Reif für die Insel

Lümmel Michel Houellebecqs neuer Roman "Die Möglichkeit einer Insel"

Die meisten Autoren schreiben immer wieder das Gleiche. Da gibt es irgendwo an der Wurzel einen persönlichen Mythos, einen entscheidenden Konflikt, einen Fluchtpunkt des persönlichen Blicks. Und eine Sprache dafür, einen Stil, in dem sich Leser wiederfinden können. Nur wenige finden zu anderen Lebenszeiten zu Neuem. Arbeit, Hartnäckigkeit gehört dazu, das, was man früher mit einer problematischen Analogie "reifen" genannt hat, aber die Geschichte muss auch etwas beisteuern.

Der Normalfall war schon immer anders und ist es immer mehr. Wenn jemand mit der Art, wie er schreibt, Millionen Leser gewinnt, wenn er so bescheinigt bekommt, der Seismograph der Epoche zu sein, wenn die Literaturkritik dazu nickt, klatscht, mehrere Verleger in mehreren Ländern auch und sogar der Bankier - warum sollte er dann den Sound ändern? Und das in Zeiten, in denen Begriffe wie "Reife" oder "Bildung" oder "Entwicklung" oder "Fortschritt der künstlerischen Produktivkräfte" allesamt gründlich und keineswegs immer unverdient in Verruf gekommen sind? Einen Sound ändern, wenn er in allen Ohren ist und alle danach die Lippen spitzen?. Wenn nichts Neues ist unter der schwarzen Sonne - warum sollte dann ausgerechnet Michel Houellebecq Neues versuchen, der doch eh schon geschrieben hat, dass es mit dem Neuen nicht weit her ist? Alle wollen die Fortsetzung. Die Verleger und die Bankiers vor allem.

Kurz: Wer Elementarteilchen kennt, kennt auch Die Möglichkeit einer Insel, den neuen Roman von Michel Houllebecq. Das ist so wie mit dem neuen Golf V. Ein bisschen flotter, aber sonst eindeutig als Fortsetzung der erfolgreichen Baureihe erkennbar. Die Bauteile sind im Grunde wieder die gleichen, auch beim neuesten Modell der Generation Houellebecq: Sex, gern auch in Gruppen mit Palestinenserinnen; Liebe, die nicht dauert, weil der Mensch im Gegensatz zu Fox, dem Hund, für bedingungslose Anhänglichkeit nicht geschaffen ist und weil die Körper altern; Religion in ihrer Schwundform, der Gier nach dem ewigen Leben; Luxuskonsum, der es aber auch nicht bringt, vielleicht, weil der 600 SL des Protagonisten bei 250 km/h abgeregelt ist - sex and drugs an´ roll n´roll mit Vanitasgefühl am Ende. Und natürlich die beunruhigende Geschichte mit dem Klonen und der Zukunft. Ein bisschen Vulgärnietzsche dazu, aber natürlich nicht ganz ernst genommen. Also: es geht wieder darum, dass die Menschen nicht dauerhaft glücklich werden können, obgleich die Muschis frei liegen und die Sportwagen flott sind. Die Möglichkeit einer Insel, Sie ahnen es schon, ist dann natürlich die Möglichkeit eines ganz anderen Orts, eines U-topos, der sich aber nicht findet. Kein Ort nirgends, das wusste schon die brave Christa Wolf. Obgleich wir eigentlich reif sind für die Insel.

Bei Houellebecq hat sich nun nur die Abmischung der Themen leicht geändert. Dem Rauschen des Zeitgeistes wie der Demographie entsprechend tritt das Altern in den Vordergrund. Aber natürlich nicht verantwortungsvoll wie bei Herrn Schirrmacher oder Frau Gaschke, sondern als Ekel vor dem Alter, das alles zerstört: die erste große Liebe des Protagonisten geht zuende, weil die Geliebte ein paar Krähenfüsse bekommt und sich deshalb zur Ruhe setzt von Sex und Liebe, die zweite scheitert, weil er selbst unterdes in den vierzigern ist, langsam ein Gesicht ausbildet und - ausgerechnet beim Gruppensex einer Klonsekte - von seiner zweiundzwanzigjährigen Freundin verlassen wird. Das Altern, mit dem die domestizierte Natur zurückschlägt gegen ihre Beherrschung, ist die große Idiosynkrasie dieses Buches, in dem sich die "Alten", die hoch in den vierzigern sind, massenhaft umbringen.

