Rechnen, um zu sein

Internet Eine „rechenbasierte Wissensmaschine“ will die Informationsbeschaffung revolutionieren. Über die neusten Versuche, das Internet künstlich intelligent zu machen

Es ist eine Paradoxie des so genannten Informationszeitalters, dass auch 20 Jahre nach der Erfindung des World Wide Web sinnvolle Informationen häufig so schwer wie die Stecknadel im Heuhaufen zu finden sind. Wir wissen, dass sie im Prinzip irgendwo in den Datenmassen des Cyberspace stecken, aber wir wissen nicht, wo. Also „googeln“ wir. Mangels Alternative: Denn seit Jahren ist klar, dass auch die Computer des Defacto-Monopolisten Google nur endlose Verweise ausspucken und den Kontext einer Suchanfrage nicht verstehen. Zudem lassen sich die Ergebnisse manipulieren, und wie sie ermittelt werden, ist alles andere als transparent.

Doch jetzt ist ein Dienstanbieter angetreten, die Informationsbeschaffung zu revolutionieren: Wolfram Alpha, die „rechenbasierte Wissensmaschine“. Schon die Ankündigung des britischen Mathematikers Stephen Wolfram schlug wie eine Bombe in der hochnervösen Netzwelt ein. Denn Wolfram ist kein Leichtgewicht wie manch gescheiterter Google-Herausforderer der vergangenen Jahre.

Seine Meriten hat er sich mit der Entwicklung der Software Mathematica verdient, den Ruf des genialen Kopfes mit seinem 1.200-Seiten-Wälzer A New Kind of Science. Darin betrachtet er die Natur als Rechenprozesse: Die komplexen Erscheinungen der Welt sollen sich algorithmisch aus einfachen Grundregeln herleiten lassen. Dieser Ansatz und die Tatsache, dass er das Buch 2002 nicht in einem wissenschaftlichen Verlag, sondern in Eigenregie veröffentlichte, wurde von der Scientific Community als Affront verstanden.

„Google-Killer“

Nun also Wolfram Alpha: Sie soll dem Nutzer nicht nur Informationsbröckchen hinwerfen, sondern Antworten auf Fragen geben. Anstatt sich durch Trefferlisten von Google oder langwierige Texte in Wikipedia oder Brockhaus wühlen zu müssen, erhalten die Nutzer von Wolfram Alpha fertig aufbereitete Zahlen, Statistiken, Grafiken und Hinweise auf weiterführende Literatur – keine Werbelinks und keine Verweise auf irrelevante Dokumente. Weil die Webseite ebenso schlicht wie die von Google daherkommt, war denn auch gleich vom potenziellen „Google-Killer“ die Rede.

Der Vergleich mit Google läuft jedoch ins Leere, weil das Konzept anders ist. Google durchsucht zuvor erfasste Webdokumente nach der Zeichenfolge eines eingegebenen Begriffs. Wird sie fündig, wird ein Verweis auf das entsprechende Dokument präsentiert. Wolfram Alpha entnimmt die Daten einer Wissensbasis, die von seinen Mitarbeitern aus diversen Quellen zusammengetragen, geprüft und für die Verarbeitung in eine Form aus mathematisch-logischen Symbolen gebracht worden ist. Ähnlich wie bei Enzyklopädien stehen am Anfang also Menschen, die Wissen beurteilen können. Die Wissensbasis von Wolfram Alpha umfasst bereits mehrere Billionen Datenelemente.

Die Frage eines Nutzers wird ebenfalls in Elemente zerlegt und in eine symbolische Form umgewandelt. Die dazu passende Antwort wird dann laut Stephen Wolfram mit Hilfe eigens entwickelter Rechenvorschriften aus den Datenelementen der Wissensbasis berechnet – nicht gesucht. Für den Nutzer wird sie anschließend in eine lesbare Form zurückverwandelt.

Das Konzept ist gewiss ein Meilenstein in der Geschichte des Internets, und doch hinterlässt es einen zwiespältigen Eindruck. Wer die bisherigen Anfragen an Wolfram Alpha betrachtet, bemerkt die Atemlosigkeit im Internet. Wolframs Idee, eine ausformulierte Frage zu stellen, nehmen viele Nutzer nicht an: Sie hacken weiterhin, wie bei Google und anderen gelernt, nur Begriffe in das Eingabefeld.

Nur Fakten, Daten, Zahlen

Dazu passt, dass ein Impuls hinter Wolfram Alpha natürlich ist, dem Nutzer die geistige Auseinandersetzung mit einem Gegenstand zu ersparen. Die Antworten bestehen immer aus unverbundenen Fakten, die interessant sein können, oft aber nur Quiz-Show-Niveau erreichen. Nichtsdestotrotz nennt Stephen Wolfram als Ahnherrn seiner Wissensmaschine Gottfried Wilhelm Leibniz: „Er kam am Ende des 17. Jahrhunderts zu der Auffassung, dass es einen Weg geben muss, die Auflösung aller menschlichen Diskussionen zu mechanisieren. Er stellte sich vor, dass man den menschlichen Diskurs mittels Logik und Mathematik repräsentieren könnte.“ Wolfram hofft, dass eines Tages sämtliches Wissen in Rechenprozessen abgebildet werden kann.

Folgerichtig verarbeitet Wolfram Alpha nur Faktenwissen aus Wissenschaft, Technik, Wirtschaftsstatistiken und Geographie. Wer nach dem „2. Juni 1967“ fragt, erfährt etwa, wieviele Tage, Wochen und Jahre das Datum zurückliegt, sowie: „Kein offizieller Feiertag oder bedeutende Vorkommnisse.“ Auch wenn das System auf den angelsächsichen Kulturkreis zugeschnitten ist, für den Benno Ohnesorg keine Bedeutung haben mag, wird klar: Das Team, das die Wissensbasis erstellt, hat eine erhebliche Deutungsmacht darüber, was überhaupt wissenwert ist. Wird Wolfram Alpha in den kommenden Jahren besser, werden wohl knappe faktische Antworten immer mehr zum relevanten Wissen für Millionen.

Ein weiteres Problem: Wie Wolfram Alpha genau funktioniert, will Stephen Wolfram nicht enthüllen. Alle bisherigen Erklärungen bleiben vage – der Brite will mit seiner patentgeschützten Wissensmaschine auch Geld verdienen. Das ist unbedenklich, solange Wolfram Alpha eine Nischenanwendung für naturwissenschaftlich-technisch Interessierte bleibt. Doch Wolframs Ehrgeiz zielt auf die Massen.

Dafür spricht nicht nur, dass um Wolfram Alpha eine Online-Community aufgebaut wird, deren Feedback mithilft, das System kontinuierlich zu verbessern. Auch die Reaktionen von Google und Microsoft zeigen, dass sie den Neuankömmling als Bedrohung wahrnehmen. Google stellte in den vergangenen Wochen mit Google Public Data und Google Square gleich zwei neue Dienste vor, die teilweise Ähnliches wie Wolfram Alpha leisten sollen. Und Microsoft präsentierte seine neue Suchmaschine Bing, die noch schneller zu einem befriedigenden Suchergebnis führen soll.

Dank mobilem Internet wird Wolfram Alpha ein Erfolg werden. Denn es macht das so populäre iPhone zur ersten Version jener tragbaren Antwortmaschine, die in Douglas Adams’ Sciencefiction-Serie Per Anhalter durch die Galaxis berühmt wurde. Das ist natürlich auch bei Wolfram Alpha niemandem entgangen. Gibt man auf der Seite „Life“ ein, lautet das Resultat: „42“.

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05:00 10.06.2009

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