Rebell aus gutem Grund

Anekdoten Bekenntnisse des Moralisten István Eörsi in seinem Roman "Im geschlossenen Raum"

"Des Schriftstellers Verrat beginnt dort,
wo er die Scheiße Ausscheidung nennt"
István Eörsi

Eigentlich keinen Roman, wie es auf dem Buchumschlag prangt, sondern ein autobiographisches Bekenntnisbuch schrieb István Eörsi mit Im geschlossenen Raum. Wer war aber dieser am 13. Oktober 2005 an Leukämie gestorbene Autor? Warum sollte es sich lohnen, seine Konfession zu lesen?

Eörsi, 1931 in Budapest geboren, wuchs als ungarischer Junge auf, bis ihm Hitlers willige Schergen klar machten, dass er ein Jude sei und ins Ghetto kam. Dort lernte er, dass Opfer nicht per se zu besseren Menschen werden - Unrecht verdirbt Täter wie Opfer. Knapp dem Gasmord entronnen, empfindet der begeisterungsfähige Jugendliche die Sowjetunion Stalins als Retter - was sie auch offensichtlich war - und wird Stalinist. Den seit Anfang der fünfziger Jahre zum engen Kreis um den Philosophen Georg Lukács Gehörenden beschleichen Zweifel, zermürben ihn und führen ihn langsam und unerbittlich 1956 in die Reihen der Revolutionäre gegen die sowjetische Fremdherrschaft. Das bringt ihn auf die Anklagebank, wo er zu acht Jahren Haft verurteilt wird und schließlich vom 9. Dezember 1956 bis zu seiner Amnestie am 19. August 1960 im Gefängnis Márianosztra einsitzt. Dort werden Verfechter eines demokratischen Sozialismus zusammengesperrt mit Nazi-Kollaborateuren.

Im geschlossenen Raum beschreibt, bis auf wenige Rückblenden, das Leben Eörsi nach seiner Entlassung - es ist der dritte Teil eines autobiographischen Projektes. Im ersten Buch, das bislang nur auf Ungarisch erschien (2001), zeigt Eörsi seinen Weg bis an die Gefängnistür: Gedichtdokumente mit Kommentaren 1949 - 1956. Die während der Wende 1989/90 geschriebenen und sogleich ins Deutsche übersetzten Gefängnismemoiren Erinnerungen an die schönen alten Zeiten erschienen bereits 1991.

Im geschlossenen Raum nun kommt im Gewand des Romans daher. Die Erzählsituation ist verschlungen: István Eörsi schreibt Anfang dieses Jahrhunderts in einer Berliner Stipendiatenwohnung über ein Interview, das die attraktive Journalistin Erzsébet auf der Terrasse eines Sommerhauses 1989 mit einem Schriftsteller namens Borsi macht. Die Szenerie spielt auf einer nur mit einer Fähre erreichbaren kleinen Donauinsel in der Nähe von Budapest.

Borsi ist ein Alter ego von Eörsi und hat 1965 ein Theaterstück mit dem Titel Im geschlossenen Raum über seine Gefängniszeit geschrieben. Es wurde 1984 im Westberliner Kleisttheater uraufgeführt und - nachdem es endlich in Ungarn erlaubt wird - 1989 als Stück des Jahres ausgezeichnet. Die ehemaligen Zensoren gratulieren dem Zensierten. Wenn man das Drama Im geschlossenen Raum nun Das Verhör nennt und das Kleisttheater Schaubühne am Lehniner Platz, dann ergibt sich haargenau die Geschichte István Eörsis. Eine allzu simple Verfremdung, die Eörsi-Leser schon aus dem Kurzprosaband Ich fing eine Fliege beim Minister kennen. Auch in der Interviewsituation mit erotischen Avancen überschreitet Eörsi nie das Erwartbare.

Obwohl ihm die große Form misslingt, liest man die 26 Kapitel des Buches trotzdem gern. Zum einen enthalten sie prächtige Anekdoten mit philosophischen Dimensionen. Er schaffte Großes im Kleinen und Im geschlossenen Raum vereint eine Vielzahl von "kurzen essayartigen Novellen und novellenartigen Essays" wie Eörsi seine Kurzprosa einmal nannte. Beispielsweise die über den gestürzten zentralafrikanischen Kaiser Bokassa, der in seinem Kühlschrank Menschenfleisch aufbewahrte. Er deutet Bokassas Kühlschränke als schaurige Zusammenführung aus Barbarei und Technik. Auch dies kennen Eörsi-Leser schon aus anderen Büchern. Im geschlossenen Raum ist auch sein Versuch, die besten dieser philosophischen Anekdoten in einen größeren Zusammenhang zu bringen.

