Reden hilft

Selbsthilfe Wie türkische Männer über häusliche Probleme türkischer Männer reden

Sie heißen Mesut, Akif oder Gürkan und sitzen um einen großen runden Tisch herum. In der Ecke brodelt ein elektrischer Samowar. Es erinnert an eine Runde im türkischen Männercafé, nur dass immer nur einer spricht und die anderen ihn aufmerksam ansehen. Und noch etwas ist anders: Auf Akifs Schoß turnt ein vierjähriges Mädchen und zerrt seinem Vater an den Ohren. Der lacht, stellt seine Tochter sachte zurück auf den Boden, sagt "gleich darfst du spielen" und wendet sich wieder der Gruppe zu.

"Ehre haben heißt Rückgrat haben", sagt Kazim Erdogan gerade. "Das heißt, dass ich eine Moral habe, dass ich nicht stehle und nicht lüge und nicht töte." Er ist ein Mann Mitte 50 und seine weiche, sonore Stimme klingt so beruhigend, dass ein Rasender sich still hinsetzen und lauschen würde. "Ehre ist etwas wichtiges. Aber für meine Ehre ist niemals meine Frau verantwortlich und meine Tochter genauso wenig." Er blickt Mesut, Ali, Akif und die anderen an. Es ist sein Verdienst, dass sie hier zusammensitzen. Er war Hauptschullehrer und Schulpsychologe, arbeitet im Sozialpsychatrischen Dienst Neukölln und hat vor einem Jahr eine türkische Männergruppe ins Leben gerufen. Damit über Probleme türkischer Männer nicht nur die Zeitungen sprechen, sondern die Männer selbst - mit anderen Männern. Nun treffen sie sich jeden Montag hier in einem Neubau mit großen Fenstern, die auf einen Garten blicken, und reden und trinken Tee.

Die Frage nach dem Ehrbegriff hat die Reporterin gestellt. Befangen, weil sofort das "wir" und "ihr" im Raum steht, weil die türkische Männerehre gleich an den türkischen Ehrenmord denken lässt - und weil man sich ertappt fühlt. Denn natürlich hat man all das vor Augen, sobald von türkischen Vätern und häuslichen Problemen die Rede ist. Und beim Anblick des bunten Schmetterlingsmobiles an der Decke und des kleinen Mädchens, das nicht an Akifs Rockzipfel, wohl aber an seinem Hosenzipfel hängt und "Papa, sag der Frau, dass ich bald fünf bin!" kräht, erscheint so eine Bluttat unwirklich und fern. Aber sie ist nicht fern. Den Ehrenmord gibt es, natürlich, sagt einer. Aber nicht alles, was so genannt wird, sei wirklich ein Ehrenmord. Der Mann aus Berlin Tempelhof, der vor einigen Wochen seine Exfrau niederschoss, sei kurze Zeit vorher bei ihnen gewesen. Er war mit den Nerven am Ende. Sie nennen es "Sicherung durchgebrannt", nicht "Ehrenmord". Er war ein allein erziehender Vater. Wie viele hier. Die meisten.

Der Samowar beginnt wieder zu brodeln, ein Telefon klingelt und Erdogan erzählt die Geschichte von Mustafa aus Tempelhof, den sie ganz bestimmt von seiner blutigen Tat hätten abbringen können, wäre er noch mal zu ihnen gekommen. Erdogan glaubt an das Reden. Er glaubt, dass türkische Männer an dem Zwiespalt leiden zwischen alten Rollenbildern, denen sie nicht mehr gerecht werden können und neuen, die sie noch nicht beherrschen. Und dass Reden diesen Stau auflösen kann.

Worüber reden sie? "Über alles," sagt Murat. "Über Kopftuchstreit, Einbürgerungstests und, wenn es sein muss, auch über türkische Männerehre." "Über praktische Sachen", fällt ein ergrauter Mitvierziger ein, der gerade gekommen ist und sich als Oktay vorstellt. "Über Scheidungsrecht." "Über Einschulung, über Klassenfahrten." Jetzt sprechen alle der Reihe nach: Erst Akif: "Ich hab fünf Kinder, zwei sind bei meiner Frau, drei sind bei mir." Am Anfang stand eine Scheidung. Vor zwei Jahren verließ ihn seine Frau und ging nach Istanbul, um dort Sängerin zu werden. Jetzt war er allein, zunächst mit allen fünf Kindern. Akif, der wie Anfang dreißig wirkt, kurzgeschoren, kräftig, mit hellen Augen. Man würde ihn sich eher im Sportstudio vorstellen als mit fünf Kindern zu Hause am Mittagstisch. Akif, der keinen Hang zum Dramatisieren hat, sagt es so: "Ich hab mir nie vorgestellt, dass ich in meinem Leben mal in so einer Situation sein würde."

Gürkan, der neben ihm sitzt, ist ebenfalls Vater. Er ist Mitte 20, ein dunkler Typ, der zum weißen T-Shirt eine breite Silberkette trägt. Sein Sohn ist drei Jahre alt und Gürkan bereitet sich darauf vor, ihn "zu übernehmen". Die Mutter sei "abgehauen", und weil Gürkan weder Arbeit noch Aufenthaltserlaubnis in Deutschland hatte, sei das Kind im Moment noch bei Pflegeeltern. Jetzt, sagt er, habe er alles beisammen, Arbeit, Wohnung, Bleiberecht. Das Gericht wird demnächst entscheiden, ob Gürkans Sohn bei Gükan leben wird. Und dann würde sich auch Gürkans Leben grundlegend ändern. Er würde seinen Sohn in die Kita bringen und wieder abholen, und vielleicht hätte sein Sohn Angst, allein ins Bett zu gehen und man müsste ihm Schlaflieder singen.

