Realist mit Sinn für Utopien

Uruguay Mit dem Sieg des Sozialisten Tabaré Vázquez bei der Präsidentenwahl werden erstmals in der Geschichte des Landes linke Parteien die Regierung stellen

Könnten Sie sich vorstellen, mit akuten Bauchschmerzen zum nächstgelegenen Hospital zu gehen - und der behandelnde Arzt ist Gerhard Schröder? Wohl kaum. In Uruguay wird dies bald möglich sein: Der neugewählte sozialistische Präsident Tabaré Vázquez will seinen Beruf als Arzt auch dann nicht aufgeben, wenn er sein Präsidentenamt angetreten hat. Die Uruguayer werden sich dann im Sprechzimmer von ihrem Staatschef den Puls fühlen lassen - volksnaher geht es kaum.

In einer wirklich historischen Wahl stimmte am 31. Oktober eine Mehrheit der uruguayischen Wähler (50,5 Prozent) für das Linksbündnis Frente Amplio ("Breite Front"/FA) und seinen Kandidaten Tabaré Vázquez. Damit kommt erstmals in der Geschichte des Landes die Linke an die Regierung. Die Frente entstand 1971 und wurde zwei Jahre später nach dem Militärputsch der Obristen um Juan María Bordaberry sofort verboten. Als Uruguay 1984 zur Demokratie zurückkehrte, bekam die Frente auf Anhieb mehr als 21 Prozent der Stimmen. 1989 schloss sich die ehemalige Stadt-Guerilla der Tupamaros ebenfalls dem Bündnis an - und Tabaré Vázquez gewann zum ersten Mal das Bürgermeisteramt von Montevideo. Dieses Mandat verlor die Frente Amplio seitdem nie wieder. Was sie in der Hauptstadt an Arbeit leistete, hat ihr bei den Bürgern viel Glaubwürdigkeit verschafft, auch wenn sich das Bündnis zwischenzeitlich mehrmals umformierte. Augenblicklich besteht es aus den Gruppen Encuentro Progresista, Nueva Mayoría und der ursprünglichen Frente Amplio, die wiederum mehrere Linksparteien vereint. Schon 1999 hatte die Allianz - auch damals mit Tabaré Vázquez als ihrem Kandidaten - nur knapp die Präsidentschaftswahlen verloren.

In der Wahlnacht feierten eine halbe Million Menschen den Wahlsieg auf den Straßen Montevideos. "Wir sind die alten Parteien leid", war die häufigste Antwort auf die Frage, warum die FA gewählt wurde. Die "Weißen" und die "Roten" - der Partido Nacional und der Partido Colorado - hatten seit jeher Wahlen unter sich ausgemacht und entsprechend die Pfründe verteilt. Das Linksbündnis dagegen stand immer in dem Ruf, ehrlich zu sein und sich auch um die Wähler auf dem Lande zu kümmern - was die Weißen und die Roten kaum je taten.

Die Schulden sind unbezahlbar

"El Pepe wird für unsere Rechte kämpfen", sagen die Landarbeiter in der Pampa oder die Fischer entlang des malerischen Küstenstreifens und meinen den frühere Guerrillero José Mujica. Der heute 70-Jährige war Gründer der legendären Tupamaros und durfte sich jetzt als der unumstrittene Star der linken Wahlkampagne fühlen - eine charismatische Figur und noch populärer als Tabaré Vázquez. Während der Diktatur saß Mujica im Gefängnis, fast sieben Jahre in Einzelhaft und ohne Zugang zu Büchern. Mit der Frente Amplio machte er später Karriere, war seit 1999 sogar Senator und liebte Auftritte in Sandalen und ausgewaschenen Jeans.

José Mujica wirkt wie ein älterer Landarbeiter, rundlich, schnauzbärtig, grauhaarig, und wird augenblicklich als neuer Planungsminister im Kabinett von Tabaré Vázquez gehandelt. Ähnlich wie der künftige Staatschef will auch er weiter in seinem Beruf arbeiten: El Pepe ist Gärtner. Selbst den Wahltag verbrachte er auf seinen Feldern und bündelte Schnittblumen. Kleine Gesten, die ihm viel Sympathie verschaffen und erklären, weshalb er auf dem flachen Lande der mit Abstand beliebteste Politiker Uruguays ist. Doch José Mujica verkauft den Armen keine Illusionen: "Wir müssen schnelle Antworten auf drängende Probleme finden", sagt er. "Wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, bleibt alles andere nur eine gut gemeinte Absicht."

Ohne Zeitverzug will die Frente daher die Schulden des Landes mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) verhandeln, immerhin rund 13 Milliarden Dollar, sprich: 115 Prozent des Bruttosozialproduktes (BSP). "Unsere Schulden sind unbezahlbar", gibt Mujica offen zu. "Wir müssen verhandeln, verhandeln und nochmals verhandeln."

Der "Mercosur" gewinnt an Kontur

Uruguay hat mit der Frente Amplio gewisseines der ältesten und stabilsten Linksbündnisse des Subkontinentes, doch erhält das Land erst jetzt, als eines der letzten, einen linksorientierten Präsidenten. Die Tendenz in Lateinamerika geht seit Jahren wieder in diese Richtung - seit 1998 mit Hugo Chávez in Venezuela, mit dem Sozialisten Ricardo Lagos in Chile seit 2000, mit Luiz Inácio "Lula" da Silva in Brasilien seit 2003 und mit dem Linksperonisten Néstor Kirchner in Argentinien, der gleichfalls 2003 ins Amt kam. Brasilien, Argentinien und Paraguay - Uruguays Partner im Staatenbund des Mercosur, des Gemeinsamen Marktes für Südamerika - wissen, dass sie mit Tabaré Vázquez auf mehr Kooperation rechnen können, als mit seinem Vorgänger Jorge Batlle möglich war. Der hatte erfolglos versucht, Arrangements für einen Gemeinsamen Markt mit den USA zu treffen. Vázquez hingegen sieht den Mercosur als Einheit, die geeignet sein kann, den USA mit mehr Souveränität zu begegnen.

Erst einmal müssen jedoch die Erwartungen der Uruguayer erfüllt werden, denn die Bevölkerung ist in den vergangenen 20 Jahren stetig verarmt. Tabaré Vázquez steht nicht viel Geld zur Verfügung, um dringend notwendige Sozialprogramme aufzustellen. "Die Frente Amplio wird ihre Versprechen trotzdem erfüllen", meint Olga Machado im Brustton der Überzeugung." Dennoch verweisen manche auf das Beispiel Lula in Brasilien - der hatte bei seinem Amtsantritt ein "Null-Hunger-Programm" verkündet, das aber letzten Ende so visionär wie irreal war und Lula einen empfindlichen Verlust an Glaubwürdigkeit bescherte.

Tabaré Vázquez wird sich nicht zuletzt der Aufarbeitung von Verbrechen widmen, die in der Zeit der Militärdiktatur zwischen 1973 und 1984 verübt worden sind. Dennoch dürfte eine von ihm geführte Regierung kaum die vor Jahren erlassene Amnestie aufheben, die den meisten der an Menschenrechtsverletzungen beteiligten Militärs Straffreiheit zugebilligt hat. Eine Situation des Zwangs, die sich von der in Argentinien kaum unterscheidet.


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00:00 12.11.2004

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