Realistische Feinde

Videospiel Diplomatische Verwicklungen vs. plausible Geschichten: Nachdem in "Battlefield 3" der Iran erobert wurde, wird in „Battlefield 4“ gegen China gekämpft
Realistische Feinde
Bild: Electronic Arts

Die Videospiel-Messe Electronic Entertainment Expo (E3) in Los Angeles Mitte Juni ist eine wichtiger Branchentreffpunkt. In diesem Jahr fiel die Bilanz mau aus: Es gab einige Überraschungen, viele Enttäuschungen und noch mehr Standardkost. Zu Letztgenannter gehörte der First-Person-Shooter Battlefield 4 vom US-Publisher Electronic Arts (EA). Grafik, Gameplay, fast alles wurde eins zu eins vom Vorgänger-Spiel übernommen. Mit einer Ausnahme, und die macht das Spiel interessant – in Battlefield 4 wird der Spieler als US-Soldat gegen China in den Kampf ziehen. Und das könnte durchaus reale Auswirkungen haben.

Schon das Vorgänger-Spiel sorgte für diplomatischen Auftrieb. In Battlefield 3, das 2011 erschien und weltweit über 15 Millionen Mal verkauft wurde, musste der Iran erobert werden. Die politische Führung des Landes belegte das Spiel mit einem Verkaufsverbot und kündigte „Gegen-Spiele“ an. Iranische Videospieler protestierten in Briefen an EA. Und die iranische Nachrichtenagentur FARS-News spricht seit der Veröffentlichung von Battlefield 3 von einem „open war of media“ des Westens gegen die islamische Republik. EA hat bis heute nicht Stellung zu den Vorwürfen genommen.

In Battlefield 4, das Ende Oktober erscheinen soll, setzt das Unternehmen nun erneut auf eine brisante Story, um die Verkäufe des Spiels anzukurbeln. Eventuelle reale politische Konsequenzen scheinen auch dabei egal zu sein. Zwar hüllt sich EA in Schweigen, was die Geschichte des Spiels angeht. In den auf der E3 gezeigten Trailern und Gameplay-Szenen hielt aber erkennbar die chinesische Industriemetropole Shanghai als Schlachtfeld her. In einem anderen Trailer versenken chinesische Kämpfer einen US-Flugzeugträger.

Den Medienwissenschaftler Roger Stahl von der University of Georgia in Athens überrascht die Wahl dieses Gegners im neuen Battlefield-Teil nicht: „Die Spiele-Hersteller verwenden von der Politik vorgegebene und in der Öffentlichkeit akzeptierte Feindbilder.“ Er hat die Zusammenarbeit von Politik, Militär und Medien in seinem 2010 erschienenen Buch Militainment, Inc.: War, Media, and Popular Culture ausführlich durchleuchtet. „Der Schwerpunkt der US-Außenpolitik und des Militärs liegt immer mehr auf dem Pazifik-Raum, dies spiegelt sich auch in Medien wie Videospielen wider“, sagt Stahl. Verbindet sich mit dem Feindbild in Battlefield 4 eine zumindest mentale, langfristige Mobilmachung der westlichen Bevölkerung gegen China? „Nicht unbedingt“, sagt Stahl. China sei zwar eine immer stärkere Militärmacht und potenzielle Bedrohung für den Westen, andererseits aber auch ein sehr wichtiger Handelspartner. Politisch hält er das von Electronic Arts präsentierte Feindbild in Battlefield 4 für nicht unproblematisch: „Besonders die auf der E3 gezeigte Zerstörung Shanghais könnte zu einer Reaktion der chinesischen Regierung führen.“

Ökonomisches Risiko

Diese Sorge teilt der Hersteller nicht. Stefan Hölzel, der bei EA-Deutschland für Battlefield 4 zuständige Pressesprecher, sieht in dem Szenario wenig Brisanz: „Letzten Endes ist die Story des Spiels deutlich auf den Spieler und sein Squad ausgerichtet und nicht auf den geopolitischen Hintergrund.“ Sorge, dass das virtuelle Spiel wie beim Vorgänger reale Konsequenzen nach sich ziehen könnte, hat Hölzel offenbar nicht: „Bei Battlefield 4 handelt es sich – wie schon bei seinem Vorgänger – um ein Unterhaltungsprodukt mit einem rein fiktiven Setting.“ Ob die chinesische Führung das auch so locker sehen wird – zumal angesichts von Bilderwelten, die hochpixelig an scharfen und detailreichen Wirklichkeitssimulationen arbeiten?

Die Zahl der Videospiele, in denen China als Gegenseite des Spieler-Ichs dient, ist bisher überschaubar – wirklich erfolgreich war keins dieser Spiele. Mit Battlefield 4 tritt nun aber ein Blockbuster-Titel der Branche an, dessen Marktmacht Standards setzen könnte. China salonfähig zu machen für das Spielegeschäft, hätte Vorteile aus Plausibilitätsgründen: Die Weltmacht gäbe einen glaubwürdigeren militärischen Gegner ab als die bislang zumeist eingesetzten islamistischen Terroristen, weil hier ein breiteres Waffenarsenal als „realistisch“ erschiene – erst kürzlich hat die chinesische Volksbefreiungsarmee ihren ersten Flugzeugträger in Dienst genommen.

Zugleich geht Electronic Arts mit dem neuen Feindbild ein ökonomisches Risiko ein. Zwar machen Videospiele wie die der Battlefield-Reihe ihren Umsatz heute fast ausschließlich in Nordamerika und Europa. Doch ist abzusehen, dass das aufstrebende China auch hier künftig ein relevanter Absatzmarkt werden wird, der es für Hollywoods Filme schon ist. EA könnte es also mit möglichen chinesischen Kunden verscherzen. Die Firmenpolitik lässt bislang nur den Schluss zu, dass sich EA auf den bisherigen Kundenstamm konzentriert. Was so lang opportun sein wird, wie der Umsatz stimmt.

Michael Schulze von Glaßer ist freier Journalist, im Freitag hat er zuletzt über die Bundeswehr geschrieben

 

06:00 18.07.2013

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