Jörn Boewe
Ausgabe 4713 | 22.11.2013 | 06:00 19

Reichtum – jetzt leichter zu knacken

Schweiz Ist das Kommunismus oder die Rückkehr zu normalen Verhältnissen? Die Eidgenossen stimmen über eine Obergrenze für Managerbezüge ab

Reichtum – jetzt leichter zu knacken

Wer frisst hier wen? Schweizer Gewerkschaftsmitglieder protestieren in Zürich gegen Finanzhaie

Foto: Walter Bieri/epa

Meister Rimmo holt etwas aus der Tasche, was wie eine Parkscheibe aussieht. „Hier“, sagt er, „kannst du deinen Monatslohn einstellen.“ Er dreht an der Scheibe, bis im oberen Fenster „7.000 CHF“ steht. Das sind 5.700 Euro – ein bisschen mehr als ein Werkzeugmacher bei Reishauer, einer Firma in Wallisellen bei Zürich, verdient. Unten, neben einem Bild von Brady Dougan, des Chefs der Bank Credit Suisse, erscheint die Angabe „9:35 min“. „Der hat früh noch nicht mal die Zeitung ausgelesen“, sagt Rimmo, „da hat er schon mehr kassiert als der Durchschnittsschweizer in einem ganzen Monat.“

„12 × mehr Lohn ist genug“, steht auf der roten Pappscheibe, mit der man im Handumdrehen sein Einkommen mit dem der Vorstände von Schweizer Großkonzernen wie Novartis und Nestlé vergleichen kann. Es handelt sich um die „Abzockeruhr“ der Unia, der größten Gewerkschaft des Landes – ein ziemlicher Renner unter den Werbematerialien der Volksinitiative „1:12 – Für gerechte Löhne“. Die Idee: Kein Topmanager soll in einem einzigen Monat mehr verdienen als der am schlechtesten bezahlte seiner Angestellten in einem Jahr. Am 24. November stimmen die Eidgenossen darüber ab, ob dies in die Verfassung aufgenommen wird. Initiiert haben das die Jungsozialisten, aber richtig Schwung bekam die Kampagne, als die Unia im Frühsommer einstieg.

Rimmo ist Lehrausbilder und Vertrauensmann der Gewerkschaft bei der Reishauer AG. Der mittelständische Betrieb hat, was Präzisionsmaschinen zur Produktion von Zahnrädern angeht, technologisch die Nase relativ weit vorn. Die Arbeit erfordert Verstand und Geschick und ist für Schweizer Verhältnisse gut bezahlt.

Hammer und Sichel

Die Debatten um „1:12“ werden mit der Erbitterung eines Kulturkampfes geführt. Unternehmerverbände, Mitte-Rechts-Parteien und neoliberale Professoren machen seit Wochen ein Geschrei, als werde der Kommunismus eingeführt. Auf einem Plakat der „1:12“-Gegner fährt ein Jungsozialist auf einer Dampfwalze mit roter Fahne und Hammer-und-Sichel-Symbol die Schweiz platt. In Wahrheit gehe es den Jusos „um die Abschaffung des kapitalistischen Systems“, schreibt das Blatt Finanz und Wirtschaft. Die Neue Zürcher Zeitung will gar herausgefunden haben, dass der „1:12“-Vorstoß von der „chinesischen Parteidiktatur“ inspiriert sei. Dabei wäre nur ein winziger Bruchteil der Unternehmen von der Regelung betroffen.

In 1.200 Schweizer Firmen genehmigt sich der Chef mindestens zwölfmal mehr als der am schlechtesten bezahlte Mitarbeiter, ergab eine jüngst veröffentlichte Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Dies betreffe Großbanken, Versicherungen, Handelskonzerne, Pharmariesen und Consultingagenturen. Reishauer gehört nicht dazu, genau wie mehr als 300.000 andere Unternehmen. Im Schnitt liegen höchste und niedrigste Entgelte nur um das 2,2-fache auseinander. Gerade einmal 4.400 Spitzenverdiener – in einem Land mit acht Millionen Einwohnern – müssten das Limit hinnehmen und künftig mit einem Jahreseinkommen von etwa einer halben Million Franken über die Runden kommen.

