Reimen für acht Prozent

Tarifstreit im Schatten der Krise Die IG Metall erinnert an die Gewinne der Vergangenheit, die Arbeitgeber malen eine düstere Zukunft

Von der Isar bis zur Spree, wir wollen mehr im Portemonnaie." Ein Reimwettbewerb ist nicht das erste, was man von einer Gewerkschaft in einer Tarifrunde erwartet. Dass die IG Metall tatsächlich ihre Mitglieder aufruft, zur Feder zu greifen, hat vielleicht etwas mit den außergewöhnlichen Bedingungen zu tun, unter denen einen neuer Lohnabschluss verhandelt werden muss. "Wenn nicht jetzt", fragt ein Kollege in seinem Zweizeiler, "wann dann?"

Die Gegenfrage liegt nahe: Warum ausgerechnet jetzt? Die Finanzmärkte sind von der schwersten Krise seit Jahrzehnten getroffen, die Signale für eine Weltrezession mehren sich. Kann die Gewerkschaft in einer solchen Situation ihre Forderung nach acht Prozent mehr Gehalt aufrecht erhalten, die höchste seit 16 Jahren? Ja, lautet die Antwort von IG-Metall-Chef Berthold Huber, es gebe "nichts zu korrigieren".

Der Chef des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Jan Stefan Roell, sieht das anders und hält der Gewerkschaft entgegen, ihre Forderung passe "überhaupt nicht in diese Zeit". Was noch höflich formuliert ist, wenn man sich an die Tirade von Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser erinnert, welcher der IG Metall schon zu einem Zeitpunkt vorwarf, "nicht mehr alle Tassen im Schrank" zu haben, als die Finanzkrise noch als alleiniges Problem der USA betrachtet wurde.

Es gibt, wenig überraschend, einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Herangehen der Gewerkschaft und jenem der Arbeitgeber. Letztere verlassen sich auf eine einfache Strategie. Nach dem ersten Hauptsatz der Tarifdynamik muss die Zukunft der Branche in düsteren Farben gezeichnet werden. Der zweite lautet: "Wir reden nicht über die Gewinne der Vergangenheit."

Die Gewerkschaft argumentiert umgekehrt: Noch seien die Folgen der Krise für die Realwirtschaft gar nicht abzusehen. Von jenen Experten, die nun eine Wirtschaftskrise von historischen Ausmaßen vorhersagen, hält Huber ohnehin wenig. Sein bestes Argument verdeutlicht ein Rückblick: 2007 schossen die Nettogewinne in der Branche um 37,5 Prozent nach oben, zwischen 2003 und 2007 stiegen sie von 14,9 Milliarden Euro auf 47,7 Milliarden Euro. Die Entwicklung der Löhne kam da nicht mit - und das, obwohl in der Metall- und Elektroindustrie mit ihren bundesweit rund 3,6 Millionen Beschäftigten nicht die schlechtesten Tarifergebnisse erzielt wurden. "Da hat sich was aufgestaut", wird Huber zitiert, man brauche "endlich eine Korrektur".

Die Forderung der IG Metall enthält - neben der üblichen Summe aus Produktivitätssteigerung und Inflationsausgleich - in diesem Jahr auch so etwas wie eine Gerechtigkeitskomponente. Anfangs hielten die Arbeitgeber dem entgegen, die Lohnaus­einandersetzung dürfe nicht zu "einer Tarifrunde der Gefühle werden". Dann schlug die Finanzkrise durch und gab ein neues Argument in die Hand. "Acht Prozent sind eine Illusion", sagt Kannegiesser nun, die Erwartungen der Beschäftigten müssten angesichts der Erschütterungen "neu justiert werden".

Die Rechnung der Metall-Arbeitgeber: Die Unternehmen lebten zu 80 Prozent von Investitionsgütern, nur 20 Prozent werden an inländische Konsumenten verkauft. Viele Aufträge könne man nur bekommen, wenn zugleich eine Kreditfinanzierung angeboten wird - Darlehen aber hätten sich deutlich verteuert, wenn man überhaupt noch welche bekommt. In dieser Lage bleibe "kurzfristig keine andere Möglichkeit, als die Kosten zu senken", sagt Kannegiesser, womit vor allem die Personalkosten gemeint sind.

Da kommt es dem Mann von Gesamtmetall nicht ungelegen, dass in der Branche bereits erste Produktionspausen verhängt wurden - bei Opel zum Beispiel. "Krise trifft Auto-branche" lauteten die Schlagzeilen. Aber welche Krise war gemeint? Absatzsorgen plagen die Hersteller nicht erst seit gestern. "Teils waren Produktionsstopps schon lange angekündigt", sagt der IG-Metall-Bezirksleiter von Nordrhein-Westfalen, Oliver Burkhard. "Diese auf die aktuelle Entwicklung zu beziehen, ist nicht redlich."

Das absehbare Ende des Konjunkturzyklus und die aktuelle Finanzkrise - beides hat viel miteinander zu tun. Der Aufschwung war der erste in der Nachkriegsgeschichte, der bei den Lohnabhängigen nicht angekommen ist. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von 2004 bis 2007 zwar um knapp acht Prozent. Der private Konsum aber stagnierte mit einem mageren Plus von einem Prozent - und konnte so die Konjunktur im Inland nicht stützen. Anzeichen dafür gab es bereits im vergangenen Jahr, lange vor der Finanzkrise, die erst ab Spätsommer 2008 auf die hiesige Realwirtschaft durchzuschlagen begann.

Wenn die Binnennachfrage schwach ist, müssen Firmen für die produzierten Waren Absatz im Ausland finden. Vor allem die USA saugten zuletzt die Produktionsüberschüsse ab - auf Basis einer enormen Verschuldung privater Haushalte, die nicht nur ihre Häuser mit Hypothekendarlehen finanzierten, sondern auch den Kauf eines neuen Autos. Bis die Blase platzte.

Die Finanzkrise verstärkt nun einen konjunkturellen Abschwung, der durch eine robustere Binnennachfrage weniger deutlich ausgefallen wäre. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger geht davon aus, dass schon ein Lohnplus von jeweils einem Prozent mehr in den zurückliegenden Jahren zu einer weitaus besser balancierten wirtschaftlichen Entwicklung geführt hätte.

Es war womöglich auch ein Fehler der IG Metall: Als der Konjunkturzeiger noch nach oben wies, hätte sie mehr herausholen können. In der letzten Tarifrunde standen 6,5 Prozent auf dem Wunschzettel der Gewerkschaft - die tatsächliche Lohnerhöhung betrug schließlich 4,1 Prozent für das vergangene und 1,7 Prozent für dieses Jahr. Während der Laufzeit des Abschlusses erzielten die Unternehmen die höchste Umsatzrendite seit fast 30 Jahren.

Die Beschäftigten kennen die Bilanzen ihrer Arbeitgeber inzwischen ganz gut. Welche Auswirkungen das für ihre Bereitschaft hat, für einen hohen Lohnabschluss auch in einer Situation zu streiten, in denen allerorten mit der Krise argumentiert wird, bleibt ebenso abzuwarten wie das Agieren der Gewerkschaftsspitze.

Ende des Monats läuft der Tarifvertrag aus. Kommt vorher keine Einigung zustande, sind dann auch Warnstreiks möglich.

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