Reisen, sehen, zerstören

Reisen Die Tourismusbranche will uns für virtuelle Trips oder Eskapaden ins Umland begeistern. Der Trend geht in die andere Richtung
Reisen, sehen, zerstören
Reisen ohne Fortbewegung ist wie Tauchen ohne Schnorchel

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Vom Reisen und von Buchmessen bekomme ich Verstopfung. Deshalb reise ich nicht und gehe folglich auch auf keine Buchmesse.

Stanislaw Lem

Für die Zeit hatte ich 2004 das Vergnügen, mit Stanislaw Lem in Krakau zwei seiner letzten Interviews zu führen. Darin brachte der Science-Fiction-Autor seine Abscheu vor dem Reisen klar zum Ausdruck, indem er eine kühne Prognose wagte. Lem war überzeugt, dass es in naher Zukunft eine Zeit geben würde, in der Menschen nicht mehr körperlich verreisen würden. Mit dem, was er „totale Phantomisierung“ nannte, prognostizierte Lem etwas, das heute als virtuelles Reisen bezeichnet wird. Dass seine Prognose bereits im Jahr 2020 durch ein Virus wahr werden würde, hätte Lem sicherlich überrascht.

SARS-CoV-2 zwang die bislang hochprofitable Reiseindustrie in die Knie. Eine kapitalistische Wunscherfüllungsmaschine, die uns Flügel verlieh und ferne fremde Welten verfügbar machte. Ein Wirtschaftszweig, der uns massenhaft Heilsversprechen verkaufte und gleichzeitig für menschenleere Paradiese warb. Die wurden nun ausgerechnet durch ein Virus verwirklicht. Nur sind die menschenleeren Berge und Strände derzeit kaum erreichbar.

In den Think-Tanks der globalen Reiseindustrie zerbricht man sich den Kopf, wie man die pandemiebedingte Reisekrise mithilfe neuer oder optimierter Technik überwinden könnte. Auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB), die nächste Woche rein virtuell stattfindet und nur für Fachbesucher zugänglich ist, wird auch das bereits von Stanislaw Lem prognostizierte virtuelle Reisen beworben. Doch wen das Fernweh wirklich sinnlich packt, möchte allenfalls sein Reiseziel durch eine VR-Brille lebensecht vorab im Reisebüro in Augenschein nehmen. Vielleicht um zu überprüfen, ob der versprochene freie Blick aufs Meer tatsächlich möglich ist.

Wie sehr wir uns nach analogen, wirklichen und sinnlich erfahrbaren Reisen sehnen, zeigt eine dieser Tage viel zitierte Umfrage des Hotelsuchportals Trivago, wonach 38 Prozent der befragten US-Amerikaner und 40 Prozent der Briten ein Jahr lang auf Sex verzichten würden, wenn sie denn dafür sofort verreisen dürften.

Feuchtfröhlich in Sansibar

Da in Zeiten von Corona so vieles in den virtuellen Raum verlagert wird, sind wir all der Simulationen, des Virtuellen und auch des Live-Streamings längst überdrüssig. Ähnlich verhält es sich mit all den technischen Reiselösungen, die keine wirkliche Entsprechung in der Sinneswelt haben. Und so liegen selbst die hochfliegenden Träume eines Elon Musk (SpaceX) und eines Richard Branson (Virgin Oceanic und Virgin Galactic) derzeit auf Eis.

Die Herren Milliardäre, die kommerzielle Reisen ins Weltall ebenso ermöglichen möchten wie das touristische Erschließen der tiefsten Meerestiefen, bitten derzeit um Corona-Nothilfen und Staatshilfe. Diese finanzielle Hilfe, die als Investitionsförderung beantragt wird, nährt aber allenfalls die Träume elitärer Touristen, die für sechs Minuten suborbitale Schwerelosigkeit 200.000 Dollar hinblättern können.

Die Touristikbranche steht derzeit vor ganz anderen Herausforderungen. Orbitale Fernreisen, eTravel und virtuelles Reisen sind für von der Corona-Krise gebeutelte Hoteliers, die sich derzeit täglich mit neuen Hygienekonzepten auseinandersetzen müssen, keine Lösung. Tatsächlich bieten Reiseverlage und Reiseanbieter derzeit vermehrt das genaue Gegenteil an: lokale Mikroabenteuer oder Eskapaden ins Umland, Heimatmomente und anstatt Vacation heißt es nun eben Staycation. All das sind neue lokale Trends und Konzepte, die uns auf etwas nachhaltigere, sanftere und achtsamere Art in den kostbarsten Wochen des Jahres für die Demütigungen und Zumutungen des Alltags entschädigen wollen. Viele Reiseanbieter schwenken jetzt um auf regional, slow und respektvoll.

Doch der tatsächliche Tourismus richtet sich nicht allein nach den Hoffnungen und Forderungen der Branche, sondern entwickelt sich nach den wirtschaftlichen, letztlich aber ökologischen und klimatischen Gesetzen der Welt. Und während sich die Tourismusindustrie mit Neologismen müht und lokale, kostengünstige und kurze Abenteuerangebote produziert, sind längst unheilvolle touristische Trends entstanden, die als Indikatoren des tatsächlich desaströsen Zustands der Reisebranche und der Welt gelten können.

