Reiche bekommen ihr Recht

Medientagebuch "Boston Legal" zeigt amerikanische Rechtsanwälte als skrupellose Akteure zahlender Klienten

Der bekannteste deutsche Serienanwalt hieß "Liebling" und ließ keine Gelegenheit aus, um zu erzählen, er habe den Beruf des Anwalts ergriffen, um nicht allzu viel arbeiten zu müssen. Für einen amerikanischen Serienanwalt wäre ein solcher Dauerwitz undenkbar, gelten Juristen dort doch als regelrechte Arbeitstiere. Weshalb ihre Arbeitsumgebung, das Anwaltsbüro, auch einer Art Zoo gleicht, in dem der interessierte Zuschauer das seltsame Verhalten der Karriere-Menschen eingehend studieren kann. Niemand hat das besser begriffen als Serienerfinder David E. Kelley, einst selbst Rechtsanwalt in Boston, nun aber schon gut 13 Jahre mit Michelle Pfeiffer in Hollywood verheiratet. Mit der Serie Ally McBeal hat Kelley Fernsehgeschichte geschrieben, wie man so schön sagt. Mit Boston Legal, das Vox nun nach Deutschland gebracht hat, hat er das Serien-Genre revolutioniert. In Ally McBeal ging es vor allem um das Paarungsverhalten junger Großstädter, worum geht es in Boston Legal? Ums Eingemachte. Soll heißen: um nichts weniger als die existentiellen Fragen unserer Zeit: ums Altern etwa, oder um das Ethos des Berufsstands und die Grundsätze des moralischen Handelns. Das Spannende an Boston Legal ist, dass diese Fragen nicht als rhetorische gestellt werden, sondern in nahezu verletzender Offenheit. "Ich hasse alte Menschen, sie sind Babys", hört man im aktuellen Trailer einer der Hauptfiguren sagen, während eine andere auf ein gewissensquälerisches "Aber ist das noch fair?" mit einem schlichten "Ich verstehe diese Frage nicht" antwortet. Erfahrene Fernsehzuschauer hören sofort, dass es sich hier keinesfalls um jene Gutmenschen handelt, die sonst Anwaltsserien gerne bevölkern.

Die Figur, die da alte Menschen als Babys beschimpft, heißt Denny Crane, und dieser Denny Crane, gespielt vom inzwischen 75-jährigen William Shatner, hat selbst große Angst vorm Altern, was, und darin zeigt sich der besondere ironische Ton der Serie, bei einem Mann seines Alters schon wieder etwas Kurioses hat. Seinem Namen kommt zusätzlich die Funktion eines running gags zu, und das im buchstäblichen Sinn: Denny Crane rennt in so mancher Folge durch die Flure der Kanzlei und sagt laut vor sich her: "Denny Crane, Denny Crane!" Nicht nur den Zuschauer, auch die Figuren auf dem Bildschirm irritiert das. Das Geheimnis dieser Übung wurde zum Teil in der zweiten Episode der Saison gelüftet: Dort demonstrierte ein vermeintlicher Sohn mit Namen "Donny Crane" wie gut er die Lektion des Vaters gelernt hat. Das selbstbewusste Aussprechen des eigenen Namens kann eine mächtige Waffe sein, um den Gegner einzuschüchtern. Das geht so: Man nimmt bei der Begrüßung die Hand des Gegenübers und sagt statt Weicheier-Grußfloskeln wie "Freut mich wirklich, ihre Bekanntschaft zu machen!" volltönig, skrupellos und hemmungslos wichtigtuerisch den eigenen Vor- und Nachnamen. "Denny Crane". So lächerlich das klingen mag, es wirkt.

Soviel Selbstbewusstsein ist nicht allen sympathisch. Und wie bereits angedeutet, handelt es sich bei Denny Crane nicht gerade um einen feinen Kerl. Gleich in der ersten Folge klopft er in einem Moment einem Mitarbeiter, der einen Nervenzusammenbruch erlitten hat, aufmunternd auf die Schulter: "Erhol dich ein paar Tage, dann bist du wieder topfit!" - um im nächsten die Sekretärin anzuweisen: "Demagnetisieren Sie seine Parkplatzkarte, der Typ ist erledigt". Im übrigen findet sich in diesem Kleinod von Satz (Parkplatzkarte!!!) ein ganzer Karriereethos exakt auf den Punkt gebracht. Wie überhaupt die Dialogschreiber der Serie - und ihre deutschen Übersetzer hier mit - ein großes Lob verdienen. Selten wird in Serien so wunderbar doppeldeutig mit Sprache umgegangen. Im Gerichtsaal von Boston Legal wird regelmäßig auch über die Floskeln geurteilt, die die Rechtsanwälte in ihren Versuchen, eine Jury zu überzeugen, so dreschen. "Für meinen Klienten gibt es ein Wort, das mehr zählt als alles andere ...", hebt ein besonders smarter Vertreter seiner Branche etwa an - und muss sich von der Richterin unterbrechen lassen: "... lassen Sie es bitte nicht das Wort "Fortschritt" sein!"

Das jüngere Gegenstück zu Denny Crane heißt Alan Shore; die Gewohnheiten der Serie lassen fast jede Folge mit einem kleinen Plausch dieser beiden best gehassten Männer der Kanzlei enden. Alan Shore wird von James Spader mit bewundernswert ungebrochener Schmierigkeit gespielt. Er ist der Mann für die unmöglichen Fälle, der skrupellos Zeugen einschüchtert, Beamte besticht und weitere "unfaire" Methoden einsetzt, um vor Gericht das Seine zu erreichen. Shore ist ein fesselnder Charakter, schon weil man sich fragt, wie es solchen Spaß machen kann, einem Unsympathen wie ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Die Antwort liegt in der Komplexität seines Charakters: Das Gutmenschentum beiseite geräumt ist da einer, der auf faszinierende Weise keine Angst vor Peinlichkeiten und vor schmutzigen Geheimnissen hat. Das lässt ihn entwaffnend ehrlich erscheinen.

Die Fälle, die in Boston Legal verhandelt werden, sind dazu noch keine Probefälle der Gerechtigkeit, sondern von dem Stoff, der das amerikanische Rechtssystem so in Verruf gebracht hat: Eine Millionärin klaut in einer Boutique einen Schal - und will natürlich frei gesprochen werden. Ein Milliardär lässt seine achte Ehe annullieren - um keinen Unterhalt zahlen zu müssen. Eine Baufirma will ein Parkhaus im Naturschutzgebiet errichten usw. usf. Gerade weil hier oft die "Falschen" gewinnen, vermittelt die Serie bei aller fiktionalen Zurichtung einen echten Einblick in die Arbeitsmethoden amerikanischer Anwälte. Die meisten Episoden hinterlassen deshalb auch einen etwas schalen Geschmack im Mund. Trotzdem fiebert man der nächsten Folge entgegen.

Boston Legal auf Vox, Mittwochs um 22.05


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00:00 27.10.2006

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