Gürkan hat von einem Bekannten erfahren, dass es die Gruppe gibt, die Kazim Erdogan oft seine "Vätergruppe" nennt. Nicht, weil sie sich ausdrücklich als Selbsthilfegruppe allein erziehender Väter gegründet hätte, sondern weil das Thema so oft zur Sprache kommt. "Wir sind darauf völlig unvorbereitet", sagt Kazim Erdogan. Bei den Deutsch-Türken galt noch in seiner Generation Bis-dass-der-Tod-Euch-scheide, mit dem Mann als Ernährer und der Frau als Erzieherin der Kinder. "Jetzt haben wir in Neukölln mit unseren Scheidungen sogar die Deutschen überholt, und immer öfter kriege ich mit, dass es Frauen sind, die gehen. Weil sie ihre arbeitslosen Männer als Versager ansehen." Das sei für einen Mann, der mit dem traditionellen Männerbild aufgewachsen ist, ansich schon schwer. Eine Demütigung, eine Demontage gar seiner Rolle als Mann. Und nun, eines Selbstbilds entledigt, muss er gleich ein neues entwickeln. Denn mittlerweile kommt es öfter vor, dass die Gerichte die Kinder den Vätern zusprechen. Wenn die Mutter abgetaucht, psychisch oder physisch krank ist oder kein Interesse zeigt. Und plötzlich sieht sich ein Mann wie Akif in der Lage, für seine bald dreijährige Bytül eine Kindertagesstätte auszusuchen und zu entscheiden, wie viel Taschengeld der fünfzehnjährige Bilal für seinen Schulausflug braucht.

Die Tür geht auf, eine etwa 18-Jährige mit langem dunklem Haar betritt den Raum, wird freudig begrüßt und Akifs Mädchen entscheidet sich spontan, das Hosenbein ihres Vaters loszulassen, um das der jungen Frau zu erobern. Sie kommt jeden Montag und betreut die mitgebrachten Kinder, damit auch kommen kann, wer keinen Babysitter zu Hause hat. Sie nickt und lotst Bytül und einen Jungen nach draußen. Im Zimmer nebenan werden sie gleich aus Legosteinen das Columbia-Freibad nachbauen. Samt Sprungturm. Denn da waren sie kürzlich mit Papa, und Bytül ist vom Sprungbrett gesprungen.

Im Väterzimmer ist es derweilen ruhiger geworden, die Abendsonne scheint durch die Glasfront und das Oberlicht, jemand schenkt frischen Tee in die kleinen Gläser. Das Reden klingt jetzt wie ein gleichförmiges Raunen, das mal anschwillt und wieder leiser wird, und manchmal erinnern die türkischen Üs an Vogelzwitschern. Den Takt gibt der Samowar, der anfängt zu heizen, wenn das Wasser eine bestimmte Temperatur unterschritten hat, und ein sprudelndes Geräusch hören lässt. Akif in seinem Shirt mit der Aufschrift "New York" sitzt nach vorn gebeugt, den Kopf in die Hand gestützt. Sie reden, und oft beginnt die Geschichte mit einem Problem und endet mit "schon besser geworden" oder es "wird gerade besser", und wenn es nicht besser wird, sagt Kazim Erdogan, wie es besser werden könnte. Oktay, der Ergraute, erzählt von seinem Gewerbe, das kriselte, von der Mutter seiner Kinder, die sich an die Vorstellung klammerte, dass Gewerbetreiben auch mit Erfolg zu tun haben müsse und schließlich von seiner Bruchlandung mit Ehe und Geschäft. Es folgt Oktays Hölle und Auferstehung. Oktay, wie er zunächst sogar seine Wohnung verliert und mit den beiden Kindern bei Freunden nächtigt. Oktay, der Hartz VI beantragt und sich mit der neuen Lage arrangiert. Aber überall sind Stolpersteine. Da sind alte Bekannte, mit denen nichts mehr selbstverständlich ist. Da sind Nachbarn, vor allem Landsleute, die das Arrangement Oktay-und-die-Kinder nur als die Folge eines Unfalls ansehen können. "Wo ist die Mutter?", fragen sie und "Wie konnte das passieren?" Mit der Zeit sei es etwas besser geworden. Dann sprechen sie von den Problemen, die auftauchen, wenn die Mädchen in die Pubertät kommen. Die einfachsten Dinge, die vorher natürlich erschienen, sind plötzlich mit Fußfallen gespickt. Ein türkischer Mann, erklären die Männer der Reporterin, darf ab diesem Alter nicht mal mehr nach der Größe der Wäsche seiner Tochter fragen. "Da muss man reden", sagt Kazim Erdogan. Reden, ihr genau erklären, weshalb man sich zurückzieht, damit der Kontakt nicht abbricht. Denn die Tochter verstünde sonst nicht, warum der Papa, der zuvor wie eine Mama war, so unvermittelt eine Grenze zieht. Die könnte dann zwischen ihnen stehen wie eine Wand.

Sie nicken oder zeigen mit den Augen, dass sie einverstanden sind. Denn sie wollen ja alle nicht, dass diese Wand dort ist oder dass es endet wie mit dem Mustafa aus Tempelhof. Das bunte Mobile hängt träge unter dem Oberlicht, und man hat für einen Augenblick das beruhigende Gefühl, dass Reden wirklich helfen könnte. Zumindest hier, in diesem Moment.

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00:00 20.06.2008

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