Die dunkle Seite: Prekarisierung

Nach einer Studie der Gewerkschaft Unia hat sich die Lohnschere in den 41 größten Konzernen des Landes 2012 weiter geöffnet, und zwar von 1:120 im Vorjahr auf 1:135. 1986 gab es noch ein Verhältnis von 1:6. Die vermeintlichen Revolutionäre sehen „1:12“ deshalb als Rückkehr zu Verhältnissen, wie sie noch Anfang der neunziger Jahre als normal galten. „Überrissene“ Jahresgehälter wie die von Dougan (91 Millionen Franken), UBS-Chef Andrea Orcel (26 Millionen) oder Novartis-CEO Joseph Jimenez (13,2 Millionen) sind ein relativ neues Phänomen.

Die Kehrseite sind ausfransende Arbeitsverhältnisse am unteren Rand: Leiharbeit, Scheinselbstständigkeit, Prekarisierung. Erst Ende Oktober legte die Unia eine Baustelle am Hauptbahnhof in Zürich für zwei Tage lahm und erzwang die Nachzahlung vorenthaltener Löhne in Höhe von 700.000 Franken. Eine Spezialbaufirma hatte 30 polnische Arbeiter als Scheinselbstständige über Monate zu Niedrigstlöhnen beschäftigt. Bei der Gewerbeaufsicht waren sie als „Tomatenbauern“ gemeldet.

Letzten Umfragen zufolge liegen Befürworter und Gegner der Initiative gleichauf. Nestlé hat seine Mitarbeiter gewarnt, eine Annahme würde der Wettbewerbsfähigkeit schaden und „unser so erfolgreiches Gesellschaftsmodell grundlegend in Frage stellen“. Großbanken streuen Gerüchte über Abwanderungspläne.

Getrieben von Neid und Missgunst?

 Schweizer Einkommensmillionäre ahnen, dass die „1:12“-Initiative nur „die Spitze des Eisbergs ist“, wie Urs Birchler, Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich, im wirtschaftsliberalen Blog batz.ch schreibt. „Es kommt nämlich noch einiges, etwa Mindestlohninitiative, bedingungsloses Grundeinkommen.“ In der Tat stimmen die Schweizer 2014 darüber ab, ob ein Mindestlohn von 4.000 Franken in der Verfassung verankert wird, ein weiteres Referendum könnte Steuerprivilegien für ausländische Multimillionäre abschaffen. 2015 dann könnte über ein bedingungsloses Grundeinkommen entschieden werden.

Auch dürfte den selbsternannten Leistungsträgern noch der Schreck der „Abzocker-Initiative“ des parteilosen Ständerats und Unternehmers Thomas Minder in den Knochen stecken. Zwei Drittel der Wähler hatten im März für ein Verbot von Vorauszahlungen und Abgangsentschädigungen („goldener Fallschirm“) für Manager börsennotierter Aktiengesellschaften votiert.

Sind die Schweizer „getrieben von Neid und Missgunst“, wie alarmierte konservative Nachwuchspolitiker jüngst behaupteten? Rimmo lacht. Er arbeitet schon sein halbes Leben lang in einem Industriebetrieb, der die Welt seit 1788 mit Präzisionswerkzeugen beliefert. Dieser Mann ist nicht neidisch – er ist zu beneiden. „Uns geht es gut“, sagt er, „und ich bin dankbar dafür. Aber wir müssen aufpassen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.“ Diese Haltung beunruhigt die Gegner der „1:12-Begehrens“.

Jörn Boewe ist freier Autor und schreibt vor allem zur Gewerkschaftsbewegung


AUSGABE

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 47/13.

Kommentare (19)

Spr. 22.11.2013 | 11:33

Hier würde so etwas erst gar nicht zur Debatte stehen. "Die Wirtschaft" hätte schon lange vorher dem Normalverdiener sowie dem Niedriglöhner eingeredet, dass man seine Bezahlung deckeln will oder er alternativ ALG II-Opfer wird. Woraufhin sowohl Normalverdienen als auch Niedriglöhner sich für die Beibehaltung der Privilegien "der Wirtschaft" ins Zeug legen würde. Das Funktioniert hierzulande schon seit vielen Jahren ganz hervorragend.

