Rechnen auf Skiern

Sportplatz Kolumne

Als wir unsere neuen Langlaufschuhe nach Hause brachten, wartete eine Überraschung auf uns. Im Sportgeschäft dachten wir Produkte deutscher Markenfirmen gekauft zu haben. Jetzt, bei näherer Betrachtung, fanden wir in dem einen Paar einen diskreten Hinweis "Made in China", in dem anderen "Made in Romania". Dabei ging es, wie schon gesagt, nicht um Billigware, sondern Produkte führender deutschen Firmen. Dem entsprach auch der Preis: 80 Euro für die Schuhe "Made in China", 109 Euro für die "Made in Romania".

Auf der langen Fahrt in den Urlaubsort hatten wir Zeit genug, über die Wege unserer Schuhe nachzudenken und auch nachzurechnen. Als wir vor etwa 20 Jahren in der alten Bundesrepublik unsere letzte Langlaufausrüstung kauften, in dem gleichen Geschäft übrigens, kosteten die Schuhe 75 die Bindung 14 und die Skier etwa 140 D-Mark. Jetzt haben wir für die Schuhe 109, für die Bindung 38 und für die Skier 149 Euro bezahlt. In Euro umgerechnet, haben wir vor 20 Jahren für die Ausrüstung etwa 115 Euro, jetzt 296 Euro bezahlt, also mehr als das Doppelte, genau 181 Euro mehr. Dementsprechend hätten sich eigentlich auch unsere monatlichen Einkünfte verdoppeln müssen, sie stiegen aber höchstens um 20 Prozent.

Wo sind nun die 181 Euro, oder 360 DM, die wir für unsere Ausrüstung mehr bezahlt haben, geblieben, wie haben sie sich verteilt, wem kamen sie zugute, fragten wir uns.

Wir begannen bei dem Händler, einem mittelständischen Betrieb, und zogen zuerst von dem Preis von 109 Euro 16 Prozent Mehrwertsteuer ab. Blieben 94 Euro netto. Vor 20 Jahren, als wir für ein Paar Schuhe umgerechnet 37 Euro zahlten, wären es nach dem Abzug von elf Prozent Mehrwertsteuer 33 Euro gewesen. Gehen wir nun davon aus, dass unser Händler die Schuhe von der Firma mit dem in dieser Branche üblichen 40 Prozent Rabatt also für 55 Euro bezog. Vor 20 Jahren waren es 20 Euro. Er macht heute sicherlich mehr Umsatz als vor 20 Jahren, sonst wäre er schon längst pleite, in dieser Zeit sind aber auch alle seine Kosten von Gehältern über die Miete bis zum Strom entsprechend gestiegen. Der Zuwachs an Reingewinn kann bei ihm höchsten ein bis zwei Prozent ausmachen, und den gönne ich ihm auch.

Bleiben also die 55 Euro Herstellungskosten mitsamt Gewinn für die in Rumänien produzierten Langlaufschuhe aus Plastik, gegenüber den vor 20 Jahren für 20 Euro damals in der Bundesrepublik hergestellten Lederschuhen. Obwohl der Hersteller die Produktion in das Niedriglohnland verlegt hat, verlangt er für seine Produkte heute 35 Euro mehr als vor 20 Jahren. Soll es bedeuten, und soll ich glauben, dass die Produktion so viel teuerer geworden ist, trotz der wachsenden Produktivität der Arbeit, des billigeren Plastikmaterials und der niedrigen Lohnkosten? Oder ist um die 35 Euro, die er heute für ein paar Schuhe mehr verlangt, sein Gewinn gestiegen, zu welchem nun auch ich beigetragen habe?

In unserem Urlaubsort lag tatsächlich Schnee, die Sonne schien und die Loipen waren gespurt. Von der Frage, wo nun meine 35 Euro geblieben sind, kam ich trotzdem nicht mehr los. Ob sich auch der Rumäne für sein in der Schuhfabrik verdientes Geld eine vergleichbare Langlaufausrüstung würde kaufen können. Dafür hätte ich meine 35 Euro gerne gespendet. Vielleicht könnten sich mit dem Langlauf wenigstens die 400.000 Menschen vergnügen, die in den vergangenen Jahren durch die Verlegung der Produktion ins Ausland, ihren Arbeitsplatz verloren haben, dachte ich weiter. Sie waren aber auf der Loipe nicht zu sehen.

So blieb die Frage, wo meine 35 Euro geblieben sind, immer noch offen. Hätte ich mir sicher sein können, dass die Firma ihren Gewinn und damit auch meine 35 Euro in Deutschland versteuert, hätte ich meine Schuhe mit gutem Gewissen kaufen können. Damit wäre ich wenigstens mit einem geringfügigen Beitrag an der Finanzierung der Arbeitslosenhilfe beteiligt gewesen. Nur, wenn man weiß, dass sich der Anteil der Unternehmenssteuern am gesamten Steueraufkommen seit 1970 mehr als halbiert hat, kann man nicht so recht daran glauben. In diesem Augenblick schoss mir die Zahl von über 70 Milliarden Euro durchs Gehirn, die durch die Schwarzarbeit dem deutschen Fiskus an Steuereinnahmen jährlich entgehen. Hat aber schon jemand ausgerechnet, wie viel an Steuereinnahmen der deutsche Staat durch diese Verlegung der Arbeitsplätze ins Ausland verliert, bei den steigenden Kosten für die wachsende Arbeitslosigkeit?

Das war wohl eine Frage zuviel. Ich verlor die Balance und schon lag ich im Schnee.


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00:00 14.01.2005

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