Reden wir übers Einkommen

Studie Die Deutschen sprechen nicht gerne über ihr Gehalt. Doch selbst wenn sie es täten: Es ändert nicht viel
Elke Wittich | Ausgabe 09/2015 5

Von vier deutschen Arbeitnehmern möchten drei (72 Prozent) nicht über ihr Gehalt sprechen – würden aber schrecklich gern wissen, wie viel die Kollegen verdienen. Das zeigt jetzt eine Studie der Internetplattform glassdoor.de. Nur für 39 Prozent ist die Gehaltsfrage demnach kein Geheimnis: Die Hälfte jener gut informierten Minderheit weiß über die Einkommen der anderen Bescheid, weil diese von sich aus offen damit umgehen. 19 Prozent sind durch Bürotratsch informiert, sieben Prozent durch Schnüffeln in fremden Unterlagen – und drei Prozent, weil sie von jemandem aus der Personalabteilung über die Lohntüten der Kollegen informiert wurden (Lohntüten gibt es tatsächlich noch, in Banken, die den Mitarbeitern einen Grundbetrag überweisen und den Rest bar auszahlen, damit neugierige Kollegen nicht irgendwo nachschauen können, wer wie viel genau verdient).

Mit anderen Worten: In den Büroetagen Deutschlands wimmelt es nur so vor Leuten, die sich selbst bedeckt halten – aber vor ausgesprochen schäbigen Methoden nicht zurückschrecken, um zu erfahren, was andere so bekommen. Befragt wurden 1.044 Arbeitnehmer. Vermutlich sind sie alle Mitglieder von glassdoor, einem dieser Online-Karriere-Dingens, wo Stellenangebote gesammelt und Unternehmen bewertet werden. Auch Gehälter kann man dort vergleichen. Dabei erfährt man etwa, dass Journalisten monatlich zwischen 766 und 63.000 Euro verdienen. Hm.

63 Prozent wünschten sich, dass Unternehmen transparenter mit Gehaltsinfos umgehen, auch weil sie glauben, dass dadurch Frauen eher wie Männer bezahlt würden. Gegen diese Hoffnung spricht allerdings das Beispiel Norwegen, wo jeder sich darüber informieren kann, wie viel Nachbarn, Freunde oder Fremde verdienen. Bis 2013 ging das anonym. Dieser Online-Check wurde wieder verboten, weil er unter Jugendlichen zu Sozialmobbing geführt hatte, und das Risiko, dass Kriminelle sich gezielt ältere oder allein lebende gut situierte Menschen als Opfer aussuchen, zu groß war. Nun dürfen nur noch Erwachsene, die sich per Personenkennziffer ausweisen, anderen hinterherspionieren, außerdem wird man informiert, wer Finanzinfos über einen einholt.

Über Geld spricht man nicht – aber selbst wenn doch: Es ändert nicht viel. Nicht mal im angeblichen Gleichstellungsparadies Norwegen führte es zu gleichem Lohn für gleiche Arbeit: Frauen im Management verdienen dort bis zu 22 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, in der Ölbranche sind es 30 Prozent – in keinem Berufsfeld sind die Gehälter annähernd gleich.

06:00 26.02.2015

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