Reich an Facetten

MICHAELA LINDNER Michaela Lindner legt ihre Autobiographie in Form eines Briefromans vor

Wer öffentlich artikuliert, transsexuell zu sein, muss noch immer fürchten, sozial diskriminiert zu werden. Michaela Lindner wurde vor zwei Jahren bekannt, weil sie von der anhaltinischen Gemeinde Quellendorf ohne Angabe von Gründen als Bürgermeisterin abgewählt wurde. Auslöser war ihre Ankündigung, nach 40 Jahren Existenz als Norbert Lindner nun offen als Michaela Lindner weiterleben zu wollen.

Mittlerweile hat sie sich operieren lassen und lebt offiziell als transidente Frau in Berlin. An Quellendorf und die dortige politische Niederlage denkt sie ungern zurück. Vor allem möchte sie nicht nur daran gemessen werden. Ende August legte Michaela Lindner ihre Autobiographie »Ich bin, wer ich bin. Ein öffentliches Leben als Mann und als Frau« in Form eines Briefromans vor.

Geschickt reflektiert dieses Leben sich selbst, indem in den Briefen an Eltern, Geschwister, Geliebte und Freunde der diesen Menschen wahrscheinlich vertrauteste Teil von Michaela/Norbert Lindner beschrieben wird. Es werden Bilder aufgerufen, von denen die Autorin annimmt, dass es sich um jene Bilder handelt, die sich die Adressaten von ihr machen. Schicht für Schicht, Facette neben Facette treten in chronologischer Reihenfolge ans Licht. Eine Liaison dangereuse zwischen einem weiblichen Ich und einem männlichen Körper entfaltet sich. En passent wird ostdeutscher Alltag deutlich; die kleinen, fast vergessenen Leiden, wenn es um Kommunion statt Jugendweihe, den Wehrdienst, den ersten zugewiesenen Arbeitsplatz geht. Im Vordergrund jedoch die Suche nach dem inneren Ich, die Suche vor allem, wie dieses innere Ich sich äußern darf. Plastisch tritt das Unverständnis der Umwelt hervor, der Schmerz, den Eltern empfinden, wenn ihnen der Sohn genommen wird und sie mit der neuen Tochter noch nichts anzufangen wissen. Dennoch strahlt dieses Buch viel Optimismus aus. Es ruft auf, einen Traum zu leben. Hierin erinnert es an Lebensbeichten alter Kommunisten, die nach langen Irrungen, Häutungen und Martern immer noch ihrer politischen Überzeugung treu blieben und ihre Kraft aus dem Wissen um die Erfüllbarkeit ihrer Vision schöpfen. Es scheint, als sei in unseren post-ideologischen, hyperindividualistischen Zeiten die Harmonie von äußerer und innerer Identität ein neues, Glück verheißendes Kampfziel.

Siehe auch Michaela Lindner: Ich bin, wer ich bin. Ein öffentliches Leben als Mann und als Frau. Autobiographie. Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main, 304 S., 36 DM

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