Rechts reiten

Gutachten Ist unser aller liebster Cowboy ein Fall für die Identitären? Zum neuen Lucky-Luke-Band
Mario Zehe | Ausgabe 15/2017 2
Rechts reiten
Der neue Lucky Luke balanciert auf dem schmalen Grad politischer Korrektheit
Abbildung: United Archives/Imago

Seit einiger Zeit ist die Neue Rechte bemüht, Monumente der Popkultur zu vereinnahmen und zu einem Bestandteil ihrer politischen Kommunikation zu machen. Stellt sich die Frage, wie es diesbezüglich eigentlich um Lucky Luke, den Einsamsten aller Präriehelden, steht: Ließe er sich, wie es die französischen Identitären gerade mit Asterix versuchen, zu einer Identifikationsfigur aller angry white men aufbauen? Wäre es zumindest möglich, dass wir einmal mit einem AfD-Wahlwerbeplakat konfrontiert werden, auf dem der coole Cowboy die bösartige und arglistige Mama (Angie) Dalton coltschwingend in ihre Schranken weist? Könnte er glaubhaft die Parole verkörpern, ein darbendes Land wieder „groß“ zu machen?

Sein neues Abenteuer Das gelobte Land von Achdé und Jul (nach einem Manuskript des verstorbenen Lucky-Luke-Erfinders Morris) zeigt rasch, dass das nicht so einfach wäre. Zwar besteht Lucky Lukes Hauptaufgabe auch in diesem Band darin, eine gefährdete Ordnung aufrechtzuerhalten und potenzielle Normverletzer auszuschalten, und scheint also wie gemacht für eine feindliche Übernahme durch den rechtspopulistischen Diskurs. Trotz dieser unbestreitbaren Law-and-Order-Tendenzen gibt es aber einen entscheidenden Unterschied zum Denken der identitären Rechten. Anders als etwa der klassische Filmwestern repräsentieren die Lucky-Luke-Alben die kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt des amerikanischen Westens (und Ostens).

Hier reiht sich Das gelobte Land nahtlos ein: Unser schweigsamer Held begleitet die Sterns, eine jüdische Einwandererfamilie aus Osteuropa, auf ihrem Weg von St. Louis nach Montana, schützt sie vor räuberischen Pistoleros und macht sie mit den hiesigen rauen Umgangsformen vertraut. Dabei wird der oft gewaltsame Hintergrund aschkenasischer Immigration mit dem typisch lakonischen Humor der Serie erklärt. So kommentieren Moishe und Rachel Stern eine wüste Schlägerei in einem heruntergekommenen Westernkaff, indem sie sich an die Schtetl ihrer Heimat erinnert fühlten, allerdings ginge es hier weit friedlicher zu. Neben allerlei mal mehr und mal weniger witzigen Anspielungen auf bekannte Amerikaner mit jüdischen Wurzeln balanciert der Band mit der stereotypen Darstellung sozialer Gruppen wie gewohnt auf dem schmalen Grad politischer Korrektheit. Und überzeugt vollkommen, weil jeder gleichmäßig sein Fett abkriegt!

Wunderbar, wie der Zeichner Achdé Grant Woods Gemälde American Gothic adaptiert und ihm eine neue Lesart hinzufügt: als Kommentar zum angespannten Verhältnis zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung in den USA. Dieses ist mit Donald Trump nicht einfacher geworden, hat doch die Anti-Defamation League erst jüngst auf eine rapide Zunahme antisemitischer Gewalt seit dessen Amtsantritt hingewiesen. Einen möglichen Ausweg bietet der Comic an: Als Moishe erfährt, dass Lucky Luke anders als irrtümlich angenommen gar kein Jude ist, gibt er ihm nach kurzer Bedenkzeit zu verstehen: „Macht nichts! Ich behalte Sie trotzdem!“ Fremdheit mindestens aushalten, im besten Falle sogar feiern, wie auf der letzten Seite des Albums, das ist der progressive Luke’sche Imperativ.

Info

Lucky Luke 95: Das gelobte Land Achdé, Jul Klaus Jöken (Übers.), Egmont Comic Collection 2017, 48 S., 12 €

Mario Zehe ist Mitarbeiter der AG Jugendliteratur und Medien (AJuM) in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

06:00 26.04.2017

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