Reisender durch die Niemandsbucht

Erkenntnistrinker Zum 60. Geburtstag von Peter Handke

Wenn Peter Handke in diesen Tagen sechzig Jahre wird, dürfte man Zeuge eines vertrauten Rituals des hiesigen Feuilletons werden. Die Vorreiter von Aufklärung und Entertainment werden sich an dem ehemaligen Liebling der literarischen Musen und Geschäftsleute abarbeiten. Nur die dem Literaturpapst abtrünnigen Anhänger unabhängiger Kritik werden einigermaßen wirkungsvoll Widerspruch einlegen - aber alles im Rahmen der Usancen des Betriebs, versteht sich. Arte wird nicht einen Themenabend, aber immerhin eine mitternächtliche Dokumentation senden (Titel: Der schwermütige Spieler), und in Klagenfurt haben bereits der gerade mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnete Jubilar und seine Exegeten zu den Klängen der von Amina Handke aufgelegten Musik getanzt. Eine kleine Klassizität wird dem österreichischen Schriftsteller zugestanden werden, dem Urheber der angenehm provokativen Publikumsbeschimpfung, mit der er Theatergeschichte schrieb. Dem Autor der sprachphilosophischen Tormanngeschichte oder der Erzählung vom Selbstmord der eigenen Mutter, der Handke den Titel Wunschloses Unglück gab.

Sehr viel interessanter wäre es jedoch, den Spuren des Autors einer Generation nachzugehen, der vom ersten Pop-Star der deutschen Literatur zum renommierten Nischen-Autor geworden ist. Verfolgt man diese Spur, wird man gewahr, was in den vergangenen fast vier Jahrzehnten passiert ist. Wenig überraschend ist, dass Handke in den Sechzigern schnell zum Shooting Star der Szene avancierte. Oft ist beschrieben worden, wie professionell Handke und mehr noch sein Verlag und sein Lektor den Erfolg planten, begleiteten und vermarkteten. Tatsächlich lassen die Reminiszenzen an Handkes frühe Literatur-Happenings die Stuckrad-Barres und Rainald Goetzes unserer Tage bei allem Bemühen um skandalumwitterte Initiation als blasse Epigonen dastehen. Nicht ohne Zustimmung betrachtet man heute die Fotos, die Peter Handke, den homo novus der Literatur, zeigen, wie er seiner Mutter voller Stolz die Fotos der Boulevardpresse von seinen Literatur-Events präsentiert.

Ähnlich wie Wim Wenders, der spätere Taufpate von Handkes Tochter Leocardie, in seinen frühen Filmen artikulierte Handke den Lauf der Zeit in der notwendigen, die Medialität (hier der filmischen, dort der literarischen Sprache) reflexiv einholenden Art. So konnten selbst exotische Titel wie Der Hausierer oder Das Ende des Flanierens zu Erfolgen werden. Die Großprojekte wie Handkes Kaspar oder Der kurze Brief zum langen Abschied wurden so selbstverständlich Meilensteine einer ihr Bewusstsein bildenden Generation wie Dylans Blonde On Blonde oder Adornos Negative Dialektik.

Spricht man heute mit Universitätsprofessoren oder normalen Lesern über Handke, so begegnet man fast immer der reservierten Auskunft, man habe lange nichts mehr von dem früheren Idol (griechisch: eidolon, deutsch: Schatten-, Trugbild auch Nachbildung, Götzenbild), gelesen, erinnere sich aber doch gern an dessen Anfänge. Die Generation des heutigen Außenministers, längst in der Realität angekommen, allen Risiken, gar Anstrengungen utopischen Denkens abhold, kann mit dem Eigensinn des späteren Handke nur noch wenig anfangen. Natürlich liegt dies auch an dem Urheber. Handkes medieneffektive Flirts mit der Bunten können auch dem Enthusiasten auf den Nerv gehen. Viel wichtiger und tatsächlich aufschlussreich ist aber die Beobachtung, wie eindrucksvoll sich der ewige Reiseschriftsteller Handke - und ein solcher ist der Autor in mehr als einer Hinsicht - von seinen Generationsgefährten entfremdet hat.

Der Handke- Biograph Georg Pichler, dessen Buch, nach Adolf Haslingers Studie über die Jugend eines Schriftstellers (1992) eine weitere Vorstudie zu der noch immer ausstehenden großen Handke-Biographie, kurioserweise nicht bei Suhrkamp, sondern im Ueberreuter Verlag publiziert wurde, merkt an, dass Alfred Kolleritsch Handke einen "Erkenntnistrinker" nennt, also einen Menschen, der versucht, "das eigene Leben von Redewendungen, Meinungen und Vergleichen freizubekommen". Durch diese festsitzende Attitüde hat sich Peter Handke Schritt um Schritt von seinen Altersgenossen separiert und sich bei ihnen verdächtig gemacht. In seinem Spätwerk hat Handke ein unverwechselbares, ganz eigentümliches Universum geschaffen, das keineswegs durch die Epitheta der einflussreichen Handke-Hasser zu erfassen ist. Handke ist nicht der pseudoreligiöse Protagonist einer neostifterianischen Beschreibungsliteratur mit leichtem Hermann-Löns-Beigeschmack, seine Beschreibungen der Niemandsbuchten der (Post-)Moderne sind in ihrer Luzidität paradigmatisch.

