Reformation und Revolution

Friedenszentrum Anfänge, Risiken und Nebenwirkungen der neuen Dresdner Frauenkirche

Dresden leuchtet im Schmuck seiner wiedergewonnenen Krone. Seine neue, alte Frauenkirche erstrahlte in den letzten sonnigen Oktobertagen ihres Weihefestes in einem geradezu mediterranen Licht. Und dieses Leuchten war das Schönste. Optisch hervorgerufen durch den reflektierenden, hellen Elbsandstein der Außenhaut wie gleichermaßen von der lichten, heiteren Pracht des herrlichen Innenraumes, spiegelte es sich in den Augen der Zehntausenden vor und in der Kirche als Ausdruck von Freude und Ergriffenheit.

Seit der feierlichen Eröffnung am 30. Oktober 2005 zusammen mit den Repräsentanten der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und anderen Ehrengästen aus aller Welt ist mit Händen zu greifen, was der alte Fritz Löffler, weltbekannter Dresdner Kunsthistoriker und Denkmalpfleger zu DDR-Zeiten, schon immer gesagt hatte: "Die Frauenkirche ist nun eine Weltangelegenheit." Dass dieses Bauwerk, das 60 Jahre lang in Dresdens Stadtbildt fehlte, wieder da ist, wird allgemein als "Wunder" bezeichnet. Jetzt fragt alle Welt, wie es zu diesem "Wunder" kommen konnte.

Vorgeschichten

Bekenntnisse und Willensbezeugungen zur Wiedererrichtung der Frauenkirche hatte es in Dresden und in ganz Deutschland seit 1945 immer wieder gegeben. Sie hatten jahrzehntelang keine Chance. Eine Kirche als Stadtkrone war im sozialistischen Städtebau nicht vorgesehen. Die "Männer der ersten Stunde" nach der Zerstörung 1945 und später der Denkmalpfleger Hans Nadler hatten den Trümmerberg und die Ruine über Jahrzehnte gegen Abrisspläne der Staatsmacht verteidigt. Zum Glück besaß der sozialistische Fiskus keine Mittel zur Neubebauung des wüsten Areals am Neumarkt. Anderes hatte Vorrang. Und die Kirche als Eigentümerin des Grundstücks hatte sowieso kein Geld.

Erst seit einem Entwurfsseminar des Bundes der Architekten (DDR) mit der Technischen Universität und dem Rat der Stadt Dresden zur Gestaltung des Neumarktareals im Jahre 1981 wurde die Frauenkirche und ihre Ruine wieder als städtebauliches Problem wahrgenommen. Die Diskussion kam in Gang. Es ging um Einbeziehung oder endgültige Restebeseitigung des von der Staatsmacht ungeliebten Sakralbaus.

Ich erinnere mich eines Spätherbsttages 1982 in Florenz. Nach der Eröffnung einer Kunstausstellung, die ich aufzubauen hatte, stand ich an erhöhtem Standort über der Stadt zufällig neben einem der Ehrengäste, dem damaligen Stadtoberhaupt von Dresden - er hieß Schill - und wies ihn eindringlich auf die Unverzichtbarkeit von Brunnelleschis Domkuppel für das Stadtbild hin. Er verstand mich sofort und gab mir überraschenderweise Recht.

Die Initialzündung

Die Aufgabe lag also in der Luft. Nach jahrzehntelanger Stagnation änderte sich mit der friedlichen Revolution im Herbst 1989 fast von heute auf morgen die Situation in der DDR. Ein politisches Erdbeben bahnte sich an, Bürger stellten Forderungen, fühlten, dass sie jetzt etwas bewegen konnten, und Entwicklungen rückten in den Bereich des Möglichen, an die noch Wochen zuvor niemand geglaubt hatte. Da schrieb am Reformationstag Günter Voigt, Zahnarzt und Nachkomme einer alteingesessenen Dresdner Familie, jenen "Offenen Brief" an den sächsischen Landesbischof, der die Geister in Bewegung setzte. Darin war die Rede vom spirituellen Zusammenhang von Reformation und friedlicher Revolution und dass die Kirche, unter deren Dach die große Friedens- und Demokratiebewegung sich hatte formieren können, nun auch den Mut haben möge, die Frauenkirche als ein Symbol für Frieden, Toleranz und Meinungsfreiheit wieder aufzubauen. Voigt hatte dieses Schreiben an vierzig Persönlichkeiten in Dresden und in der Bundesrepublik verschickt. Er war es, der die Gunst der Stunde erkannt hatte und den Funken zur richtigen Zeit zündete.

