Regen, kein Netz?

Die Ratgeberin Warum man sich den Urlaub nicht schon vorher schlecht reden sollte
Susanne Berkenheger | Ausgabe 32/2015

Nächste Woche düsen wir los. „Wahrscheinlich wird es eine Woche durchregnen und saukalt sein, direkt neben uns wird eine Großbaustelle sein, jeden Morgen um sieben werden die zu bohren anfangen, das WLAN in der Ferienwohnung wird kaputt sein, und der Sohn deswegen schon am ersten Tag durchdrehen, weil wir nun damit seine Internet-Karriere ruinieren, alle seine Abonnenten wird er verlieren. Wegen uns! Und ob wir uns schon überlegt haben, wie wir das wieder ungeschehen machen. Und zu essen gibt’s auch nichts. Weil wir im Dorf keinen Laden finden, müssen wir von unseren Hundefutterdosen leben. Nachts werden die Kakerlaken über unsere Bettdecken huschen, unter denen ich mich schlaflos rumwälze, bis zum Morgengrauen. Nur der Mann wird jede einzelne Minute genießen und alles total super finden. Das kenn ich schon. Puh! Das wird was.“

Eine Freundin, die mir gegenübersitzt und geduldig zugehört hat, grinst. „Du trägst das ja recht begeistert vor.“ Ich schlucke. Verdammt. Sie hat gleich den wunden Punkt getroffen. Ja, gebe ich zu: Es ist ein Trick. Ich schraube jetzt konsequent meine Erwartungen herunter, damit im Urlaub nur noch positive Überraschungen möglich sind. Das ist DER Urlaubstrick. Habe ich gelesen, auf gofeminin.de oder was anderem mit g. Jedenfalls gerade solche Urlaubseuphoriker wie ich, die bis zum Tag der Abreise total übertriebene Erwartungen aufgebaut haben, sollten das unbedingt tun. Denn sonst drohen: Enttäuschungen über Enttäuschungen, weshalb sich jedes dritte Paar nach dem Urlaub trennt.

„Ah wirklich?“ Die Freundin überlegt, wie oft ihr das schon passiert ist. Das Problem sei, fahre ich fort, „jetzt, wo mir wegen des Tricks ja dieser enttäuschungsfreie Urlaub mit seinen zahllosen positiven Überraschungen bevorsteht, bin ich natürlich euphorischer als jemals zuvor. Meine Erwartungen sind gigantisch.“ Die Freundin schaut mitleidig. „Du kannst nach dem Urlaub natürlich erst mal bei mir einziehen, bis du was Eigenes gefunden hast“, bietet sie mir an. Danke, sage ich zaghaft. „Gilt dein Angebot vielleicht auch schon jetzt, vor dem Urlaub?“ Der Urlaubstrick hat nämlich die Stimmung zu Hause bereits vergiftet.

Und das, obwohl ich wirklich nur zwei - oder dreimal das möglicherweise schlechte Urlaubswetter angesprochen habe. Nur ein einziges Mal habe ich erwähnt, dass W-Lan-Anschlüsse auch kaputt sein können und das Philosophieren über die Großbaustelle neben unserer Ferienwohnung habe ich mir noch für die Fahrt aufgespart. Und trotzdem gelte ich jetzt schon als Miesmacher, dabei will ich nur unsere Familie retten. Aber das kapieren die nicht. Lara schaut mich nachdenklich an: „Wenn ihr euch schon vor dem Urlaub trennt, könnt ihr euch immerhin danach nicht mehr trennen.“ Ich lächle matt. „Ja ja, schon deshalb, weil wir dann überhaupt nicht mehr in den Urlaub fahren.“ Das wäre ja schade, wirft Lara ein, „gerade jetzt, wo dich dank deiner herabgeschraubten Erwartungen ja ein viel tollerer Urlaub als jemals zuvor erwartet.“ Ich fühle mich erleichtert. „Du hast total recht: Eine Trennung nach dem Urlaub ist natürlich viel besser als eine vor dem Urlaub.“

Dieser idiotische Urlaubstrick! Was für ein Quatsch! Selbstverständlich werden wir nonstop baden, surfen, schlafen, grillen, chillen – alles gleichzeitig – und alle werden wir immerzu frohlocken. Das wird super! Ich muss gleich nach Hause, um die frohe Botschaft zu verkünden.

Von Susanne Berkenheger erschien zuletzt das Taschenbuch Ist bestimmt was Psychologisches. Für den Freitag verteilt sie gute Ratschläge

06:00 08.08.2015

Ausgabe 13/2020

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