RECHTSPOLITIKER

Kommentar Die Eskapaden des Norbert Geis

Wenn sich ein Jurist bei den Grünen als "Rechtsverdreher mit Linksgewinde" vorstellt, ist das ein Sparwitz ohne Zinsen. Aber wenn der christsoziale Norbert Geis als "Rechtspolitiker" seiner Fraktion firmiert, ist das ein Teekesselchen.
Norbert Geis ist katholisch. Und er weiß, wo es langgeht. Sexuell. Und national. Kein derber Stammtischbruder, ein akkurater Rechtsanwalt aus Aschaffenburg. Jahrelang ist er niemandem aufgefallen. Jetzt, mit Edmund Stoiber als Kanzlerkandidaten, guckt man schon genauer hin, wen es da noch so gibt in der CSU. Einmal ins Rampenlicht gerückt, macht Geis es Stoiber ganz schön schwer: Erst wird ein Text von ihm ruchbar, in dem er die Ablehnung des Lebenspartnerschaftsgesetzes mit einem Rundumschlag gegen die Homosexualität begründet, der heute Raritätswert besitzt. Geis sagt sich, jetzt erst recht, und stellt den Text auf seine Bundestags-Homepage: Rot-grün attackiere die bürgerliche Ehe, um damit die "konservative Grundstimmung in der Gesellschaft" zu treffen. Die "extreme Minderheit" der Schwulen habe sich durchgesetzt. Rot-grüne Parlamentarier, Marionetten perverser Lüstlinge! Eine ganze Schublade voll Klischees macht er auf: Homosexuelle als verirrte, nicht bindungsfähige AIDS-Risikogruppe, gegen deren Perversion Widerspruch laut werden muss, damit "Schwachsinn nicht zur Mode wird" - ach, Norbert Geis, es ist soviel Schwachsinn Mode geworden, aber warum hast du gegen Microsoft und Mobiltelephone geschwiegen!
Wahrscheinlich, weil Homosexualität auch noch gefährlich ist, diabolisch gar: Jugendliche drohen ihr zu "verfallen": Der körperliche Kontakt mit Schwulen sei "höchstgefährlich". Händeschütteln oder sich in der U-Bahn anrempeln und es ist vorbei: infiziert. Morbus Hirschfeld.
Aber bei der homophoben Eruption von Geis blieb es nicht: "Warum lasst ihr nicht Deutschland den Deutschen?", fragte er. Diesmal nicht im Internet, sondern bei Friedman im Hessischen Rundfunk. Zugegeben: Eine gute Frage. Nur, an wen richtet sie sich? An die Protestanten? Die Schwulen? Die Juden? Den Verwaltungsrat des Hessischen Rundfunks? Und was geschieht, wenn eine dieser Randgruppen Deutschland den Deutschen wegnimmt? Wird es per Internet versteigert? Und die Deutschen, so ganz ohne Land? Fallen sie unter die Flüchtlingskonvention? Geis sollte das vielleicht mit den Rechtspolitikern der anderen Fraktionen diskutieren. Mit Volker Beck von den Grünen zum Beispiel, dem Protagonisten der eingetragenen Lebenspartnerschaft. Eigentlich müssten sich die beiden ganz gut verstehen. Immerhin findet Beck die bürgerliche Ehe so gut, dass er sie auch noch für Schwule und Lesben wollte. Für ihre Beibehaltung könnten sich Geis und Beck jedenfalls die Hände reichen. Aber bitte nicht vor laufenden Kameras. Das könnte falsch verstanden werden.

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00:00 15.02.2002

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