Nil 22.11.2013 | 18:36

Ich bin begeistert über solcherlei fortschrittliches Denken.

In dem Parteiprogramm der Integralen wird in dem Wirtschaftsteil weitere zeitgemässe Vorschläge unterbreitet.

Integrale Politik | Breisacherstrasse 43 | CH 4057 Basel | T +41 61 811 39 49 11.01.2012

INTEGRALE WIRTSCHAFT

Kurzfassung der Positionen

Seit den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurde die Marktwirtschaft stark im Interesse der Profitmaximierung und zugunsten des Finanzsektors ausgebaut. Es entstanden daraus problematische gesellschaftliche Entwicklungen wie die Verarmung der Mittelschichten und das Entstehen von Armut trotz Arbeit. Zudem verschlingt ein nicht nach ökologischen Kriterien reguliertes Wirtschaftswachstum die Ressourcen der Erde.

Vision

Wirtschaften dient der Erfüllung des Lebens und ist nicht Selbstzweck. Die entwicklungspolitischen Ziele der Wirtschaft (die derzeit auf Gewinnmaximierung und Massenkonsum ausgerichtet sind) richten sich vermehrt auf die Selbstentfaltung jedes Einzelnen und das Wohlergehen der Gesellschaft und unserer Erde.

Ziel

Integrale Politik möchte den Wunsch nach persönlicher Freiheit mit der Verantwortung für das Gemeinwohl vereinen:

· Der Markt findet ein neues Gleichgewicht zwischen Konkurrenz und Kooperation und orientiert sich neu am Ziel des Gemeinwohls und einer positiven Mitweltbilanz.

· Wirtschaftsentwicklung und Selbstverwirklichung des Menschen basieren beide auf qualitativem Wachstum. Damit nimmt der Verbrauch an nicht erneuerbaren Ressourcen ab und es steigen der Respekt gegenüber ökologischen Aspekten und das Interesse an nicht materiellen Ressourcen.

· Die neue Wirtschaft verhält sich konstruktiv, das heisst verantwortungsvoll gegenüber allen Menschen und der gesamten Mitwelt, qualitätsbewusst, kooperativ und kreativ.

Eine Wirtschaft im Dienst

der Welt –

durch inneres Wachstum

der Menschen

Die Wirtschaftsepoche, wie sie sich seit der industriellen Revolution bis heute entwickelt hat, geht ihrem Ende entgegen. Die Anforderungen an Produktivität und Wachstum entsprechen nicht mehr den heutigen oder künftigen menschlichen Bedürfnissen und den Herausforderungen unserer Mitwelt. Die Wirtschaft wird ihre Aktivitäten in den Dienst der menschlichen Gemeinschaft und unseres Planeten stellen. Die Wirtschaft wird so zu einer wichtigen Grundlage zur Schaffung einer neuen Gesellschaft.

Konkrete Vorschläge

1. Förderung von Unternehmen mit Gemeinwohlbilanzen

Wir unterstützen Firmen und Organisationen, die nach ethischen, sozialen und ökologischen Kriterien geführt werden. Wir tun das durch aktive Förderung pionierhafter Initiativen, mit innovativen Bildungsprogrammen und interdisziplinären Forschungsprojekten. Die Triple-Bottom-Line (Planet, People, Profit) kann helfen, den Sozial- und Umweltbeitrag einer Firma zu messen.

2. Entschleunigung der virtuellen Märkte

Haltefristen für Wertpapiere und Finanzprodukte, Besteuerung von Finanztransaktionen (inspiriert durch die Tobin-Steuer) sowie Alternativen zum Zinssystem könnten helfen, eine neue Spekulationsblase zu vermeiden.

3. Banken dienen wieder der Realwirtschaft

Statt der Ausrichtung auf Vermögensverwaltung und Investment banking werden Banken wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen, nämlich mit Kreditvergabe und Dienstleistungen als Wertaufbewahrungsinstitute den Unternehmen der Realwirtschaft zur Verfügung stehen.

