Reise nach München

Whiskeytrinker Günter Ohnemus´ Roman "Als die richtige Zeit verschwand"

Günter Ohnemus ist der profilierteste Vermittler und Kenner amerikanischer Literatur in Deutschland, ein überaus witziger short-story-Schreiber und seit 1998 nun auch im Schwergewichtsfach Roman aktiv. Wobei er letzterem vermutlich widersprechen würde, denn seine Texte zeichnen sich eher durch leichte Schwebstoffe als durch schwere Gangart aus. Auch sein Romandebüt Der Tiger auf deiner Schulter (1998) bestach als bezaubernde Variation des ewig jungen Motivs der ersten Liebe, ganz im Stil des Altmeisters J. D. Salinger. Mit seiner Reise in die Angst (2002) erweiterte Ohnemus sein literarisches Spektrum durch kriminalistische Elemente, indem er den Taxifahrer Harry Willemer kurzerhand zum Kontrahenten russischer Mafiosi avancieren ließ. Nun legt er mit Als die richtige Zeit verschwand eine Fortsetzung dieses Road-Krimis vor und nutzt diesen Handlungsfaden parallel als Folie für eine Hommage an München, eine Analyse der amerikanischen Gesellschaft und für altersbewegte, wehmütige Reminiszenzen an jugendliche Zeiten und Lieben.

Erzählt wird vom abgehalfterten Drehbuchschreiber Robert "Bobby" Schirmer, der von seiner alten Freundin Susannah aus seinem 20 Jahre währenden USA-Exil nach München gelotst wird. Diese ist mit Aktiengewinnen reich geworden und hat einen Teil des Geldes in ein noch unveröffentlichtes Drehbuch Roberts investiert, damit es - wie er nach seiner Ankunft erfährt - auch weiterhin der Öffentlichkeit vorenthalten bleibt. Susannah ist nämlich in Harry verliebt und möchte diesen vor der Rache der Gangster schützen. Da aber Robert in seinem Drehbuch seinen Figuren, die wie Harry auf der Flucht sind, geheimen Unterschlupf in Nordirland gewährt, will Susannah diese Option, die sie auch im Falle Harrys für wahrscheinlich hält, gar nicht erst in die Jagdpläne der russischen Verfolger einfließen lassen. Das klingt schon reichlich abstrus, bedenkt man die Lektüren russischer Verbrecher. Und dann: Nordirland? Das ist so plausibel wie Tadschikistan. Später, sehr spät, kommen dann noch eine entführte Tochter, verschlafene Staatsschützer und eiskalte Killer im Englischen Garten von München hinzu, ein merkwürdig uninspirierter Abgang von Bobby Schirmer, der sich zuvor unversehens als Agententalent entpuppt hatte.

Diese Rahmenhandlung ist für den Roman so nötig wie ein Kropf. Man kann sich nach der Lektüre nicht des Eindrucks erwehren, als wären hier mit Gewalt zwei Romanentwürfe zusammengezwängt worden. Da ist einmal die Geschichte des in die Jahre gekommenen Alkoholikers, der in Hollywood mit eigenen Drehbüchern gescheitert ist und sich als "Filmdoktor", als Umschreiber von Szenen und Dialogen, über Wasser gehalten hat. Seine Frau Carol hat ihn wegen des Trinkens verlassen, und seine berufliche Existenz wurde zerstört, als er, der sonst kein Kostverächter war, es abgelehnt hatte, mit einer erfolgreichen Produzentin (und Arbeitgeberin) zu schlafen. Die finanzielle Hilfe Susannahs durch den Ankauf des Drehbuchs und ihre Einladung an ihn, seine Heimatstadt München zu besuchen, retten ihn aus einer tiefen Misere. Schirmer taucht wieder ein in sein Kindheitsparadies ("ich war das erste antiautoritär erzogene Kind der Bundesrepublik Deutschland"), erinnert gruslige Internatszeiten und vor allem sein Warten und Waten im "aphrodisischen Strom", der ihm zur Lebensader werden sollte.

Schwindlig lässt er sich durch München treiben und denkt an die "Zeit mit Una", die ihn vor 40 Jahren ansprach, weil sie Angst hatte, "dass das jetzt die richtige Zeit ist und daß sie einfach verschwindet, ohne dass was passiert". Er denkt an den prachtvollen Körper von Nancy und an das Model Sharon mit der Baptistenstimme, möchte mit einer Japanerin ein "bißchen Vereinte Nationen spielen" und provoziert eine Inderin so sehr, dass sie in Ohnmacht fällt. Bobby ist der Prototyp des "lonesome riders", am letzten Kriegstag oder ersten Friedenstag gezeugt, Whiskeytrinker und Kinogänger, exzessiv in allem, was er tut, ein Spezialist für Selbstzerstörung und auch ein wenig wehleidig. Das klingt nach einem Alterswerk, trotz aller Lakonie. Schön sind vor allem die Passagen, in denen Bobby und seine Tochter Allie an gemeinsame Zeiten zurückdenken, an den Geruch von Curry, das ungeheuer blaue Meer, auf das die Sonne scheint, und den linken großen Zeh von Allie. Hier ist der Autor ganz bei sich, in seinem Element, mal sentimental, mal komisch, dann wieder direkt und politisch. Kleine Preziosen reihen sich aneinander, voller Leben und Wärme, konzentriert auf die Frage: "Was hast du mit deiner Zeit gemacht?"

Als Kind las Bobby Balzacs Tante Lisbeth, und "als er zu schreiben anfing, nahm er sich vor, immer so zu schreiben, dass auch Fabrikmädchen seine Sachen verstehen konnten". Dieser Devise zeigt sich auch Günter Ohnemus verbunden, sehr zum Vorteil des Romans. Aber all jene Essenzen, die ihn zum Krimi aufpeppen sollen - vom 11. September angefangen bis hin zum verunglückten Showdown am Ende - verpanschen jenen Drink, den wir mit Bobby Schirmer und Günter Ohnemus so gerne getrunken hätten.

Günter Ohnemus: Als die richtige Zeit verschwand. Roman. Droemer, München 2005. 331 S., 19,90 EUR


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00:00 12.05.2006

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