Reise

Exil Najem Walis Roman "Die Reise nach Tell al-Lahm"

Als US-Außenminister Colin Powell Anfang Februar 2003 vor den UN-Sicherheitsrat trat, schlüpfte er in die Rolle des Geschichtenerzählers. Vor dem höchsten Gremium der Weltgemeinschaft breitete er eine Kette von Erzählungen aus: von verbotenen Waffen, verborgenen Labors, von Helden und Schurken. Ein Jahr später stellte sich heraus, dass fast alles falsch war. Welche Geschichten soll man glauben über den Iran?

Der 1956 in Bagdad geborene Schriftsteller Najem Wali gehört nicht zu den originären Kritikern Colin Powells. Erst kürzlich hat sich der Autor, der nach dem Ausbruch des Iran-Irak-Krieges ins deutsche Exil ging und seitdem für die Deutsche Welle und die arabische Tageszeitung Al-Hayat arbeitet, vehement die Verurteilung Saddam Husseins gefordert. Er hat ihn einen "Henker" und eine "menschliche Bestie" genannt. In der einzigen fragwürdigen Passage seines neuen Buches Die Reise nach Tell al-Lahm stellt ihn Walis Protagonist sogar in eine Reihe mit Hitler und Stalin, ähnlich schief wie einst Hans-Magnus Enzensberger. Doch den Geschichten Powells hätte Wali vermutlich auch nicht auf Anhieb geglaubt. Denn wenn man eine Quintessenz aus seinem Roman ziehen kann, dann die, dass die Geschichten, die man zu hören bekommt, nie die wahre Geschichte enthalten und immer noch eine andere dahinter steckt. Und niemand der ist, der er zu sein vorgibt.

Walis Protagonist trägt den gleichen Namen wie sein Autor - Najem - ein deutlicher Hinweis auf eine autobiographische Spiegelung. Als dieses Alter Ego aus dem ersten Golfkrieg, dem Krieg seines Landes gegen Kuwait, zurückkehrt, stellt er fest, dass seine Frau Wadschiha mit dem Hahnenbändiger und Palmenkletterer Asiyad Lüti durchgegangen ist. Mit seiner Nachbarin, Lütis Ehefrau Ma´ ali, macht er sich auf in die geheimnisvolle Stadt Tell al-Lahm im Süden Iraks, um sie zu suchen. Doch je weiter die Reise geht, um so größer wird die Verwirrung. War er zu Beginn der Reise schon an "einem Ort, der eher Wahn als Wirklichkeit" war, hat er zum Schluss der Reise sogar allen Grund, an Ma´alis Identität zu zweifeln.

Najem Walis Roman bezieht seine Faszination aus dem Gegensatz, dass die Reise die beiden vorwärtstreibt und die Erinnerungen, die sie dabei aufrufen, sie zurücktreiben. Die Nachbarin und ein allwissender Erzähler fungieren dabei abwechselnd nach dem Prinzip Scheherazade: immer muss erst noch die Geschichte eines der Beteiligten erzählt werden, sukzessive verschränken sich die Leben aller Beteiligten.

Zugleich ruft Wali so das Bild des Irak der achtziger Jahre auf. Es ist die Zeit Saddam Husseins, der aber nie namentlich genannt wird. Stets heißt er "notwendiger Führer". Es ist ein Land voll Misstrauen, voll offener und geheimer Gewalt. Noch die engsten Freunde entpuppen sich als Geheimdienstler oder Abtreibungs-Kurpfuscher, die den Frauen notfalls auch die Jungfernhäutchen nach dem vorehelichen Geschlechtsverkehr wieder zunähen. In Walis fiktivem Irak ist selbst die Liebe kaserniert. Iftaim Pay Day, die oberste Puffmutter des Landes, herrscht über ein System staatlicher Bordelle, genannt "neue Häuser für den notwendigen Dienst".