4. Lenkungsmassnahmen für nachhaltiges Wirtschaften

Die Preise beinhalten externe Sozial- und Umweltkosten (Internalisierung der Kosten). Ökologische Technologien und erneuerbare Energien werden finanziell und mit Steuererleichterungen gefördert. Giftstoffe und Verschmutzungen werden limitiert und ersetzt.

5. Höhere Konsumsteuern vermindern die Arbeitsbesteuerung

Eine gezielte Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Güter und Dienstleistungen mit einer negativen Sozial- und Umweltbilanz erlaubt eine Entlastung der Einkommenssteuer. Damit werden sowohl ein verantwortungsvollerer Konsum als auch die unternehmerische Kreativität gefördert.

6. Wir sorgen uns gemeinsam um Wasser, Erde und Luft

Die Sicherstellung einer nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen ist entscheidend zur Erhaltung einer lebenswerten Schweiz und einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Dazu müssen wir, – die Gesellschaft –, uns gemeinsam um die natürlichen Ressourcen kümmern können. Wir möchten diesbezüglich in Betracht ziehen, den privaten Grundbesitz durch ein langfristiges Nutzungs- und Pachtrecht zu ersetzen, das vererbt werden kann.

Mögliche längerfristige Lösungsansätze

· Zur Sicherung der Existenz aller Bürger schlagen wir ein garantiertes Grundeinkommen vor.

· Wir möchten, dass der Begriff «Arbeit» um sämtliche Aktivitäten, die dem Gemeinwohl und der ganzheitlichen Entwicklung des Individuums dienen, erweitert wird.

· Die Einführung von Mindest- und Höchsteinkommen in einem Betrieb und die Beschränkung des Gesamteinkommens pro Bürger schafft eine grössere soziale Gerechtigkeit. Durch diese Verminderung der Einkommensunterschiede wird eine ausgeglichenere Wertschätzung der Arbeitsleistung erreicht.

· Neue Bewertungsmassstäbe (z.B. die Gemeinwohlbilanz) erfordern ein neues Verständnis der Unternehmensführung: Unternehmen werden nach ethischen, sozialen und nachhaltigen Grundsätzen ökonomisch – effizient und effektiv geführt.

· Forschung orientiert sich an inter- und transdisziplinären Lösungsansätzen für eine nachhaltige Gesellschaft.

· Eine Verringerung der Vermögensunterschiede durch entsprechende Änderungen der Vererbungskultur und der Erbgesetze und die Beschränkung der direkten Erbschaft auf ein angemessenes Maximum wird zu einer Erhöhung der Chancengleichheit führen. Ein noch zu definierender Erbenfond könnte geschaffen werden.

Wir freuen uns auf weitere Ideen und Initiativen dazu

http://www.integrale-politik.ch/

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Ehemaliger Nutzer 22.11.2013 | 22:50

Die Schweizer sind konservativ und ängstlich. Nicht vergessen: die haben nach wie vor die 42h-Woche (40h für Staatsangestellte). Sie sind nach wie vor Steueroase, Bankenstandort und genauso Export-Überschuß-Deppen wie die Deutschen. Wenn die Wirtschaft oder die Banken was fordern, dann wird das nicht selten abgenickt, mit derselben Logik wie bei uns (globaler Wettbewerb/Jobs), obwohl die es weniger nötig hätten. Weder sind sie EU-Mitglied noch haben sie den Euro.

Oberflächlich plausible Angstmache wirkt sogar stärker als Neid und Gerechtigkeitsgefühle.

