Reden erst die Völker selber

Der Vietnamkrieg (IV) Als in Indochina Unwiderrufliches geschah, war die DDR auf Seiten der Sieger - die Solidarität sorgte für Brücken zwischen Staat und Gesellschaft

Am 30. April 2005 jährt sich zum 30. Mal das Ende des Vietnam-Krieges. Die ersten drei Teile der deshalb im Freitag (Ausgaben 10/05, 12/05 und 14/05) publizierten Serie galten den Ereignissen von der Genfer Indochina-Konferenz 1954 bis zur Befreiung Saigons 1975. In dieser Folge wird an die Wirkungen erinnert, die der Vietnam-Krieg auf die DDR-Gesellschaft hatte. Ein zweiter Text beschäftigt sich mit der ökonomischen Lage Vietnams drei Jahrzehnte nach dem Krieg und fast 20 Jahre nach Beginn der "Doi Moi" genannten Reformpolitik.

Von Anfang an wirkte der ungleiche Kampf zwischen den Bombenteppiche legenden High-Tech-Kriegern der US-Armee und den von Napalm verstümmelten Vietnamesen in der DDR Konsens stiftend. Nennenswerte Teile der Bevölkerung, nicht zuletzt viele Jugendliche, stimmten aus freien Stücken im Urteil über den amerikanischen Krieg mit der offiziellen Sicht des Staates überein. Wirkte in der Bundesrepublik bis zum Ende der Großen Koalition im Jahr 1969 der Vietnamkrieg zwischen herrschender Politik und gesellschaftlicher Opposition eher polarisierend (unter der akademischen Jugend zudem stark politisierend), sorgte er in der DDR für Brücken zwischen Partei, Staat und Gesellschaft.

Gefühl der Ankunft

Der zur Staatsräson erhobene Antimodernismus und Antiamerikanismus hatte in den fünfziger Jahren die Schnittmengen zwischen DDR-Bevölkerung und SED-Führung auch im Geistig-Kulturellen erheblich schrumpfen lassen. Mit dem Vietnamkrieg und seiner spontanen Ablehnung änderte sich das spürbar. Die SED sah das von ihr vertretene Welt- und Feindbild so sehr bestätigt, dass selbst der Mauerbau nachträglich legitimiert schien.

Ohnehin hatte es nach dem 13. August 1961 eine Phase gegeben, in der die auf ökonomische Anstrengungen der Menschen bedachte DDR-Führung jenen Kräften in Politik, Kultur und Kunst mit mehr Toleranz begegnete, die den Mauerbau für eine innere Entkrampfung und für mehr Partizipation von kreativen, jüngeren Bevölkerungsgruppen zu nutzen gedachten. Allerdings entstanden bald neue außenpolitische Rahmenbedingungen, die den Verfechtern eines autoritären Führungsgebarens wieder Aufwind verliehen. Dazu gehörten der inzwischen auch militärisch ausgetragene sowjetisch-chinesische Konflikt wie der Sturz des sowjetischen Parteichefs Nikita Chrustschow im Jahr 1964 oder die neue Ostpolitik der seit 1969 regierenden sozialliberalen Koalition in Bonn.

Das 11. ZK-Plenum im Dezember 1965 hatte eine verhängnisvolle Zäsur bewirkt, indem Ansätze einer vorrangig durch Film, Literatur und bildende Kunst vermittelten Debatte über interne Hemmnisse und Perspektiven des DDR-Sozialismus unterbunden wurden. Trotzdem wuchs unter einer Mehrheit der Bevölkerung - vorrangig unter der Aufbaugeneration - Ende der sechziger Jahre das Gefühl der Ankunft im eigenen Staat. Der Lebensstandard stieg und ließ politische Unbilden leichter ertragen. Und mit dem Vietnamkrieg und seinen klaren Fronten war nach den vielen heiklen ideologischen Fragen, die der Kalte Krieg diktierte, ein Thema gesetzt, das nicht nur eine offensive und nachvollziehbare Imperialismuskritik ermöglichte, sondern durch den Appell zur Solidarität auch aktives Handeln verlangte. Für die innere Konstitution des Landes sollte sich das als durchaus identitätsstiftend erweisen. Da sich zu jener Zeit auch in der DDR das Fernsehen als Hauptinformationsquelle durchgesetzt hatte (die Berlin- und die Kuba-Krise wurden im wesentlichen noch über den Hörfunk wahrgenommen), war der Vietnamkrieg besonders als nachhaltiges Fernsehereignis präsent. Die Berichte von den Schlachtfeldern in Indochina und vom Leid der Zivilbevölkerung durchdrang ein schonungsloser Realismus, der seine Wirkungen nicht verfehlte. Hunderte von DDR-Spezialisten - Ärzte, Orthopäden, Stahlwerker, Mechaniker, Wohnungs- und Straßenbauer sowie Lehrausbilder - gingen mitunter noch vor Ende des Krieges in den Norden Vietnams, um den Wiederaufbau zu unterstützen. Das bedeutete, Hunderte von kleinen Handwerksbetrieben zu errichten, Rehabilitationszentren für Kriegsversehrte zu unterhalten oder - wie im mittelvietnamesischen Vinh - an der Wiedergeburt einer durch den Bombenkrieg total zerstörten Stadt beteiligt zu sein.