Am 24. November kamen acht der Briefempfänger mit Dr. Voigt im Hause eines Dresdner Kunsthändlers zusammen und berieten über erste Schritte, um das Anliegen öffentlich zu machen. Sehr bald war unser Team auf 14 und dann auf 22 Mitglieder angewachsen. Wir hatten nichts als unsere Vision und jede Menge Idealismus. An das Risiko des Scheiterns dachte keiner. Als wir dringend Geld zum Anlauf brauchten, stellte der als Unterstützer gewonnene Solotrompeter Ludwig Güttler 60.000 DDR-Mark vom kürzlich erhaltenen DDR-Nationalpreis zur Verfügung. Es waren die ersten Schritte auf einem langen, oft steinigen Weg voller Fußangeln. Am 12. Februar 1990, dem Vorabend des 45. Jahrestages der Zerstörung der sächsischen Metropole, gingen wir mit unserem "Ruf aus Dresden" vor die Presse. Jetzt war die Katze aus dem Sack, und die Öffentlichkeit nahm sogleich Partei: 10 Prozent waren dafür, 90 Prozent gegen einen Wiederaufbau der Frauenkirche.

Gegenwind

In den ersten Monaten nach dem "Ruf aus Dresden" erhob sich der Chor der Gegner des Wiederaufbaus zu einem gewaltigen und freilich dissonanten Crescendo. Mit so viel Gegenwind hatten wir nicht gerechnet. Den entschiedensten Widerspruch erfuhren wir aus Kreisen der Sächsischen Landeskirche. Sie wollten keine neue Frauenkirche, weil sie unserm heutigen Glaubensverständnis widerspräche, weil das Geld besser für den Hunger in der Welt verwendet werden solle, weil das Bauwerk als Gemeindekirche nicht gebraucht werde und weil die Ruine als Denkmal an Krieg und Zerstörung erhalten werden müsse. Superintendent Dietrich Mendt schrieb, ihm gefalle die Ruine und er hänge an ihr, weil er sie "für ein Mahnmal halte, das wir brauchen ... Gestalt gewordene Erinnerung an die Opfer". Auch Persönlichkeiten der friedlichen Revolution des Herbstes 1989 wie Superintendent Christoph Ziemer und Kaplan Frank Richter vertraten diese Meinung, und der Baudezernent der Landeskirche, Ulrich Böhme, richtete eine grantige "Denkschrift" gegen den Wiederaufbau. Er verband sie mit dem Gegenvorschlag für eine begehbare Ruinen-Gedenkstätte.

Aber auch Architektur- und Kunsthistoriker polemisierten gegen unser Projekt. Manfred Sack von der Wochenzeitung Die Zeit wollte verhindern, dass die Ruine durch "ein Trugbild" ersetzt werde. Dieter Bartetzko von der FAZ plädierte für "eine Glas-Stahl-Hülle, die den einstigen Umriss wiederholend, die Trümmer bergen könnte". Der Architekt Helmut Trauzettel entwarf über den Mauerstümpfen ein Kongresszentrum mit "gigantischer Kuppelhalle und Aussichtsplattform", und der "Exil-Sachse" Friedbert Ficker wollte anstelle der Kirche "ein zeitgemäßes Bauwerk, das den vielfachen Nöten und Sorgen unserer zerrissenen Jahre entspricht". In der Weltbühne trat ein Herr Höhne für eine sanierte Ruine ein. Die solle mit einer "Acrylglaskuppel überbaut und von Laserlicht belebt", als "Frauen-Gedächtnis-Kirche" folgerichtig den Frauen gewidmet werden, die im Februar 1945 starben.

Die schärfsten Angriffe aber kamen aus den Amtsstuben der westdeutschen Denkmalpflege. Als ob es nicht inzwischen zwei verheerende Weltkriege gegeben hätte, die fast Dreiviertel aller bedeutenden architektonischen Kunstwerke Mitteleuropas und zahllose historische Innenstädte total ausgelöscht hatten, wiederholten sie in einer Art sklerotischer Monomanie anachronistische Lehrsätze aus der Zeit um 1900. Sie hatten offenbar nicht wirklich begriffen, dass es nach 1945 in Städten wie Warschau und Dresden keine Denkmale mehr zu pflegen gab, weil keine mehr da waren. Hier ging es nicht um "Pflege" der verbliebenen Trümmer, sondern um Wiedergewinnung von zeitweise Verlorenem. Und uns ging es um originalgetreue Rekonstruktion des wichtigsten, das Stadtbild krönenden Architekturdenkmals, eines identitätsstiftenden Symbols von Weltbedeutung, das Dresden und seine Bürger nicht auf Dauer entbehren konnten und wollten. Es war die Forderung der Lebenden, war der Blick auf elementare Bedürfnisse der Menschen, ihrer Enkel und Urenkel, die nicht wollten, dass Trümmer und Schutt die letzte Antwort auf die Geschichte bleiben sollten. Das alles war wichtiger als das Festklammern an Ruinen und Doktrinen.