Ob die an sich sehr großzügige 1:12 Abstimmung durchkommt? Ich bin gespannt. Es wäre dringend nötig und eine gute Referenz für die restliche Welt. Auch wenn es peinlich wäre, dass schon wieder das kleine Bergvolk uns zeigen muss, wie es geht.

gelse 23.11.2013 | 06:12

>>Reichtum – jetzt leichter zu knacken <<
Dem Titel liegt ein Missverständnis zugrunde: Es geht keineswegs um die Rückeignung der durch Arbeit erstellten Produktionsmittel: Reichtum bleibt auch bei Erfolg der Initiative genau dort wo er ist: In Privatbesitz.
Die Klage, dass die „Nieten in Nadelstreifen“ zu teuer seien und die armen Aktionäre ausbeuten, die ist ja nicht neu. Nur kann man es nicht direkt so sagen, wenn man eine Mehrheit pro Aktionärsforderungen braucht.
Zunächst werden nichtleitende Arbeitskraftverkäufer wahrscheinlich keine Änderung bemerken.
In der Diskussion werden sinkende Einnahmen der AHV aus Hochgehältern (1) durch steigende Niedriggehälter(2) kleingerechnet, wobei aber für (2) keine Belege existieren. Die angeblich „freiwerdende Lohnsumme“ wird wohl am ehesten den Aktionären zugute kommen.
Ein möglicher Effekt wird wenig diskutiert: Wenn die profitbezogenen Boni gegenüber dem beschnittenen fixen Gehalt stärker einkommensbestimmend sind, werden Geschäftsleitungen noch mehr als bisher bemüht sein, das absolute Leistungsmaximum aus der gekauften Arbeitskraft herauszupressen.
Demgegenüber dürfte sich die Hoffnung, dass die Geschäftsleitung höhere Gehälter in den unteren Etagen beschliessen werde, um ihre eigenen Gehälter anzuheben, als trügerisch erweisen: Es werden zweifellos andere Wege gefunden um die Profitbeschaffung ohne Erhöhung der „Lohnkosten“ attraktiv zu halten. Zum Beispiel könnten profitbezogene Boni über Auslandsgesellschaften abgewickelt werden. Oder das Management wird „outgesourct“: Eine „Mangementfirma“, in der das niedrigste Gehalt 1 000 000 sfr beträgt, „managt“ die Produktionsbetriebe.* Ich würde also schweizer Konzernbeschäftigten empfehlen nicht voreilig aus der Gewerkschaft auszutreten.

Ausserdem würde wohl die Beschäftigung von Leiharbeitern aus dem Ausland schneller zunehmen. Denn ausländische Leiharbeitsfirmen sind davon ja nicht betroffen und bieten fast alle nachgefragten Qualifikationen an.

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Es wurden schon viele angebliche „Königswege" propagiert, die den Privatkapitalismus scheinbar attraktiver für Nichtbesitzende machen. Sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen schützenden Kokon um die Grundlage der Ausbeutung und Machtausübung per Besitz spinnen: Das private Renditescheffeln.

*Das sind Dinge, die mir spontan einfallen. Es gibt Leute, die wesentlich mehr Zeit dafür aufwenden können.

gelse 23.11.2013 | 06:22

>>Hier würde so etwas erst gar nicht zur Debatte stehen.<<
Zur Debatte steht es schon:

>>Selbst die deutsche Bundesregierung ließ sich von der Abzocker-Initiative inspirieren und legte einen Gesetzesentwurf vor, dem zufolge ebenfalls künftig die Aktionäre zwingend über die Vergütung abstimmen sollen.<<
Quelle:
http://www.handelsblatt.com/politik/international/initiative-1-12-in-der-schweiz-staatlicher-deckel-gegen-gehalt-exzesse/9109880.html

Im Grunde ist der der Gesetzesentwurf ja das Gleiche, nur eben ohne gesetzlichen Eingriff in Arbeitsverträge des leitenden Personales.

eldorado 24.11.2013 | 03:37

Doch, doch, die Beschäftigung von Leiharbeitern ist auch betroffen. Dumpinglöhne werden geahndet, egal aus welcher Gegend die kommen.

Die Leiharbeit aus dem Ausland wird aber kontrolliert. Das letzte Beispiel ist ja im Artikel beschrieben - am HB Zürich. Dazu gibt es Kontrolleure die auf Baustellen kontrollieren. Es müssen auch bei Leiharbeitern die Schweizer Löhne eingehalten werden.

Es ist wahr, der Druck aus dem Ausland, in der Schweiz Arbeit zu finden ist riesengross und es werden noch und noch auf Baustellen und anderswo ausländische Arbeiter angetroffen, die zu Dumpinglöhnen arbeiten, auch aus Deutschland.