In der narrativen Linienführung präsentiert sich das neue Modell Houellebecq natürlich neu, ja sogar futuristisch. Der Roman spielt in Spanien, einem Land, das in wenigen Jahren aus der katholisch-autoritären Vergangenheit in die hedonistisch-globalisierte Gegenwart geglitten und nun seinen nördlichen Nachbar so ähnlich geworden ist wie ein Seat einem Golf. In nachlässigem Aufgriff bewährter Science-fiction-Gattungstraditionen erzählt der Autor mit seinem Buch abwechselnd von der Gegenwart und einer fernen Zukunft: Unsere Welt von Sex und Fun und Suche nach ewiger Jugend ist nach einer Klimakatastrophe (nichts Genaues weiß man nicht) verschwunden, von ein paar verstreuten Wilden abgesehen. Überlebt hat der geklonte, unsterbliche Neo-Mensch, dem mit dem Leid und dem Altern alle Gefühle und menschlichen Regungen abhanden gekommen sind und der nur noch elektronisch mit den anderen Neumenschen kommuniziert.

Daniel24, der Neo-Mensch, blickt aus der Zukunft zurück auf seinen genetischen Prototyp Daniel1, der in unserem Heute lebte und einen Lebensbericht hinterlassen hat. Alle Prototypen haben Lebensberichte hinterlassen, so auch Marie1, die in Marie 23 weiterlebt. Und da, wir ahnten es schon, die gefühlsfreien Klonmenschen keineswegs glücklich sind, sondern konstant apathisch und depressiv in ihrer Ewigkeit, machen sich Daniel25 und Marie23 schließlich auf, um eine Insel, ein unbekanntes Paradies zu suchen, das sie bei Lanzarote vermuten, wohl, weil Houllebecq darüber schon einmal ein Buch geschrieben hat.

Futuristischer Mutwille hat leicht etwas Blutleeres, Gewolltes. Die besten Passagen des Romans finden sich denn auch im fiktiven Bericht von Daniel1, dem sexbesessenen Zyniker, der, als Künstler reich geworden, mit seinem Mercedes und seinem Fox durchs heutige Spanien rast, boshaft grantelt, Gott und die Welt und den Islam beschimpft und mit blöden deutschen Kapitalrentnern Kirschwasser säuft. Houllebecq hat dieser Figur nicht nur heimlich etwas von sich mitgegeben, sondern sie ist geradezu als autobiographische Zurschaustellung geplant, freilich nicht auf Ehrlichkeit versessen, sondern auf wirksame Entblößung, die, wie weiland bei Eulenspiegel, vor dem Arsch nicht Halt macht.