Von der Solidarität mit Vietnam war ab Anfang der siebziger Jahre auch die entstehende Singebewegung beeinflusst, unter deren Schirm nicht zuletzt die Anhänger der auf dem 11. Plenum gemaßregelten Folkmusik Zuflucht suchten. Die neuen Singeklubs, die sich mit jeder innenpolitisch motivierten Kritik zurück hielten, konnten über materielle Hilfe wie mediale Beachtung nicht klagen. Der Vietnam-Krieg avancierte zu einem der Inhalte, bei denen ein Engagement im Sinne der offiziellen DDR-Politik von den Akteuren ebenso gewollt war wie bei den Solidaritätskampagnen für die in den USA verfolgte Kommunistin Angela Davis oder den von der griechischen Militärregierung inhaftierten Komponisten Mikis Theodorakis.

Danach nie wieder

Anfang der siebziger Jahre, kurz nachdem Erich Honecker Walter Ulbricht als Ersten Sekretär des SED-Zentralkomitees abgelöst hatte, folgte eine Periode, in der es sich so gut in der DDR leben ließ wie nie zuvor und nie wieder danach. Die neue Sozialpolitik sollte beim Lebensstandard endlich den Anschluss an den Westen bringen. In Kunst und Kultur redeten Funktionäre von Weite und Vielfalt und ließen viel mehr Blumen blühen als zwischen 1961 und 1965. Rockmusiker erhielten Plattenverträge - die im Sommer 1973 in Berlin (Ost) veranstalteten Weltfestspiele verhießen eine ungeahnte Öffnung nach außen. Die DDR wurde als Staat weltweit anerkannt und zog im gleichen Jahr in die Vereinten Nationen ein. Schließlich gewann das sozialistische Lager mit dem Fall Saigons Ende April 1975 einen Krieg, der maßgeblich vor dem Hintergrund der Systemauseinandersetzung geführt worden war.

Als aber Nord- und Südvietnam Mitte 1976 ihre Wiedervereinigung erlebten und damit der Triumph der nationalkommunistischen Führung in Hanoi vollendet schien, hatte die DDR ihre beste Zeit fast schon hinter sich. Die Sozialpolitik musste zusehends über westliche Kredite finanziert werden, die eigene Investitionskraft war erschöpft. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns verließ viel intellektuelle Kreativität das Land oder zog sich in die innere Emigration zurück.

Was dann in der späten DDR vom Partner und Bruderland Vietnam erhalten blieb, war bis in die achtziger Jahre hinein die geleistete materielle Hilfe, auch wenn sich das Schwergewicht nunmehr auf den Beistand für das sandinistische Nikaragua verlagerte, und es waren Tausende junger Vietnamesen, die weiterhin kamen, um in der DDR eine Ausbildung zu erhalten, die zu Hause dringend benötigt wurde. Dazu gesellten sich mehr und mehr einfache Gastarbeiter aus Hanoi oder Haiphong, die wiederum im Arbeitskräftemangelland DDR dringend gebraucht wurden. Sie waren 1990 die ersten, weil wehrlosesten, denen in den noch volkseigenen Betrieben gekündigt wurde - und sie waren auch die ersten, die sich eines alt-neuen deutschen Rassismus erwehren mussten.

Der Autor ist Historiker und lebt in Berlin.



Vietnam zu Zeiten von "Doi Moi"

Juni 1986 - Der VI. Kongress der Kommunistischen Partei (KPV) beschließt einen "Doi Moi" genannten Reformkurs, der sich politisch an der "Perestroika" in der Sowjetunion, wirtschaftlich am chinesischen Reformmodell einer kontrollierten ökonomischen Liberalisierung orientiert.

September 1989 - Die vietnamesische Armee verlässt nach dem Abkommen von Bogor (Indonesien) über eine Lösung der inneren Konflikte Kambodschas das Nachbarland. Sie war Anfang 1979 maßgeblich am Sturz des Pol-Pot-Regimes beteiligt.

Juni 1991 - Auf dem VII. Parteitag der KPV wird der bisherige Generalsekretär Nguyen Van Linh durch Do Muoi abgelöst (bis dahin Regierungschef), was allgemein als Bekräftigung des Reformkurses gedeutet wird.

Februar 1994 - Präsident Clinton hebt fast 19 Jahre nach Kriegsende das US-Wirtschaftsembargo gegen Vietnam auf.

August 1995 - Die USA und Vietnam nehmen wieder diplomatische Beziehungen auf, Botschafter werden im Mai 1997 ausgetauscht.

Februar 1996 - Die Eisenbahntrasse Peking-Hanoi wird wiedereröffnet und damit die Normalisierung zwischen Hanoi und Peking symbolisch abgeschlossen.

Juli 1996 - Der VIII. Kongress der KPV bestätigt die Politik des "Doi Moi" und wählt mit Do Muoi zum letzten Mal einen Politiker aus der Ho-Chi-Minh-Generation zum Generalsekretär.

November 2000 - Mit Bill Clinton betritt erstmals nach 31 Jahren wieder ein US-Präsident vietnamesischen Boden, nachdem Richard Nixon 1969 Südvietnam besucht hatte. Ein amerikanisch-vietnamesisches Handelsabkommen tritt in Kraft.

April 2001 - Der IX. KP-Kongress wählt mit Nong Duc Manh einen Vertreter des KP-Reformflügels und den Angehörigen einer nationalen Minderheit (Tay-Volk) zum neuen Parteichef.

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00:00 22.04.2005

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