Ein Gemeinschaftswerk

Während der festlichen Tage der Kirchweihe waren die kritischen Stimmen längst verstummt. Fast einhellig waren öffentliches Lob und Zustimmung zum vollendeten Werk. "Ein geglückter Modellversuch bürgerlichen Eigensinns", hieß es jetzt in der Wochenzeitung Die Zeit. Am Anfang stand die Organisation dieses Eigensinns als Bürgerinitiative im Revolutionsjahr 1989. Sie war eine Folge und eine Erscheinungsform dieser Revolution. Nicht zuletzt sollte die Wiedererrichtung der monumentalen Bürgerkirche auch Zeichen sein für ein neues freigesetztes Selbstbewusstsein.

Aber die Männer des Anfangs, die damals Herausragendes leisteten, waren keine martialischen Gestalten, sondern eigentlich - und gut-sächsisch - Friedenshelden. Von Güttler stammt auch das Wort: "Beim Wiederaufbau der Frauenkirche gibt es kein Ich, sondern nur ein Wir." In der Tat ist dieses "Wunder von Dresden" zugleich das Ergebnis einer Gemeinschaftsleistung ohnegleichen in der jüngsten deutschen Geschichte. Nur durch das Zusammenwirken vieler, sehr vieler Köpfe, Herzen und Hände konnte das Werk gelingen, das bald schon über eine lokale Dresdner Angelegenheit hinauswuchs. Es war fast, als ob die bis dahin getrennten Deutschen in Ost und West auf dieses Signal zum Mitwirken an einem Werk, das alle in einer großen Aufgabe vereinte, gewartet hätten. Nach der Gründung unserer Fördergesellschaft zum Wiederaufbau formierten sich 13 weitere Fördervereine in ganz Deutschland, und eine anwachsende Woge von Zustimmung und Spendenbereitschaft machte Mut zum Gelingen.

Doch schon in unserm "Ruf aus Dresden" hatten wir unsere Vorstellung von der neuen Frauenkirche als "christlichem Weltfriedenszentrum im neuen Europa" verankert. Damit war deutlich ausgesprochen, dass dieses Aufbauwerk, so sehr es auch eine Herzenssache der Deutschen war, zugleich Träger einer weltweiten Friedensbotschaft sein sollte. Die neue Frauenkirche will sein wie eine ausgestreckte Hand gegenüber allen Völkern, Konfessionen und Religionen, ein Symbol für Versöhnung und Toleranz gegen nationalistische Blickverengung. Das ist die Botschaft, die die Welt braucht.

Aber auch als Bauaufgabe, die viele Hunderte schaffender Menschen zu einem großen Werk vereinte, ist der Wiederaufbau der Frauenkirche ein einzigartiger Vorgang, durchaus vergleichbar den durch die mittelalterlichen "Bauhütten" betriebenen Kathedralbauten. Von den Statikern, Ingenieuren und Architekten bis zu den Steinmetzen, Maurern, Zimmerleuten und Stuckateuren, von den Malern, Bildhauern und Glockengießern bis zu den Orgelbauern arbeiteten alle auf das gleiche große Ziel hin, waren alle vom gleichen Geist und Enthusiasmus beseelt und waren ein wenig traurig, als alles fertig war.

"Wer die Zuversicht verloren hat, der lernt sie wieder beim Anblick der Frauenkirche", sagte Horst Köhler, der Bundespräsident, bei der Einweihung. In der Tat ist dieses spektakuläre Gemeinschaftswerk so etwas wie ein Leuchtzeichen gegen die allgemeine Depression, mit dem die "Frustrierten im Osten" den "Klugen" im Westen eine Lektion in Optimismus erteilen. Ein Architekturkritiker aus Berlin sagte neulich angesichts des Wiederaufbaus der Frauenkirche mitsamt dem historischen Neumarkt: "Die Dresdner sind ja nicht zurechnungsfähig." Dagegen ist nichts einzuwenden.

Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Hans Joachim Neidhardt gehört zu den Initiatoren der Bürgerbewegung für den Wiederaufbau der Frauenkirche und den Unterzeichnern des "Rufes aus Dresden".


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00:00 18.11.2005

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