Redlich bemüht und durchgefallen

OECD-Bildungsbericht Die neue Studie vergleicht international finanzielle Aufwendungen für Bildung. Nicht untersucht hat sie die psychische Disposition von Schülern und Lehrern

Nun ist es also wieder geschehen. Kurz nach dem noch nicht verdauten PISA-Schock verteilt die OECD erneut schlechte Noten für das deutsche Bildungssystem. Und sie liefert mit ihrer aktuellen Studie Bildung auf einen Blick einige Hinweise darauf, warum zum Beispiel die getesteten 15-Jährigen in Bezug auf ihre Lesefähigkeit bei PISA so schlecht abgeschnitten haben.

Dort nämlich, wo sie die Grundlagen der Sprache sowie des Lesens und Schreibens hätten lernen sollen, in Kindergärten und Grundschulen, investiert die Bundesrepublik weniger als der OECD-Durchschnitt. Die Grundschule, das wird dramatisch deutlich, ist das Stiefkind unter den hiesigen Schularten. Neunjährige Kinder zum Beispiel bekommen 77 Unterrichtsstunden weniger als im OECD-Durchschnitt, dafür sitzen sie in größeren Klassen, haben weniger Zugang zu Computern und sind insgesamt schlechter mit Lernmitteln ausgestattet. Diese wenigen Daten reichen aus, um sich ausmalen zu können, warum überdurchschnittlich viele Schulkinder in Deutschland sich von ihren LehrerInnen schlecht betreut fühlen.

Erfolgsrezept individuelle Förderung

Die erfolgreichen PISA-Länder machen das anders. Finnland zum Beispiel, das Land mit den sprachkompetentesten 15-Jährigen, widmet 40 Prozent der Lehrerstunden der individuellen Förderung, das scheint ein wesentlicher Bestandteil seines Erfolgsrezeptes zu sein. In Deutschland hingegen müssen sich mindestens 24 Schulkinder um die Aufmerksamkeit der Lehrerin bemühen, da stehen jedem Kind theoretisch 1,8 Minuten pro Unterrichtsstunde zu - eine Überforderung und Unterversorgung zugleich.

Dies gilt ganz besonders für die Kinder aus bildungsfernen Schichten, deren Unzufriedenheit denn auch überdurchschnittlich groß ist. Schnell bemerken sie, dass ihre Ausgangsvoraussetzungen schlechter sind als die ihrer Mitschüler. Sie haben weniger Umwelterfahrung und Allgemeinwissen von zu Hause mitbekommen, besitzen einen geringeren Wortschatz und, das gilt besonders für die Kinder mit Migrationshintergrund, häufig keinen ausreichenden Zugriff auf die deutsche Unterrichtssprache. Zu Beginn der Schulzeit könnte mit gezielten Fördermaßnahmen noch eine Menge gutgemacht werden an diesen benachteiligten Erstklässlern. Ohne Unterstützung jedoch vertiefen sich die Defizite, die Kinder bleiben immer weiter zurück und gehören dann womöglich mit 15 Jahren zur PISA-Risikogruppe, zu jenen also, die auch einfache Texte in ihrem Sinn nicht erfassen und damit die Schule nicht erfolgreich abschließen können.

Mit diesem Teufelskreis scheint sich Deutschland in den letzten Jahren abgefunden zu haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass nur 14 Prozent unserer Schüler eine Schule besuchen, die spezielle Förderstunden für schwache Schüler durch Lehrkräfte anbietet? Wir bilden damit das absolute Schlusslicht der OECD-Länder. Der Durchschnitt liegt bei 72 Prozent - und Länder wie Finnland, Dänemark und Neuseeland haben sogar an 90 Prozent ihrer Schulen solche Nachhilfemöglichkeiten eingerichtet. In Finnland geht die Bildungspolitik davon aus, das Land könne es sich nicht leisten, das Potenzial auch nur eines Schülers ungenutzt zu lassen. Diese Erkenntnis sollte sich auch hierzulande möglichst umgehend durchsetzen. Die von der Bundesregierung geplante Ausweitung der Ganztagsangebote zielt wohl in diese Richtung, aber sie wird ihr Ziel verfehlen, wenn die notwendige Individualisierung des Unterrichts nicht in den Mittelpunkt der Umstrukturierung gestellt wird. Das aber würde sich auszahlen, denn besser betreute Schüler sind, auch das hat die OECD nachgewiesen, zufriedener, motivierter und leistungsstärker.

