Realité

Realismus als Weltverdeckung Zu einem aktuell grün-programmatischen Anlass

Man muss sich einfach mal entscheiden: entweder hat die real existierende Realität nur ein paar bedauerliche Macken, über die man sich therapeutisch verständigen kann - oder aber: the time is out of joint - wie Shakespeare vor geraumer Zeit bereits trefflich bemerkte, zu deutsch: Das Realitätsunternehmen brummt zwar gewaltig, aber es läuft auch ganz schön schief. Die Anhänger der ersten Option nennen sich gerne Realisten, und diese Realisten nennen jene zweite Gruppe der skeptischen Realitätsbeobachter Ideologen oder Fundamentalisten.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Bekanntlich sterben im Laufe eines Tages etwa 100.000 Menschen auf Erden an den Folgen des Hungers. Die prosperierenden Länder verfügten über die technischen, politischen und wirtschaftlichen Mittel, diesen Hunger zu lindern. Schließlich haben sie am planetarischen Elend genug verdient. Doch den Realisten genügen zur jeweiligen Moralsaison betrübte Andachten an die menschliche Misere. Trotzdem nennen sie sich Humanisten, fuchteln mit Menschenrechten herum und bombardieren in ihrem Namen auch mal ein paar ausgesuchte menschliche Feinde der Menschheit. Darin besteht die Glanzleistung der Realisten: Realitäten werden nur äußerst fragmentarisch wahrgenommen und dann noch aus grotesk verengten Perspektiven. Dabei neigen Realisten trotz ihrer bescheidenen Einsichten nicht gerade zur Demut, im Gegenteil: sie verdammen jede komplexere Wahrnehmung der Wirklichkeit als Ideologie, und sie brandmarken noch bescheidene Gesellschaftskritik mit dem Blutgeruch des Totalitarismus. Man könnte auch sagen: um diese ihre real existierende Realität zu schützen, verhindern sie die Besichtigung des Realen. Das Zuchtwort heißt Realismus, und es besagt in etwa, dass die Gestaltbarkeit der Dinge im Differenzbereich beispielsweise zwischen Gerhard Schröder oder Angela Merkel zu verlaufen hat. Und die künstliche Aufregung der Kommentatoren simuliert pausenlos, dass diese Differenz eine sei. Der Totalitarismus unserer Tage besteht darin, dass die Menschen sich selbst in eine komplexe Realität einsperren, von der niemand zu sagen wüsste, worum sie sich dreht, und die wir nicht sehen können, noch wollen. Wir hätten Angst: La réalité est enorme. Was man von Realisten nicht sagen kann. "Dabei sein ist alles", lautet ihre einzige programmatische Perspektive. Und unschwer erkennen wir in dieser Maxime das Betriebsgeheimnis unseres unfrohen, leer gestressten Lebensgefühls.

Dieser Realismus ist nicht nur dümmlich, nicht nur mächtig und gewaltsam, er ist auch perfide: Mit Vorliebe frisst er seine eifrigsten Missionare - wenn sie endlich feist geworden sind. Was sich nun wieder trefflich am Beispiel der Grünen studieren lässt. Nirgends wurden die völlig leeren Realismusbeschwörungen richtungsweisender als in dieser Partei. Die Erleuchtung im Zeichen des Realismus besagt ja nichts anderes, als dass es leichter ist, auf die Abschaffung der Kernenergie zu verzichten, und es ist auch leichter, mit den Hunden der NATO zu heulen, wenn Menschen zu Tode gerettet werden. Und noch leichter ist es, hinterher die Leichen nicht zu zählen. Allerdings wäre nun eine Geste des Anstands fällig, nämlich sich bei seinen Wählern zu entschuldigen, denen man 20 Jahre lang kostspieligen Unfug wie Pazifismus und Umweltschutz verkauft hat. Doch dafür hat der Realismus keine Zeit. Er zerplappert lieber das Reale in eine bunte Schlachtplatte aus Themchen und Problemchen, und er wacht wütend über die dürftige realistische Intelligenz seiner Experten. Der Realismus verwandelt seine Schäfchen in betuliche Moderatoren des Realen, und Medien moderieren dann Realisten, die das Reale moderieren. Das erklärt die verschärfte Langeweile bei zunehmender Bedröhnung im Reich der dämmernden Öffentlichkeit. Der Realismus nimmt sich nicht viel vor. Er scheitert noch an seinen vagesten Versprechen: Liberté, fraternité. Und wir können getrost Frieden und Arbeit und Glück hinzufügen. Den Realisten ist nur eines gelungen: die Kriminalisierung der Phantasie.

Wie das geht, kann man den jüngsten Programmentwürfen der Grünen entnehmen: das Reale in Schach zu halten und mit Unsichtbarkeit zu schlagen. Allerdings macht der Realismus vor seinen Söldnern nicht halt: Unvermeidlicherweise werden sie unauffindbar. Nun werden die Grünen bald auch programmatisch durch das Höllentor der Unauffindbarkeit marschieren. Im Eifer der Erneuerung haben sie vergessen, dass niemand sie dort suchen wird. Und niemand wird sie vermissen. Der Realismus hinterlässt nicht mal Grabsteine. Nur Kollateralschäden.

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00:00 20.07.2001

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