Reiz des Unbewältigten

Humor Der Schriftsteller Edgar Hilsenrath wird 80

Edgar Hilsenrath, der sagt: "Ich wollte immer Schriftsteller werden. Ich wäre auch so einer geworden, ohne das Kriegserlebnis. Nur hätte ich wahrscheinlich andere Sachen geschrieben." Dieser Edgar Hilsenrath erzählt vom Völkermord, vom Ghetto, von Flucht und Exil. Dennoch sind seine Werke - mit Ausnahme des Erstlings Nacht - melancholisch, heiter, skurril, sogar zum Lachen komisch. Die von ihm angewandten Erzählformen des schwarzen Humors stellten im Literaturbetrieb der Bundesrepublik lange eine Provokation dar, die ihm das Verdikt eintrugen: So geht das nicht!

Die Lebensstationen des Autors sind eng mit dem Verlauf der Historie des 20. Jahrhunderts verbunden. 1926 wurde er in Leipzig geboren, wo bald das Erstarken der Nationalsozialisten die Existenz der wohlhabenden jüdischen Familie überschattete. 1938 brachte Anni Hilsenrath sich und ihre Söhne in ihrer Heimatstadt Siret in der Bukowina in Sicherheit, während der Vater versuchte, die Firma aufzulösen und Einwanderungsvisen in die USA zu beschaffen. Mit Ausbruch des Weltkriegs brach die Verbindung ab. Siret wurde im Juni 1941 von den deutschen Truppen zusammen mit ihren rumänischen Verbündeten überrollt. Zwei Monate später kam der Befehl zur Deportation aller Juden nach Transnistrien.

Der Kampf ums Überleben bis zur Befreiung durch die sowjetische Armee im März 1944 wird Thema von Hilsenraths erstem Roman. Er beginnt in New York daran zu schreiben, wo er sich nach längeren Aufenthalten in Israel und Frankreich 1951 niederlässt und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält.

Nacht klagt die Regisseure des Massenmordes an, aber da sie nicht in Erscheinung treten, kann der Leser seine Anklage nicht auf einen einzelnen Vertreter des Bösen verschieben, sondern muß ertragen, wie die verelendeten Menschen gezwungen werden, zum Peiniger ihrer Mit-Opfer zu werden. Mit dieser Darstellung verletzt Hilsenrath die stillschweigende Übereinkunft, dass jüdische Figuren moralisch ausschließlich makellos darzustellen seien, und löst im Kindler-Verlag eine Kontroverse aus, ob das Buch nicht "Beifall von der falschen Seite" provoziere. Die Vertreter dieser Sicht setzen sich durch und das Buch verschwindet alsbald in der Versenkung.

Die Lizenzausgaben seines Erstlings, die in den USA, in Holland und im Commonwealth erscheinen, lösen jedoch ein so positives Echo aus, dass der renommierte Verlag Doubleday 1967 ein zweites Buch mit Hilsenrath machen will. Der Autor schlägt den Stoff von Der Nazi der Friseur vor. Während diese tiefschwarze Groteske über die Maskerade des deutschen Massenmörders Max Schulz, der aussieht wie die Karikatur eines Juden aus dem Stürmer, bereits ein internationaler Bestseller ist, sammelt Hilsenrath in Deutschland Absagen dafür.

Trotzdem entschließt er sich 1975 zur Rückkehr, weil ihm die Sprache fehlt, "die Sprache, die ich als Kleinkind gestottert hatte", aber auch die Sprache seiner Vorbilder, unter ihnen Erich Maria Remarque. Er geht nach Berlin, denn das sei die Kontaktstadt für Schriftsteller, wurde ihm gesagt, und tatsächlich lernt er hier den jungen Verleger Helmut Braun kennen. Der ist restlos von dem Werk überzeugt und leistet so erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit, dass alle wichtigen Printmedien dem "Nazi" eine ausführliche Besprechung widmen und der Erstauflage von 10.000 Exemplaren bald eine zweite und eine dritte in gleicher Höhe folgen.

Verräterisch das Bekenntnis eines FAZ-Kritikers: "Welcher Rezensent kritisiert schon gern einen Roman, der so viel an noch immer Unbewältigtem aufrührt?" Ebenso verräterisch die etwas ratlose, wenig aussagekräftige Rezension des Büchnerpreis- und Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll in der Zeit, der in genau jenem moralisch-ideologischen Feld gefangen ist, das Hilsenrath konsequent als Heuchelei bloßstellt. Der Tabubruch verunsichert und so tun sich Teile des Feuilletons auch bei den folgenden Werken Hilsenraths schwer, ihre Aggressionen in wohlfeilen Sätzen zu verstecken.

Wirklich angekommen, wenn man denn die Ehrung durch eine Reihe von Literaturpreisen als Ankunft nimmt, ist Hilsenrath seit der Veröffentlichung seines Romans über den Genozid an den Armeniern durch die Türken, Das Märchen vom letzten Gedanken im Jahr 1989. Aber selbst wenn der Bildungsroman hierzulande eine längere Tradition aufweist als der schwarze Humor: Weltweit über fünf Millionen verkaufte Exemplare von sieben Romanen lassen auf eine treue Lesergemeinde schließen. Als Abschluss des im Dittrich-Verlag vorbildlich edierten Gesamtwerks wird bald ein neuer Roman erscheinen: Endstation Berlin - so der Arbeitstitel - wird die ideologischen wie ästhetischen Bruchstellen der Zeit nach Hilsenraths Rückkehr historisch präzise, aber herrlich boshaft und ironisch gebrochen aufgreifen.


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00:00 07.04.2006

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