Lehrergehalt und Engagement

Und die Lehrerinnen und Lehrer? Die sind laut OECD besser bezahlt als der Durchschnitt, was sogleich den Berliner Tagesspiegel dazu verleitete, wohlfeil Ressentiments bedienend zu titeln: "Schüler lernen weniger, Lehrer verdienen mehr." So kurzschlüssig kommt die Studie allerdings nicht daher. Vielmehr zeigt sie u.a. auf, dass in vielen anderen Ländern das Anfangsgehalt zwar niedriger ist, jedoch besonderes Engagement und zusätzliche Qualifikationen finanziell honoriert werden. Wer in Deutschland Extrazeit in Schulentwicklung, Schülerberatung, Elterngespräche, Weiterbildung investiert, erhält bestenfalls eine gute Beurteilung bei der Überprüfung durch die Schulaufsicht. Nun gibt es in jedem Kollegium beides: hoch engagierte und beanspruchte Lehrkräfte, die, entgegen allen Vorurteilen, manchmal eine längere Jahresarbeitszeit haben als andere Angehörige des öffentlichen Dienstes, und desinteressierte, oft resignierte KollegInnen, die nur das Nötigste tun. Alle werden gleich bezahlt - motivationsfördernd ist das sicher nicht.

Vieles allerdings erfahren wir aus der OECD-Studie nicht. Nach der Berufszufriedenheit der Lehrer hat sie z.B. nicht gefragt. Die Altersstruktur wurde ebenfalls nicht berücksichtigt, ein Versäumnis, auf das das Bundesministerium für Bildung und Forschung hinweist und (entschuldigend?) betont, die deutschen LehrerInnen seien wesentlich älter als der OECD-Durchschnitt. So müssen wir uns unser Bild selbst zusammensetzen, um zu verstehen, was mit den LehrerInnen in Deutschland los ist, warum sie etwa 60 Prozent der Patienten stellen, die die Depressionssprechstunde der Psychiatrischen Klinik der FU Berlin aufsuchen.

Die beschriebenen schlechten Lernbedingungen beeinträchtigen eben nicht nur die Kinder, sondern auch die Unterrichtenden. Und je länger sie dabei sind - in vielen Kollegien liegt das Durchschnittsalter bei 50 Jahren - und vergeblich auf die Einstellung junger KollegInnen warten, desto mehr. Die Frustration ist groß angesichts maroder Schulgebäude, fehlender Sachmittel, wachsender Klassengrößen bei sinkender Beteiligung der Eltern an der Sozialisations- und Erziehungsarbeit. Den meisten macht es viel aus, dass sie sich gerade um die Problemkinder kaum kümmern können, und von denen gibt es immer mehr. Berliner Kinderärzte haben Alarm geschlagen und von einer zunehmenden Verwahrlosung der Kinder gesprochen - sie sind motorisch, sozial und sprachlich immer weniger auf die Schule vorbereitet.

Und nun wird das offiziell, was alle Beteiligten lange geahnt hatten: All die Mühe und Anstrengung umsonst, die Ergebnisse sind im internationalen Vergleich beschämend schlecht, das ohnehin schon niedrige Ansehen der Lehrerschaft sinkt ins Bodenlose.

Ohne ein radikales Umsteuern durch politische Grundsatzentscheidungen allerdings wird man der verfahrenen und rückständigen Situation nicht beikommen. Insgesamt ist ein gesellschaftliches Scheitern größten Ausmaßes zu konstatieren. Die geplanten Maßnahmen der neuen Bundesregierung zeigen zwar das Bemühen, Bildungsbenachteiligungen auszugleichen. Aber das ist erst ein zaghafter Anfang. Wer glaubt, damit die deutsche Bildungskatastrophe beheben zu können, der wird sich bald eines Schlechteren belehren lassen müssen.

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00:00 08.11.2002

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