Rechtsum im Kollektivtext

Politik Oft sind Sartre die großen Irrtümer vorgeworfen worden. Aber wer irrt hier eigentlich?

Anlässlich seines hundersten Geburtstages darf die Branche der Geistesdienstleister endlich verkünden, dass Jean-Paul Sartre aus dem Kanon der abendländischen Geistesriesen gestrichen gehört. Und zwar aus im Wesentlichen zwei Gründen: einerseits hat Sartre politische Positionen vertreten, die der Konsens unserer Tage mittlerweile zur Schwerkriminalität rechnet, zweitens hat Sartre die Rolle des Geistes, der Schrift, der Reflexion auf eine Weise neu definiert oder neu verkörpert, die den Nachfahren jede Menge Anlass zur Sorge bietet: Sartre hatte ein Publikum, während die Zunft heute mithilfe zierlicher Stipendiatenprosa, neckischen Sponsorenevents und sterbenslangweiliger Professorenrede dem möglichen Publikum den guten Willen austreibt. Anders gesagt: In der Rechtschreibreform findet die zeitgenössische Intelligenz seit fünf Jahren ihre größte Herausforderung, und sie hat sich in den entsprechenden Grabenkämpfen tüchtig verausgabt. Die Speerspitze intellektueller Kühnheit gipfelt in Wahlaufrufen für die SPD. Und die größte letzte verbliebene Gesellschaftsutopie heißt: Nichtrauchen.

Angesichts dieser Umstände leuchtet unmittelbar ein, warum Sartre untragbar ist. Und so ist man dazu übergegangen, nicht mehr nur von Sartres Irrtümern zu sprechen, sondern den Mann insgesamt als Vollidioten zu beschreiben. Nehmen wir mal den peruanischen Schriftsteller Vargas Llosa, der sich in der Welt am Sonntag (10. April 2005) mit einem beispielhaften Text über Sartre ("Verehrung des Verbohrten") unsterblich gemacht hat. Darin beschreibt Vargas Llosa, wie fragwürdig die Lehren Sartres geworden seien, die noch vor drei Jahrzehnten eine große Ausstrahlung gehabt hätten. Mich fasziniert dieser Text, weil er sozusagen den herrschenden Antisartrismus in Vollendung darbietet. Es handelt sich, kurz gesagt, um dumpfe ideologische Ressentiments, die ganz ohne, selbst vordergründige, Begründungszusammenhänge auskommen. Wenn man dann allerdings etwas näher rangeht, kann man auch nicht mehr bloß von Ahnungslosigkeit sprechen, dann entdeckt man vielmehr: gezielte Fälschungen. Etwa so: "Was nützte Sartre seine überragende Intelligenz, wenn er nach seiner Rückkehr von einer Reise durch die UdSSR Mitte der fünfziger Jahre - der Gulag hatte seinen negativen Höhepunkt erreicht - wiederholt betonte: ›Ich konnte mich davon überzeugen, dass in der Sowjetunion absolute Meinungsfreiheit besteht‹"? Zunächst hat Sartre dergleichen nicht wiederholt betont, sondern dieser Satz findet sich ein einziges Mal in einem mündlichen Interview, das Sartre im Juli 1954 der Zeitung Libération gegeben hat - auch wenn ich diesen Satz mittlerweile schon in 40 verschiedenen Versionen und so oft gelesen habe, dass man fast glauben könnte, Sartre hätte sonst nichts weiter geschrieben. Zu diesem Zeitpunkt kam Sartre tatsächlich aus der Sowjetunion zurück, und er hatte sich mit einigen Reformkommunisten getroffen; denn es war weniger die Zeit, wo der Gulag im Zenit stand, sondern es war die Zeit nach Stalins Tod, der Beginn des so genannten Tauwetters, wo nicht nur Sartre glauben durfte, dass es in der SU zu bedeutenden Reformen kommen könnte. Wie gesagt, es handelt sich dabei um eine einmalige Interviewäußerung. Und wer Sartres Generosität oder auch Nachlässigkeit im Umgang mit Manuskripten aber auch Interviews kennt, weiß natürlich auch, dass diese Äußerung niemals autorisiert wurde. Und wenn anscheinend, alle politische Reflexionen Sartres in diesem Satz gipfeln, dann fragt man sich, warum es ihn nicht aus Sartres Feder gibt. Kriminell - und das meine ich hier durchaus wörtlich - wird es dann, wenn es darum geht, dass dieses Sätzchen beweisen soll, dass Sartre die Gulags rechtfertigt und überhaupt ein Stalinist gewesen sein soll. Bekanntlich war Sartre niemals Mitglied der KPF - obwohl auch das immer mal wieder kolportiert wird -, im Gegensatz zu einer Reihe führender französischer Intellektueller. Er war vielmehr einer ihrer hartnäckigsten Gegner.

In den Jahren von 1952-56, in denen er sich zum "Compagnon de route" erklärt hat, hat er auf ein paar hundert Seiten eigens begründet, warum er sich in dieser bestimmten Situation als Weggefährte begreift und was er darunter versteht. Und er hat ausdrücklich auf die Repression in der Sowjetunion hingewiesen, er hat sie verurteilt und ausdrücklich begründet, warum er trotzdem an seiner prosowjetischen Haltung festhält, weil nämlich eine reformierte Sowjetunion der Sache der Freiheit näher kommen könnte. Und wenn man diesen Essay, nämlich Die Kommunisten und der Frieden noch etwas genauer liest, dann wird man nichts anderes finden als ein Dokument des systematischen Gegensatzes Sartres zur offiziellen sowjetischen oder kommunistischen Doktrin. Es handelt sich also lediglich um ein taktisches Bündnis, getroffen in einer Welt, die in zwei Lager aufgeteilt war. Und in der Sartre die Hoffnung vertrat, eine reformierte Sowjetunion käme der Sache der Freiheit näher.

