Reiten am Ende der siebziger Jahre

Berliner Abende Kolumne

Sie war damals sechs oder sieben Jahre alt, vielleicht auch noch jünger, so genau weiß ich es nicht, weil ich diese Zeit nur aus Erzählungen kenne. Ich bin nicht dabeigewesen. Für mich ist diese Zeit wie ein fremdes Land, das ich nie bereisen werde, weil es kurz nach seiner Entdeckung untergegangen ist. Ich kann mir nur noch Geschichten darüber anhören.

Sie ist in dieser Zeit in Bamberg auf jeder Gartenmauer ausgeritten, die sie finden konnte. Gartenmauern gab es damals einige. Heute, zu Beginn eines neuen Jahrtausends sind Gartenmauern in Bamberg nicht mehr so beliebt. Sie haben einen schweren Stand. Wenn man etwas auf sich hält und mit der Mode geht, hat man seine Gartenmauer gegen einen Zaun ersetzt. Einen Holzzaun etwa oder einen Drahtzaun, der von Efeu oder ähnlichem Grünzeugs überwachsen wird. Das ist das, womit die Bamberger heute ihren Garten und ihr Grundstück eingezäunt sehen wollen.

Sie kann von Glück sagen, dass sie Ende der siebziger Jahre ein kleines Mädchen war, als Gartenmauern in der Bamberger Beliebtheitsskala noch sehr weit oben standen. Wäre sie heute ein kleines Mädchen, hätte sie ein Problem. Wo sollte sie denn jetzt reiten?

Ihre Lieblingsgartenmauer war zwei Querstraßen von dem Haus ihrer Eltern entfernt. Sie war über einen Meter hoch, und sie hatte die Form eines Pferderückens. Sie war sehr froh darüber, dass es in der Nähe von dem Haus ihrer Eltern eine Gartenmauer in der Form eines Pferderückens gab. Solche Gartenmauern waren selbst Ende der siebziger Jahre selten. Die Gartenmauer hatte oben rote, runde Ziegel, die wie ein echter Pferdesattel aussahen. Es war nicht gerade leicht, in den Sattel zu steigen, weil er sehr hoch war und es keine Steigbügel gab, aber wenn man es geschafft hatte, war es die beste Reitgelegenheit, die man in der Nachbarschaft finden konnte.

Sie ist fast jeden Tag ausgeritten. Einen ganzen Nachmittag zu reiten, war keine Seltenheit für sie. Manchmal hat sie an diesen langen Kindernachmittagen fünfmal und öfter das Pferd gewechselt. Einmal ging es sogar so weit, dass ihre Mutter ihr das Mittagessen auf die Koppel bringen musste. Sie hatte einfach keine Zeit, um zum Mittagessen nach Hause zu kommen. Sie war viel zu beschäftigt mit dem Reiten. Sie war oft ohne Sattel unterwegs, und Zügel und Zaumzeug hatte sie an manchen Tagen auch nicht dabei. Es gab Tage, da hielt sie sich nur an der Mähne des Pferdes fest, wenn sie durch die Bamberger Vorgärten galoppierte. Trotzdem ist ihr in dieser Zeit kein einziges Mal ein Pferd durchgegangen. Sie war erst sechs oder sieben Jahre alt, vielleicht auch noch jünger, und sie war bereits in diesem Alter eine erstaunlich gute Reiterin.

Sie ist jetzt genauso alt wie ich. Sie war auch damals schon genauso alt wie ich, aber wie alt sie heute ist, kann ich sicher sagen. Wir sind beide im selben Jahr geboren. Sie wird im September vierunddreißig Jahre.

Die Gartenmauern und das Reiten ohne Sattel und Zaumzeug liegen siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahre zurück, vielleicht sogar noch länger. Das ist mehr als die Hälfte ihres Lebens. Viel mehr sogar. Wenn sie über diese Zeit nachdenkt, dann kommt es ihr manchmal so vor, als ob sie an eine fremde Person denkt. Es ist so lange her, dass sie nicht glauben kann, dass sie damals so etwas gemacht hat. Sie ist jedes Mal selbst sehr erstaunt, wenn sie erzählt, dass sie Ende der siebziger Jahre auf Gartenmauern ausgeritten ist. Aber dass sie es getan hat, ist unbestritten. Es gibt sogar ein Beweisphoto, auf dem sie eine Reitgerte in der Hand hält. Und wenn man es weiß, erkennt man auf dem Bild auch die Sporen, die an ihren Gummistiefeln angebracht sind. Sie hat sie an einem regnerischen Wochenende gemeinsam mit ihrer Tante aus Draht und Alufolie gebastelt.

Ich habe diese Geschichte von ihrem Vater und von ihrer Mutter erzählt bekommen. Ihre Oma hat mir davon berichtet, und ihr selber habe ich auch schon zugehört, als sie über diese Zeit gesprochen hat. Alle kamen sie irgendwann darauf zu sprechen. Ich glaube, diese Sache mit dem Reiten und den Gartenmauern hat für die Familienchronik meiner Freundin einen enorm hohen Stellenwert.

Und deshalb habe ich das Gefühl, dass ich diese Geschichte aufschreiben muss, obwohl ich bei keinem einzigen Ausritt dabei gewesen bin.

Es ist ein wenig wie über ein fremdes Land zu schreiben, das man nie besuchen wird, weil es kurz nach seiner Entdeckung untergegangen ist. Man hat nicht gerade sicheren Boden unter den Füßen. Man kann jeden Moment irgendwo versinken, weil die Versuchung groß ist, Sachen dazuzuerfinden, die damals gar nicht passiert sind.

Aber trotz dieser Schwierigkeiten gefällt mir das alles: Gartenmauern mit der Form von Pferderücken, Reiten am Ende der siebziger Jahre und ein sagenversunkenes Bamberg, das ich nur aus Erzählungen kenne.


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