macht namens Hass auf den Westen. Und schrieb sich in seine Symbole. Das Unlesbare dieses Netzwerks war auf der Gegenseite schwer auszuhalten. Also musste auch hier etwas konstruiert werden. Etwas, das wie ein klassischer Täter aussah. Doch nun scheinen zwei Videos bin Ladens Schuld zu beweisen. Und plötzlich scheint der Autor zurückgekehrt in die Realität, die bekennende Postmodernisten gern in Anführungszeichen gesetzt hatten. Der Kosovo-Krieg war noch das postmoderne Nicht-Ereignis. Nun spricht Jean Baudrillard vom "absoluten Ereignis". Man muss die erhabene Vokabel aus seinem jüngsten Essay Der Geist des Terrorismus nicht übernehmen, um die Bedeutung des 11. September zu kennzeichnen. Aber sein Wort vom "Realitätsexzess" muss man sich merken. Zwar war die Terrorattacke ein symbolischer Angriff. Aber mit tödlichen Folgen.

Die Situation ist so paradox, wie sie der amerikanische Romancier Don DeLillo in seinem gerade veröffentlichten Essay In den Ruinen der Zukunft über den 11. September beschreibt. Amerikas bekanntester Autor spricht von der Leerstelle, die der Angriff auf die Twin Towers hinterlassen hat. Von einem Augenblick auf den anderen war die hoffärtige Realität, die Inkarnation der amerikanischen Überheblichkeit, Schimäre. Pulverisiert, als ob sie nie existiert hätte. In Ground Zero steht die Welt vor den realen Ruinen des Imaginären. Die Toten, die der Angriff gekostet hat, sind zugleich real und doch unsichtbar. Bin Laden und Mullah Omar scheinen dem okzidentalen Realismus noch einmal ein Schnippchen schlagen zu wollen. Der Al-Qaida-Chef ist verschwunden wie sein mutmaßliches Grab. Und bei dem Taleban-Chef mehren sich die Zweifel, ob er je existiert hat. Plötzlich weiß keiner mehr, wie er ausgesehen hat. Bin Ladens zumeist vage Befehle in dem Video mit dem saudi-arabischen Scheich scheinen das amorphe Phantom der Al Qaida zu bestätigen. Aus dem posthumen, medialen Off scheint er seine Deutungsmacht festschreiben zu wollen. Alles scheint sich wieder ins Imaginäre zu verflüchtigen. Doch gleichzeitig spricht DeLillo von der "strafenden Wirklichkeit", die er erfuhr, als ihn das durch die Luft segelnde Papier aus den Twin Towers wie Peitschenschläge traf.

"Reales und Fiktion sind untrennbar miteinander verbunden, und die Faszination des Attentates ist in erster Linie eine Faszination durch das Bild." Der rhetorische Kunstgriff Baudrillards besiegelt ein schon länger eingeleitetes Rückzugsgefecht der Postmoderne aus den Höhlen der Welt als reiner Virtualität. Die hat natürlich nicht aufgehört. Auch für DeLillo wird das Leben der Zukunft von den "intelligenten Quantenräumen reiner Information" bestimmt werden. Doch auch wenn es durch seinen möglichen Tod etwas Irreales bekommen hat, steht nun doch bin Ladens Prahlerei mit den Attentatsdetails wie ein Stein in der Landschaft. Der Kreis um den Islamistenführer will selbst den Schmelzpunkt der Stahlträger der Twin Towers berechnet haben. Ein Großteil der Helfer soll bis kurz vor dem Anschlag das Projekt nicht gekannt haben. So wie sich der Chef der Al Qaida in dem Video mit dem ägyptischen Scheich zum allwissenden Autor der Meistererzählung des neuen Terrorismus kürt, bedient das fast ein schlechtes Klischee. Bruchstückweise schälen sich die Umrisse der klassischen Verschwörung aus dem strukturlosen Dunkel: Das organisierende Zentrum in der Mitte. Die ahnungslosen Parteigänger werden verheizt. Drumherum jede Menge schillernde Doppelagenten. John le Carré hätte diese "Erzählung" nicht konventioneller erfinden können. Man kann sich hier mit Lyotard aus der Affäre ziehen, dem zufolge Sprache und Welt eine Widerfahrnis sind, die dem Menschen "geschieht" und die er nicht beherrscht, also einer Art écriture automatique des Islam konstruieren. Doch dann würde die bislang abstrakt gestellte Frage nach der Verantwortung in der Postmoderne plötzlich beängstigend konkret.

Mehr als eine Anklageschrift wurde schon gegen die ominöse Epoche verfasst. Und mehr als einmal muss man sie mit dem Argument strafverteidigen, dass Ganzheit und Kausalität schon von ihrer ungeliebten Mutter namens Klassische Moderne dekonstruiert wurden. Wenn auch gelegentlich von einem genialen Subjekt wie Picasso. Doch diesmal könnte es ernster werden. Selbst bin Ladens Tod wird die Beweisaufnahme gegen ihn nicht beenden. Im Prozess gegen ihn und Mullah Omar geht es um mehr als Gesetz und Moral. Wo, wann und wie auch immer er stattfindet. Er ist längst ein Prozess um die Zukunft der Postmoderne.

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00:00 04.01.2002

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