Reden in der Not

Trilogie Der erste Teil von Miguel Gomes’ „1001 Nacht“-Projekt im krisenhaften Portugal kommt ins Kino
Stefanie Diekmann | Ausgabe 30/2016 1

Jedem Kollegen, der in Schwierigkeiten steckt, schreibt der Regisser Miguel Gomes, empfehle er, sich einen Wal bauen zu lassen: „Damit lässt sich ein wenig Zeit gewinnen.“ So steht es im Logbuch einer Produktion, die das Land Portugal im vierten Jahr seiner offiziellen Krise erkundet, dabei eine sehr alte Erzählung in neue Erzählungen überführt und zugleich markiert, dass sie nicht als Adaption verstanden werden will. Was hier aus der Geschichtensammlung 1001 Nacht übernommen wurde, ist die Erzählstruktur, nicht die Stoffe oder Themen.

Der Wal liegt gegen Ende von Der Ruhelose hinter blauem Absperrband am Strand, und auch wenn mit seinem Auftritt keine Zeit gewonnen wird, weil er gleich darauf explodiert, wird er im Gedächtnis bleiben. Als Bild des großen Unglücks oder des großen Stillstands, als Bild all dessen, was faul ist und trotzdem schön, oder aber schön und hoffnungslos faul, als Bild der Verlassenheit, wäre da nicht das Bad der Arbeitslosen zu Neujahr ein paar Filmminuten später, oder als Bild der sterbenden Majestät, wären die Reste der Explosion nicht so scheußlich anzusehen.

Der Wal spricht nicht mehr. Das tut dafür der Hahn, den man zuvor in einer anderen Erzählung vor Gericht gestellt hatte, weil er sich noch dann hörbar macht, wenn man ihm mit dem Kochtopf droht. Also erhebt er seine Stimme, erklärt, warum er keine Ruhe gibt, präsentiert dem Richter, der auch sein Henker wäre, eine Geschichte, und wie dieser Hahn sprechen alle, die an den alltäglichen und verzauberten Orten des Films auftreten: gegen den Tod, das Verschwinden, ohne zu wissen, was dabei herauskommen soll.

Die Werftarbeiter, denen keine Arbeit mehr bleibt (zuletzt lagen die Schiffe in der Werft wie der tote Wal am Strand), die Filmemacher, die bis zum Hals im Sand stecken, der schwarze Hahn, die Arbeitslosen, Scheherazade: Niemand erzählt hier ohne Not, aber dass in der Not das Erzählen hilft, wäre noch zu beweisen, vielleicht im zweiten oder dritten Teil von Gomes’ Trilogie, die demnächst starten. Einstweilen befindet man sich im ersten, irgendwo zwischen Geschichte Nr. 437 und 453, vom Anfang so weit entfernt wie von einem glücklichen Ausgang, der nur für einen Moment in der Geschichte von den „Männern mit dem Steifen“ fantasiert wird.

In ihrer tradierten Version ist 1001 Nacht vor allem eine Erzählung des Aufschubs und der Unterbrechung, was dem Regisseur Gomes, der mit Tabu 2012 einen sehr zweigeteilten Film auf der Berlinale vorgestellt hat, gefallen haben muss. Denn auch in seiner Version entsteht Kohärenz nicht durch plausible Fortsetzung, sondern durch Ratlosigkeit darüber, wie Fortsetzung (oder Plausibilität) noch herzustellen wäre, durch lange Einstellungen, die mal dokumentarisch zu lesen sind, mal nicht, durch die blasse Tönung der Bilder, die nur für eine Episode ausgesetzt wird, als Scheherazade auftritt, um an einem Ort außerhalb des Unglücks Erzählmaterial einzusammeln, das von anderen Stimmen weiterverteilt wird.

Was spricht, lebt: Es könnte sein, dass dies für Gomes bereits die Geschichte ist oder doch ihr wesentlicher Teil. Am Sprechen wäre festzuhalten, da solange gesprochen wird, noch etwas weitergeht, fast automatisch, erwartungslos, aber nicht mehr ganz ins Leere. Über dem Filmemacher im Sand schwebt ein Mikrofon, und die Geschichte, die er seinem Gegenüber anbietet, wird mindestens eine Zigarettenlänge dauern.

Info

1001 Nacht: Teil 1 – Der Ruhelose Miguel Gomes POR/FRA/D/CH 2015, 125 Minuten

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06:00 10.08.2016

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