Der Irak als Alptraum: Wali fasst diese Zeit oft so aberwitzig ironisch, dass die Schreckensherrschaft gelegentlich die Züge einer Operettendiktatur annimmt. Wenn der Herrscher im südirakischen Qurna, am Zusammenfluss von Euphrat und Tigris, eine Parade unter dem - der Legende nach - Baum des Paradieses abhält, muss man unwillkürlich an eine Lubitsch-Komödie denken, auch wenn alles blutig endet. Diese burleske Kraft macht die Abrechnung mit dem gestürzten Schlächter von Bagdad und das Manifest gegen die Diktatur, das in Die Reise nach Tell al-Lam steckt, andererseits so gut lesbar. Kein Wunder, dass das Buch sofort in Saudi-Arabien, Kuwait, Syrien, Ägypten, und Jordanien verboten wurde.

Trotzdem hat dieser Roman einen ernsten Kern. Er ist das mitreißende Dokument einer Beschädigung. Najems Hochzeit mit Wadschiha am 22. September 1980 (einen Monat vor der Flucht des realen Najem aus dem Irak) fällt zusammen mit der Kriegserklärung des Irak gegen den Iran. Von da an ist ihr ganzes Leben unaufhörlich von Waffenlärm begleitet, ständig drohen Luftangriffe, die Massenmedien erklären den Krieg zur "höchsten Wahrheit". Najem empfindet zwar ein klammheimliches Glücksgefühl beim irakischen Einmarsch in Kuwait. Aber er merkt: "Der Krieg hatte durch einen einzigen Stoß vollkommen ausgelöscht, was sich in Jahrzehnten und Jahrhunderten entwickelt hat: die Formen unseres Lebens, unseres Umgang und unserer Kultur". Mit der Schlussszene wird das Buch endgültig zur zeitlosen Metapher. In der Wüstenstadt Tell al-Lahm pendeln die Gestrandeten der Kriege und der Diktatur zwischen dem "Hotel der Ratlosen" und dem "Cafe Hoffnung" - zusammen mit der endlosen Reise ein Sinnbild des Exils, in dem sich der Autor seit 24 Jahren befindet: Sodom ist verbrannt. Auf der Suche nach der verlorenen Heimat hat er kürzlich seinen ersten Reisebericht durch den Irak nach dem US-Angriff genannt.

Sätze wie "Die Gegenstände pulsierten vor Leben, die Geheimnisse seufzten. Jedes Ding hat sein Geheimnis, und zuweilen gleiten sie ineinander", erinnern an den magischen Realismus eines Gabriel Garcia Marquez. Hier wie da funktioniert der bildmächtige, verrätselte Roman als rückholende Erinnerung einer vergangenen Zeit - mit dem negativen Patriarchen Hussein in der Mitte. Wie schon die Autorin Mona Yahia in ihrem Buch Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom, der die Vertreibung der Juden aus dem Irak der fünfziger Jahren schildert (Freitag 42/2002), ruft auch in Die Reise nach Tell al-Lahm ein Autor nachträglich ein Land auf, in dem er nicht mehr lebt - wie fast immer in der unabhängigen arabischen Literatur.

Doch in der Summe ist Walis Buch mehr eine großartige Mischung aus postmoderner Reflexion über das Erzählen und vitaler Erzählkraft selbst. Zwar ist auch von geheimen Lagern für chemische und biologische Waffen die Rede. Wali führt die Leser auf einen abenteuerlichen Irrweg zu den unter Wasser gelegenen Bauten des geheimnisvollen Dschassaniya-Fisches, von dem Asiyad Lüti dem Diktator zur Besänftigung ein Exemplar aus dem Euphrat fischt und als Trophäe vor die Füße wirft. Doch das ist auch nur eine jener Geschichten Walis, in denen Fiktion und Realität längst unentwirrbar verschmolzen sind. "Vielleicht bringen Geschichten", resümiert Najem nach einer durcherzählten Nacht mit der vermeintlichen Ma´ ali eine alte arabische Poetologie, "Menschen einander näher." Wie gefährlich diese humanistische Idee mitunter allerdings werden kann, hat der Geschichtenerzähler Colin Powell bewiesen.

Najem Wali: Die Reise nach Tell- al-Lahm. Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien. Hanser, München 2004, 320 S., 19,90 EUR


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00:00 08.10.2004

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