Ohne jegliche Sentimentalität formuliert die 1981 erschienene Kindergeschichte die Konturen gegenwärtiger Grenzen wie die Beglückungen des Zusammenlebens eines lebendigen (männlichen) Erwachsenen mit seinem Kind (einer Tochter). Seine Schilderung der Geschlechterproblematik übertrifft die Peter Schneiders in dessen Berlin-Romanen bei weitem. Und Handke ist ein Essayist von Rang. Seine Versuche über die Müdigkeit, den geglückten Tag und die Jukebox sind keine Marginalien, es handelt sich um Sternstunden eines Genres, das, Georg Lukács zufolge, unserer Modernität weit mehr als andere angemessen ist. Handke hat die Befindlichkeit unserer Postmoderne in seinen unentdeckten Meisterwerken Die Wiederholung und Mein Jahr in der Niemandsbucht auf den Begriff gebracht. Dass der kommerzielle und rezeptionsästhetische Erfolg weithin ausblieb, ist ihm nicht anzurechnenden. Heutzutage und hierzulande hätte auch Peter Weiss mit seiner Ästhetik des Widerstands nicht mehr die Spur einer Chance.

Es ist kein Zufall, dass Handkes Werk Gegenstand einer ganzen Reihe glänzender germanistisch-literaturwissenschaftlicher Arbeiten geworden ist. Unverständlicherweise sind die journalistischen Koryphäen hierzulande an den Resultaten dieser analytischen Anstrengungen vorbeigegangen. So haben sie sich der Einsichten in die Utopie einer anderen Zeit, in die Strukturen von Epiphanie und Plötzlichkeit, kurz: in eine sehr spezifische Fassung der Aporien der Romantik beraubt. Ein Modus selbstgewählter intellektueller Kastration, der dann die erzählte Poetik der Lehre der Sainte-Victoire ebenso unverständlich werden lässt wie des Autors Wandel von der ästhetischen Utopie zu einer Utopie des Ästhetischen..

Günter Grass wurde kürzlich vom Bundespräsidenten und unserem Kanzler gepriesen. Peter Handke ehrt es, nicht zum Staatspoeten zu taugen. Er, der Mündliches und Schriftliches (so der Titel des gerade erschienenen Sammelbandes zu Büchern, Bildern und Filmen) in unverwechselbarer Identität, ja Eigenart zu artikulieren vermag, der enthusiastisch wie kein Generationsgenosse von den Wonnen der populären Musik zu schreiben verstand, ist anstößig geblieben, und das nicht nur in seinen Auslassungen zum Konflikt im früheren Jugoslawien. In jungen Jahren hat sich Handke mit dem damals unantastbaren Bert Brecht angelegt (etwa in seiner Rede zum Büchner-Preis mit dem Titel Die Geborgenheit unter der Schädeldecke). Heute tut er dies mit den hiesigen Großkritikern wie den Repräsentanten des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus. Eine solche Chuzpe verblüfft. Thomas Steinfeld hat auf die Verwandtschaft von Dylan und Handke verwiesen: Im Schreiben und Singen dem Publikum (und den Kritikern sowieso) den Rücken zuzuwenden, mag als die einzige Attitüde verbleiben, die noch die Chance eröffnet, Spuren von Authentizität zu bewahren. Handkes politische Beiträge sind brisant nicht wegen ihrer Parteilichkeit, sie verstören, weil sich der Polemiker nicht an die Regelkreise der eingespielten Diskurse hält. Handke räsoniert nicht über eine domestizierte Medienethik, er attackiert ihre Grundlagen. Insofern setzt der späte politische Schriftsteller durchaus jene Tradition fort, die der dekonstruktivistische Jungautor betrieb, längst bevor der Dekonstruktivismus zur postmodernen Mode verkam.

Wenn 2003 in Wien anlässlich der Wiener Festwochen Handkes neues Stück Untertagblues, ein Stationendrama, aufgeführt wird, inszeniert von Luc Bondy, und wenn Bruno Ganz am Burgtheater in Handkes neuer Übersetzung des Ödipus die Titelrolle spielt, wird Gelegenheit sein, den Popstar-Status des Autors zu überprüfen. Handke hat ein unverbrauchtes Pathos zu rehabilitieren und die Sprache der Epiphanien wieder zu entdecken versucht. Indem er sich dem dominierenden Diskurs so widersetzt, dass die Irritationen der Etablierten den Provokateur immer noch populär werden lassen, erweist er sich tatsächlich als Popstar der Literatur. Denn was für einer er auch immer sein mag - der Popstar muss Mut zur Wahrheit haben. Georg Pichler titelt seine Handke-Biographie Die Beschreibung des Glücks nicht ohne Grund und doch nicht besonders glücklich. Denn Peter Handke bleibt Zeitgenosse, insofern er wieder und wieder verspürt, "dass er jetzt erst wirklich aufgebrochen war von dort, wo er herkam". Auf der Suche nach den Bildern, die - wie er sich und uns in der Regel glaubhaft versichert - noch nicht am Ende sind.

Georg Pichler: Die Beschreibung des Glücks. Peter Handke. Eine Biographie. Verlag C.Ueberreuter Wien 2002, 207 S., 19,90 EUR


Peter Handke: Mündliches und Schriftliches. Zu Büchern, Bildern und Filmen 1992-2002. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 165 S., 19,90 EUR

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00:00 06.12.2002

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