Renaissance des Fiktionalen

Medientagebuch Totgesagte leben länger: Das TV-Movie wird wieder auferstehen

Auf Dauer hatte es genervt, dann war es verschwunden, jetzt soll es wieder auferstehen: das TV-Movie. In den neunziger Jahren, zur Boomzeit der Privatsender, hatte sich dieses Fernsehformat mit seinen sprechenden Titeln (Gestohlenes Mutterglück, Vergewaltigt - Das Ende einer Ehe, Die heilige Hure) entwickelt und galt bei allen Sendeanstalten als Königsdisziplin. Neunzigminütig, kostspielig und mit seinen Boulevardthemen am Puls der Zeit hatten viele Sender nahezu im Wochentakt ein TV-Movie ausgestrahlt. Ein gefundenes Fressen für alle Fernsehmacher - Autoren, Regisseure und Produzenten -, die an den Filmhochschulen zusätzlich ausgebildet wurden. Der Bedarf war immens, bis die Krise kam. Jetzt sitzen die Drehbuchautoren auf Veranstaltungen wie der Berliner Scriptforum Konferenz und spitzen die Ohren.

Hier denken Redakteure und Produzenten laut über die neuesten Trends der Television nach und melden ihren Bedarf an. Übereinstimmung herrschte dieses Jahr über die grobe Marschroute vor: Es geht wieder Richtung Fiktion. Das TV-Movie, ein Format, um das es in den letzten Jahren still geworden war, soll seine Renaissance erleben. Mangels Werbegelder hatten die Privatsender bis zu 40 Prozent Auftragsvolumen bei den prestigeträchtigen TV-Movies zurückgefahren und stattdessen auf kostengünstige Reality-Formate gesetzt. Nun scheint dieser Trend vorbei.

Aufgrund positiver Erfahrungen ausgerechnet mit Telenovelas setzen viele Fernsehmacher wieder auf die Fiktion. Die Zuschauerhaltung gegenüber den emotionsgeladenen Trivialstoffen hat sich gewandelt. Vor Jahren galten die lateinamerikanischen Schmonzetten als zu hochtourig für das deutsche Gemüt. Doch glaubt man einem ZDF-Redakteur, dann laufen jetzt "Liebesgeschichten immer gut". Die Gründe sehen die Fernsehleute im augenblicklichen gesellschaftlichen Zustand, der von sozialer Kälte und politischer Unsicherheit geprägt sei und das Bedürfnis nach Emotionalität, Fiktionalität und einem Märchencharakter schüre. Eskapismus - das wird ganz offen ausgesprochen - liegt voll im Trend.

Von diesem Willen zur Fiktion soll auch das TV-Movie profitieren. So will RTL im kommenden Jahr acht bis zehn Stück von je neunzig Minuten Länge produzieren. Für 2007 ist ein "neuer Sonntag" geplant mit mindestens zwölf Krimis "in Tatort-Qualität" und mit ungewöhnlichem Blickwinkel auf Kriminalereignisse. Sat.1 rühmt sich das TV-Movie nie ganz aufgegeben zu haben und kündigt für die Primetime am Dienstag und Samstag vermehrte TV-Movies an. Thriller, Dramen und vor allem Romantic Comedys, die sich unmittelbar an die Hauptzielgruppe der 30- bis 49-jährigen Frauen richtet, für den "großen Sat.1-Film am Dienstag". Und Kinderkompatibles am Samstagabend. Es mag wie eine Verschwörung klingen. Doch auch bei Produktionsfirmen liegen TV-Movies derzeit hoch im Kurs. Zum Beispiel plant Endemol Deutschland, eher bekannt für serielles Entertainment (Die Chart-Show) und seichte Reality-Serien (Big Brother), für das nächste Jahr acht hochkarätige TV-Movies mit "nachvollziehbaren Figuren in nachvollziehbaren Umfeldern".

Die Präsentation von Endemol auf dem Scriptforum nannte sich "marktorientiertes Schreiben", womit sich der implizite Aufruf an die versammelten Autoren verband, sich möglichst genau mit den Anforderungsprofilen der einzelnen Sender und Firmen auseinanderzusetzen. Offenbar ist das nicht immer der Fall. Die Redakteure berichteten von einer Flut unaufgefordert eingesandter Bücher, von denen nur ein winziger Bruchteil geeignete Stoffe enthielten. Andere echauffierten sich darüber, mit einem Action-Stoff behelligt worden zu sein, wo doch dergleichen vom Senderprofil eindeutig ausgeschlossen werde. Wie eng das Kostüm der Kreativität im deutschen Fernsehen inzwischen geschneidert ist, wurde dabei allzu augenfällig.

Zur Profilierung und Markenbildung der Sendeanstalten haben Erfolge und Irrtümer gleichermaßen beigetragen. Mittlerweile haben sich alle perfekt ausdifferenziert und jeweils in ihrer Nische eingerichtet und entwickeln ihre Stoffe. Schön, wenn´s so wäre. Doch tatsächlich schielt jeder auf den anderen und versucht, ihm Gleiches mit Gleichem heimzuzahlen. Das Phänomen nennt sich Trend. Zu Recht fragte ein junger Autor auf der Konferenz, warum die Sender sich alle gegenseitig kopieren und dadurch doch das voraussehbare Ende eines Trends nur beschleunigen würden. Die Antwort liegt auf der Hand, wenngleich sie sich nur indirekt ausdrücken lässt: Zum einen ist auch ein kopierter Erfolg noch ein Erfolg, auch oder gerade wenn er das Original beschädigt, das ohnehin zur Konkurrenz gehört. Zum anderen darf man wohl feststellen, dass nur selten jemandem etwas Originäres einfällt.

Viele Fernsehmacher glauben, sich von den Amerikanern emanzipiert zu haben. Doch beneiden dürfen wir die Amis weiterhin ein bisschen - um Serien wie Die Sopranos, Sex and the City, Desperate Housewives, Lost und NUMB3RS. Dergleichen ist hier einfach nicht in Sicht, und gewiss liegt Endemol-Manager Borris Brandt nicht falsch mit der Annahme, dass die Housewives hier zu Lande nicht entwickelt worden wären. Zumindest nicht von seiner Firma. Solche Serien sind Ausdruck eines saturierten Fernsehmarktes. Nur auf dem Nährboden einer Fernsehkultur, die sich industriell organisiert, sind derartige Premium-Produkte möglich.

Nun heißt es aufatmen. Denn der Grundstein für die industrielle Produktion ist auch bei uns längst gelegt. Hält man sich die Arbeitsorganisation bei einer Telenovela wie Bianca vor Augen, zeigt dies den hohen Grad an reibungsloser Perfektion. Drehbuchabteilung, Produktion und Studiobetrieb sind im selben Gebäude untergebracht. Chefautor Rasi Levinas hat flache Hierarchien und ein Rotationsprinzip unter Storylinern, Dialogautoren und Editoren eingeführt. Täglich werden 45 Minuten Stoff geschrieben und ebenso viel produziert. Arbeit wie am Fließband. Jetzt könnte doch eigentlich jemandem mal wirklich etwas Gutes einfallen. Die Zeit ist reif dafür.


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00:00 14.10.2005

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