Eörsi alias Borsi offenbaren sich als manische Sucher nach Konflikten, die keinem Streit aus dem Wege gehen. So ignoriert Borsi die Bitte, er solle bei einem Empfang - damit ein Stück von ihm auf die Bretter kommt, die die Welt bedeuten können - "anderes thematisieren als junge Pfeilkreuzler, die, nachdem sie sich bei den Judenerschießungen hervorgetan haben, massenhaft in die Kommunistische Partei drängen." Gleichzeitig erzählt er einfühlsam, wie er sich von seiner ersten Frau trennte, eine Ehe, die durch die Last der Gefängnisjahre zerbrach: "Kurzum, unsere Partnerschaft konnte nicht heilen, sie hatte mit übertriebenen Ansprüchen auf meine Freilassung gewartet, und ich war wie ein ausgehungertes wildes Tier aus meinem Käfig gekommen." Gerade Passagen wie die, wo er neben seiner Frau liegt und an die zurückgelassenen Gefangenen denkt und gleichzeitig an die jungen Mädchen, die er am Tage in den Straßen der Stadt sah, zeigen ihn als Erzähler mit Gefühlsintensität.

Dieser einfühlsame wie konfliktbesessene, ebenso strenge wie schelmische Schriftsteller will aber nicht nur sein Ich enthüllen und analysieren, sondern - dies macht die Zwittergestalt dieses Buches aus - eine "Abhandlung" verfassen, "die versucht, die geschlossenen Räume der Kádár-Ära darzustellen." An krasser Deutlichkeit lässt er es dabei nie fehlen. "Das größte Kunststück der ›Kommunismus‹ titulierten Spießbürgerdiktatur war, dass sie nicht nur einem auf die eigene Kleinheit zugeschnittenen, schalem Wertesystem Akzeptanz verschaffte, sondern auch der Hierarchie ihrer eigenen Adelsklasse. Die wahren Koryphäen des Geisteslebens respektierten das und verstärkten damit den Anschein, dass diese Hierarchie auf Begabung und Verdienst beruhte."

Kompromisse, wie sie sein Lehrer und Meister Georg Lukács oder andere machten, damit Spielräume erweitert werden konnten, lehnte Eörsi ab. Er wollte die ganze Freiheit, keine halbe, war der Rebell, der die Kompromissler attackierte - im Nachwort bemerkt György Konrad ironisch: "Ich freue mich, dass er rund siebenmal im verbalen Galopp auch gegen mich vorgegangen ist. Er zählte die Ausfälle. ... Ich dachte, solange er boxt, geht es ihm gut, bleibt er in Form."

Der Autor dieser Zeilen, der einmal mit István Eörsi in der Berliner Stipendiatenwohnung, die auch Im geschlossenen Raum eine Rolle spielt, über DDR-Intellektuelle wie Werner Mittenzwei diskutierte, kann bezeugen, dass die im Buch beschriebene Erregung Borsis die des realen István Eörsi war. Er forderte - nicht ohne Eitelkeit, wie er zugab - Einsatz in einer von "Brutalität regierten Welt" für eine gerechtere. Wann? Immer. Wo? Überall, wo man ist. Allerdings fehlt seiner Prosa wie seinen Stücken das prophetische Moment - oder wie es bei seinem Kollegen Heiner Müller hieß: der Text ist klüger als der Autor. Die Interpretation - beispielsweise bei der Bokassa-Anekdote - liefert Eörsi meist gleich mit.

Dieser Autor war kein Personenerfinder: In seinem bekanntestem Drama Das Verhör verwendet er seine Gefängniserinnerungen. Sein wahrscheinlich bestes Stück His Masters Voice erzählt die Lehrer-Schüler-Auseinandersetzung zwischen Georg Lukács und ihm. Er macht sich selbst zur Bühnengestalt wie er sich Im geschlossenen Raum als Romanfigur entwerfen will. Sein Lukács-Dialog endete nicht mit dem Ableben des Meisters im Jahre 1971, sondern erst mit Eörsis Tod. Immer wieder kam er auf den ehemaligen Lehrer zurück, dessen "gläubigen Kommunismus" er kritisieren musste, dessen Erkenntnisse aber wieder brauchbar wurden, als "uns die demokratischen Freiheitsrechte im Verein mit geistiger und moralischer Anspruchslosigkeit offeriert" wurden.

Der Dramatiker und Romancier István Eörsi stieß immer da an Grenzen, wo seine größte Figur István Eörsi selbst war. Aber gerade das macht seine selbstanalytischen Bücher wie Tage mit Gombrowicz oder Im geschlossenen Raum, die zugleich Gesellschaftsanalysen sind, auch wieder zu aufschlussreicher essayistischer Prosa. Wer seinen autobiografischen Roman liest, bekommt keinen großen Roman, aber prächtige Anekdoten, Einblicke in die geschlossenen Räume des ungarischen Gulaschkommunismus und vor allem eine aufschlussreiche Biographie eines Charakters aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts der Extreme geboten.

István Eörsi: Im geschlossenen Raum. Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer und

mit einem Nachwort von György Konrad, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, 322 S., 22,80 EUR


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00:00 15.09.2006

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