Einer dieser unheilvollen Trends ist der Leugnungstourismus. Die Regierung von Tansania leugnete bis vor wenigen Tagen die Existenz von SARS-CoV-2 in ihrem Land und schuf so auf der Insel Sansibar eine realitätsfremde Parallelwelt. Nachdem die Insel für Corona-frei erklärt worden war, schossen die Einreisezahlen vor allem von russischen Touristen rasant in die Höhe. Urlauber, die ebenfalls in der Mehrzahl das Coronavirus leugneten oder einfach falsch informiert wurden, feierten seit Monaten feuchtfröhliche Massenpartys an weißen Stränden. Erst vor wenigen Tagen, als der tansanische Vizepräsident am neuen Coronavirus verstarb, gestand die Regierung (teilweise) ein, ein Problem zu haben.

Die Exzesse der Tourismusindustrie und die Unverfrorenheit, mit der der zahlungskräftige Teil der Weltbevölkerung in den vergangenen Jahren zu Schnäppchenpreisen Billigflieger bestieg, erreichten bereits vor der Corona-Pandemie ein Maß an Dekadenz, das alle Erkenntnisse über den Klimawandel leugnete oder einfach ignorierte. Und aufgrund dieser Ignoranz wird es auch nach dem pandemiebedingten Reise-Lockdown weltweit – allen Mikroabenteuern und nachhaltig bewusst reisenden Slow-Travel-Touristen zum Trotz – unheilvoll weitergehen.

2014 gab es weltweit 1,09 Milliarden Touristen. Fünf Jahre später waren es bereits 1,46 Milliarden. Ein Zuwachs um fast fünfzig Prozent, der vor allem auf chinesische und indische Reisende zurückzuführen war. Der weltweite Reisemarkt wird längst nicht mehr vornehmlich von Amerikanern und Europäern bestimmt. Prognosen für 2030 gehen weltweit nach wie vor von 1,8 Milliarden Touristen aus.

All diese Reisenden wünschen sich authentische Kultur und unberührte Natur. Doch in vielen Ländern weicht die Utopie vom Paradies neben kulturellen Verlusten und politischen Verwerfungen – siehe das jüngste Beispiel Myanmar – zunehmend menschengemachter Umweltzerstörung.

Der zweite unheilvolle Tourismustrend, der sich seit mehr als einem Jahrzehnt abzeichnet, kommt auf den ersten Blick im Tarnmantel des Ökotourismus daher. Wer erinnert sich nicht an die Bilder aus dem Jahr 2007, als die Bundeskanzlerin Angela Merkel als Ökotouristin im roten Anorak gemeinsam mit Eisbär-Knut-Pate Sigmar Gabriel die Folgen der Erderwärmung in Grönland besichtigte?

Erleben, „bevor es zu spät ist“

Da die wildesten und ökologisch wichtigsten Orte der Welt vielleicht bald nicht mehr existieren werden, empfahl die New York Times 2019 dem Klimawandel „Priorität“ einzuräumen und ihren Klimatouristen das Erleben von 52 Destinationen „bevor es zu spät ist“. Man empfahl guten Gewissens Reisen zu den Letzten ihrer Art, also zu Sumatra-Nashörnern, Eisbären, Orang-Utans, in naher Zukunft überschwemmten Südseeinseln sowie den letzten Urwäldern und Gletschern des Planeten. Solche Reisen werden nach wie vor in der deutschen Sprache mit dem Wort Ökotourismus abgedeckt. Aber dieser Begriff ist irreführend und falsch, wenn bedrohte Naturwunder und der Tod von Ökosystemen besichtigt werden. Auch der bislang von der Bild-Zeitung für solche Reisen verwendete dramatische Begriff Endzeittourismus ist nicht korrekt, da religiös besetzt.

Weil es in der deutschen Sprache für Reisen zu absterbenden ökologischen Systemen und den Letzten ihrer Art bislang keine eindeutige Bezeichnung gibt, möchte ich hier den Begriff Ökonekrotourismus einführen. Denn genau darum handelt es sich bei dieser Art von Tourismus, der die Besichtigung der letzten Korallenriffe des Great Barrier Reef, der letzten Zedernwälder des Libanon oder der letzten Elefantenschildkröten auf den Galápagos-Inseln zum Ziel hat. Obwohl die Erfahrung, die die Reisenden machen, selbst transformierend sein könnte, ist Ökonekrotourismus per se zerstörerisch und verschärft das Verschwinden der Arten und den Klimawandel – allein durch den Ausstoß an Treibhausemissionen oder das Abholzen nepalesischer Wälder für Trekking-Ökotouristen.

Um das berühmte Bonmot Hans Magnus Enzensbergers etwas abzuwandeln: Auch der Ökonekrotourist zerstört das, was er sucht, indem er es findet.

Joscha Remus ist Reiseschriftsteller und Wissenschaftsjournalist

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06:00 13.04.2021

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