Natürlich werden die Grossfirmen Schlupflöcher ausnützen. Eine Möglichkeit ist die Auslagerung der Arbeit mit den niedrigsten Löhnen.

Wichtig ist, dass das ein Thema wird und nicht einfach hingenommen wird. Der Neid ist es nicht, der uns zu dieser Initiative gebracht hat. Wer braucht schon so hohe Gehälter?!

eldorado 24.11.2013 | 03:46

Die Initiative wird kaum durchkommen. Die Rechten (SVP und Co.) und die Gewerkschaften haben ganze Arbeit geleistet und noch und noch angst geschürt. Das hat vermutlich zuviele verängstigt. Bis gegen Abend werden wir es wissen.

Auch wenn es nicht durchkommt, wird das doch seine Ausstrahlung haben.

Die Abzockerinitiative wurde ja angenommen.

Schon bald kommt die Abstimmung über Mindestlöhne.

Und in etwa zwei Jahren die BGE-Abstimmung.

Es ist viel Bewegung in der Schweiz in dieser Richtung entstanden.

Wir haben ja auch ein tolles Instrument, die Initiativen und Reverenden. In Bern müssen sie zwingend darauf eingehen und es muss abgestimmt werden. Das wünsch ich Euch auch. So ist man weniger ohnmächtig der Regierung gegenüber und kann doch etwas bewegen auch wenn schlussendlich vieles dann doch nicht zustandekommt.

eldorado 24.11.2013 | 03:50

Auf jeden Fall sollte den Globalplayern nicht mehr so der rote Teppich ausgelegt werden. Ich bin überzeugt, dass nach einem schwierigen Uebergang ganz neue Kräfte freigelegt würden.

Nicht Globalplayer sollten verhätschelt werden, sondern KMU (kleine und mittlere Betriebe) und Betriebe, die auf genossenschaftlicher Basis arbeiten. Bei diesen ist das Problem der Abzockerei nicht vorhanden.

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Ehemaliger Nutzer 24.11.2013 | 13:42

"Das wünsch ich Euch auch."

Danke, es wird auch kommen, die deutsche Gesellschaft ist reif dafür. Mit 10-20 Jahren Verzögerung kommt das sicher auch in der Politik an. Druck wird jetzt schon gemacht. Auch auf Bundeslandebene ist viel in Bewegung.

In Kürze werde ich den zweiten Entscheid in meinem Leben mitmachen (auf kommunaler Ebene ist das mittlerweile in vielen Ländern möglich, auch wenn es oft noch hohe Hürden und unfaire Quoren gibt), und das innerhalb relativ kurzer Zeit.

Da bewegt sich was. Auch wenn ein großes Land wie D halt sehr träge ist. Ich hoffe nur, dass die EU auseinanderfällt und die mit ihr einhergehende Entmachtung und Zentralisierung. Die würde uns um mindestens Jahrzehnte zurückwerfen...

eldorado 24.11.2013 | 15:30

Die Würfel sind bereits gefallen. Die 1:12 Initiative ist schon mal am Ständemehr gescheitert. Auch bei den Stimmen zeichnet sich ein starkes nein ab.
http://www.tageswoche.ch/de/2013_47/schweiz/609306/laut-trendrechnung-zeichnet-sich-ein-dreifaches-nein-ab.htm
Ich denke aber, dass wir uns auf die JUSO verlassen können, dass die nicht locker lassen. (Die JUSO ist die Jugendsektion der SP.)

Der Unterschied zwischen D und der CH ist sicher nur zu einem kleineren Teil in der unterschiedlichen Grösse zu finden. In unserer Region (Basel) hat es sehr viele Deutsche und somit habe ich regelmässig in meinem Alltag mit Deutschen zu tun, wie auch mit Elsässern und allgemein Franzosen. Die Diskussionskultur ist eine ziemlich andere. Und wie ich persönlich feststelle, ist auch die Hierarchieakzeptanz viel grösser. Da habt ihr noch viel Arbeit vor euch. Und das ist genau das Problem, dass so viele Schweizer EU-kritisch sind. Und dreinreden und nicht locker lassen ist in diesem Gebilde eine schiere Unmöglichkeit.