Soviel Erstaunliches ist also nicht in diesem Roman, weder, was die Themen angeht, noch was die Form betrifft. Das Erstaunliche ist, dass alle ihn wollen, dass Houellebecq wie ein Fußballstar für 1,5 Millionen den französischen Verlag wechselte, dass die französische Erstauflage 200.000 Exemplare beträgt, die deutsche immerhin 40.000. Erstaunlich, dass das Buch in Paris und Berlin und London und Rom und Amsterdam zugleich am 31. August erscheint und jetzt schon einen Medienrummel ausgelöst hat, der zwischen Marquez und Harry Potter liegt. Sicher, da ist Marketing am Werk, aber der Erfolg ist damit nicht erklärt. An Houellebecqs Büchern fasziniert eben das, was gerade in diesem letzten Roman sich als seine Obsession outet: die provozierende Jugendlichkeit. Man steht ihm als Leser gegenüber wie Eltern oder Lehrer einem klugen Sechzehnjährigen mit Restspuren von Akne, der gerade entdeckte, dass die Welt keinen Sinn hat, dass es keinen Gott gibt, Religion auf Illusion basiert, Politik auf Macht und sogar die Liebe vergeht. "Warum bringt ihr Euch nicht um?" Solche Sechzehnjährigen haben immer Recht. Wirklich. Und immer auch ein bisschen Unrecht, weil der Blick starr aufs Absolute gerichtet ist. Houellebecqs Radikalismus fasziniert nun aber nicht dadurch, dass er bis ans Ende geht, wie der von Sarah Kane, sondern dass er zynisch sein will und lümmelig daher kommt. Houellebecq sagt eben, was zivilisierte Erwachsene ungestraft nicht sagen dürfen, so von der Art dass Merkel Scheiße aussieht, Assis bekloppt sind und endlich ein rentnerfreier Samstag eingeführt werden sollte. Was ja irgendwie auch stimmt. Irgendwie. Man kann Houellebecqs Sprüche antisemitisch, frauenfeindlich, kinderfeindlich, menschenfeindlich nennen. Stimmt auch irgendwie. Vor allem aber klingen sie nach Jugend.

Wenn das stimmt, dann versteht man besser, warum Houellebecq diese ekeldurchsetzte Angst vor dem Alter hat: Die schnoddrige Radikalität, deren Ernst man einem sechzehnjährigen leicht abnimmt, weil sie so eng an wirkliche Verzweiflung grenzt, die wirkt bei einem fünfzigjährigen steuerflüchtigen Mercedesfahrer anders, unfreiwillig komisch, ungefähr so, wie eine Fünfzigjährige, die bauchfrei geht oder der alte Keith Richard, der noch einmal Satisfaktion spielt. Aber dieses Mal wird es wohl noch gut gehen. Wenn Mutter und Tochter die gleichen Jeans kaufen, Opa Baseballkappen trägt, Omi bequem auf Nike-Air geht, dann fällt es nicht auf, wenn Vater sich literarisch die Kur machen lässt von einem alternden Lümmel, der ihm erzählt, dass nichts mehr abgeht, ey.

Ein schlechtes Buch also? Keineswegs. Nicht schlechter als die vorausgehenden. Es ist eine höchst fragwürdige Kritikerstrategie, Autoren erst hochzujubeln und dann abzuschießen, wie es im Falle Houellebecqs zumindest in Frankreich jetzt zu sein scheint. Streckenweise ist Die Möglichkeit einer Insel sogar richtig witzig. Nur leider ein bisschen lang. Aber im Alter dauert ja alles länger, auch beim Gruppensex. Dieses Gefühl, mein Gefühl, das Buch sei streckenweise langatmig, liegt nicht nur an der Erzählstruktur und auch nicht unbedingt an Reflexionsüberhang. Es liegt daran, dass es aufs Große und Ganze hinaus will und sich nur selten die Mühe macht, im Hiersein die Spuren, die Vermischungen, Veränderungen dessen aufzusuchen und zu beschreiben, was sich auf keiner Insel wird finden lassen.

Alle Erfahrung zeigt übrigens, dass totale, idiosynkratische Negation der Wirklichkeit nicht lange auszuhalten ist. Entweder man stirbt jung mit ihr, oder sie schlägt gern in totale Affirmation um. Mit "Hiersein ist herrlich" wird es wohl bei Houellebecq in Zukunft nicht abgehen. Ich tippe, was den nächsten Roman angeht, mehr auf Sekte, Offenbarung, etwas Methaphysisches, streng Positives jedenfalls. Hoffen wir - doch, doch, soviel Hoffnung muss sein -, dass unser Autor auch im nächsten Buch die Insel nicht findet.

Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. DuMont, Köln 2005, 448 S., 22,90 EUR


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