Im Gegensatz zu den Vargas Llosas aller Zeiten hat Sartre das Problem der "schmutzigen Hände" nicht nur formuliert, sondern sich ihm auch lebenspraktisch gestellt. Doch so genau wollte Vargas Llosa es sicherlich nicht wissen. Und deshalb erinnert er sich natürlich auch nicht daran, dass Sartre zu dem Zeitpunkt, da er angeblich Gulags gerechtfertigt haben soll, öffentlich gegen Massenmorde protestiert hat, die sozusagen demokratisch legitimiert waren. Um nur mal an den bestialischen Krieg in Indochina zu erinnern, den die Franzosen bis 1954 geführt haben, um anschließend in Algerien ähnlich weiterzumachen. Vom späteren "Engagement" der Vereinigten Staaten von Amerika in Vietnam mal ganz zu schweigen. Als die wahren Lichtgestalten nennt Mario Vargas Llosa Raymond Aron und Albert Camus. Nur, wo waren diese Freiheitshelden als es darum ging, der grande nation den Spiegel vorzuhalten? Sartre hat theoretisch und praktisch die real existierende parlamentarische Demokratie in Frage gestellt. Daraus wird dann gerne der Anti-Demokrat Sartre gemacht. Da spielt es keine Rolle, dass er unmissverständlich wie kaum ein anderer den autoritären Zentral- oder Einparteienstaat abgelehnt hat und vielmehr über Formen direkter Demokratie nachgedacht hat. Solche Kritik an Sartre kommt nie über ein fieses Gemisch aus Gerüchten und Unwahrheiten hinaus. In Vargas Llosas Text steckt keine einzige persönliche Überlegung. Kurz, dieser Text hätte auch in ´Humanité stehen können, vielleicht schon 1950, 1970 oder 1990. Und tatsächlich haben zum Verwechseln ähnliche Texte schon ein Dutzend Mal in ´Humanité gestanden. Zum Beispiel der: "Hermetischer Philosoph, Ekelschriftsteller, Skandaldramatiker, Demagoge dritten Grades, das sind die Etappen der Laufbahn von Herrn Sartre". Ein Unterschied zu Don Mario Vargas Llosa ist nicht erkennbar. Kurz, der Antisartrismus besteht aus einem reichlich abgestandenen Kollektivtext, der die stets gleichen Ressentiments streut. Und das einzig Interessante an diesem Kollektivtext ist, dass sich der Comon Sense unserer Zeit da so etwas wie ein Programm gibt. Wenn unsere intellektuelle Verfassung sich überhaupt auf den Nenner eines Programms bringen lässt, dann drückt sie sich am präzisesten in seinen Affekten gegen Jean-Paul Sartre aus: in der fast schon irren Wut auf ein so riskantes wie verbindliches Denken. Tatsächlich bricht mit Sartres Tod die unumschränkte Herrschaft der Postmoderne an. Das heißt, kaschiert vom Getue eines subversiven Denkens findet jetzt die Restauration aller Institutionen des klassischen Geisteslebens statt.


Den Postmodernen gilt Sartre als berüchtigter Subjekt-Philosoph. Nun beschäftige ich mich seit 30 Jahren mit Sartre, doch nicht ein einziges Mal bin ich diesem souverän heraustretenden Subjekt begegnet. Und nach eingehenden Recherchen darf ich behaupten, das gibt es auch gar nicht. Es ist allerdings auch so, dass der Lieblingspopanz der todesmutigen Dekonstruktivisten, das Subjekt, noch nicht einmal im 19. Jahrhundert in nennenswerter Weise in Erscheinung tritt, höchstens in den Sonntagsreden europäischer Kolonialideologen. Irgendwie scheint dieser Avantgarde entgangen zu sein, dass Philosophie und Wissenschaften seit zwei Jahrhunderten heftig daran arbeiten, sich jenes "unerträglich verwöhnte Kind, den Menschen" - wie Claude Lévi-Strauss so hübsch formuliert hat - vom Hals zu schaffen. Leider haben sie versäumt, sich die Frage zu stellen, was dann an seine Stelle tritt. Genau diese Kühnheit hat sich allerdings Sartre herausgenommen. Von Anfang an, seit den dreißiger Jahren, seit Die Transzendenz des Ego, hat er sich radikal von den Aporien des Subjekts verabschiedet und im gleichen Moment aber auch begriffen, dass es ziemlich einfach ist, an die Stelle des Subjekts pseudoobjektive Formationen wie die Klassenkämpfe, die Systeme, die Strukturen, die Diskurse oder den Stoffwechsel des Gehirns zu setzen. Doch es kann einem außerhalb von Hauptseminaren ja schwerlich entgehen, dass ein Mensch eben nicht sein Stoffwechsel ist, und auch nicht eine Klasse oder irgendeine anthropologische Struktur. Also, was tritt denn an die Stelle des unmöglichen Subjekts? Was ist eine Person? Diese Frage ist zwar nicht sehr schwer zu verstehen, aber ich fürchte, dem Denken der Gegenwart steht sie erst noch bevor. Und insofern könnte Sartre sich als der Mann einer entlegenen Zukunft entpuppen.

Von Walter van Rossum erschien im Jahr 2001 Simone de Beauvoir und J.P. Sartre. Die Kunst der Nähe, Rowohlt-Verlag.


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00:00 17.06.2005

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