EU
Ich hoffe nur, dass die EU auseinanderfällt.
Da würde ich ergänzen: Aber nicht Europa. Damit meine ich, dass sich die EU neu finden muss.
Die ganze Welt ist dermassen wirtschaftslastig, dass die Menschen dabei untergehen. Sollte die EU je ein Freihandelsabkommen mit der der USA machen, dann gibt auch die ganze EU ihre selbständigkeit ab.
Erinnern wir uns an die franz. Revolution: Da wurde gefordert: Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben! Und gerade das wollen die Mächtigen in Brüssel unter allen Umständen verhindern, weil Brüderlichkeit die Macht obsolet macht. Freiheit gehört auf keinen Fall ins Wirtschafts- sondern ins Geistesleben (dazu gehören Bildung, Kunst, usw.)

Gerade eben ist ein Kommentar zur 1:12 Initiative erschienen:
http://www.tageswoche.ch/de/2013_47/schweiz/609326/jetzt-sind-die-chefs-in-der-pflicht.htm#comment_26637

gelse 24.11.2013 | 21:51

Interessanter wird die Abstimmung über den Mindestlohn werden. Sollte die Erfolg haben, dann wird sich sehr schnell die Notwendigkeit ergeben, den Privatkapitalisten ihr Spielzeug wegzunehmen, um die Arbeitsplätze in der Schweiz zu halten.
Auch eine weiterer Aspekt wird interessant, aber auf den kommt ihr selber, wenn ihr euch das dann enorme Lohngefälle zu den Nachbarländern anschaut...

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Ehemaliger Nutzer 24.11.2013 | 22:29

Ja, bedauerlich aber absehbar, dass sie scheitert. Angst schlägt Rationalität. Leider ein Fakt.

Es ist fast unmöglich ein stehendes Framing wie den Neoliberalismus zu kippen, da man zuviel auf einmal ändern muss. Die Ursache für die Erpressbarkeit ist Freihandel und Kapitalfreizügigkeit, die Angst vor Existenzverlust beim Normalvolk und eine vollkommen ungebildete und irrationale Auffassung von Volkswirtschaft. Ich denke dort sollten linke Parteien zuerst ansetzen.

"Und wie ich persönlich feststelle, ist auch die Hierarchieakzeptanz viel grösser. Da habt ihr noch viel Arbeit vor euch."

Ja, wobei Mehrheiten im Volk, wie auch bei den Parteien, sich mehr direkte Demokratie längst wünschen. Nur haben Mehrheiten in repräsentativen Demokratien halt nichts zu melden...

"Und das ist genau das Problem, dass so viele Schweizer EU-kritisch sind. Und dreinreden und nicht locker lassen ist in diesem Gebilde eine schiere Unmöglichkeit."

Die EU ist ein Alptraum! Bleibt da so weit wie möglich draußen! Zentralismus und Planwirtschaft (im Agrarbereich) gepaart mit Neoliberalismus (Privatisierungen, Steuerkonkurrenz, Bankenderegulierung, Austeritätswahn) und maximaler Hirarchie (Initiativrecht hat nur die Kommission).

Man kann die Gefahr der derzeitigen Entwicklung gar nicht übertreiben. Ich gehe davon aus, dass in Kürze wieder erste Militärputsche u.ä. in Europa stattfinden.

Nicht die EU muss sich neu finden, sondern Europa muss sich ganz generell fragen, in welche Richtung es gehen will. Ob ein Großreich wirklich die Lösung ist oder nicht vielleicht nur ein neues hässliches Problem schafft.

eldorado 24.11.2013 | 23:53

Das Problem mit dem Lohngefälle haben wir schon. Da gibt es ausländische Leiharbeiterfirmen, die bei uns Menschen zu Dumpinglöhnen von nur 10 Euro arbeiten lassen und wohlgemerkt, Facharbeiter. Ein Facharbeiter verdient bei uns ca 30 SFR! Das wird heute schon geahndet. Und den Fahndern wächst schon heute teilweise die Arbeit über den Kopf. Ein krasses Beispiel war die baselword.