Marcus Engler
11.09.2009 | 18:40

Rendezvous mit Abwesenden

Eventkritik Vor dem Kanzleramt wollte das "Zentrum für politische Schönheit" den Mächtigen die Wünsche der Bürger überbringen. Die Bürger wollten dabei aber nicht wirklich mitmachen

Die Idee hätte besser nicht sein können. Die Berliner Aktionsgruppe des Zentrums für politische Schönheit  hatte die Bürger  aufgerufen, sich vor dem Kanzleramt zu versammeln, um der Kanzlerin ihre Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen per Megafon zu übermitteln. In Zeiten eines von Spindoktoren getunten Wahlkampfs, der an vielen Menschen vorbei geht, war diese Einladung vielversprechend. Direkte Kommunikation zwischen Politikern und Volk.

Als das „Forum der verlorenen Hoffnungen“ vor dem Kanzleramt eröffnet wird, verdunkeln aber schwere Regenwolken den Himmel. Oben, hinter den großen Fenstern der Politikmaschine, zeichnen sich einzelne Silhouetten vor dem grellen Licht ab. Unten hat sich bereits ein kleine Menschengruppe versammelt, etwa vierzig Personen. In der Weite des Platzes vor dem Kanzleramt wirken sie verloren. Da sind die Aktionskünstler. Junge Menschen mit ernsten, Russ verschmierten Gesichtern. Wie Grubenarbeiter sehen sie aus. Oder wie Frank-Walter Steinmeier im Wahlkampf, Mitte August in einem Förderkorb in Bottrop.

Gekommen ist auch eine Schar von Journalisten. Normale Bürger haben sich nur wenige hergewagt. Etwas schüchtern suchen sie Zuflucht unter ein paar Bäumen. Ein junger Mann trägt unter dem Arm zwei Konservengläser mit Zetteln drin. Darauf stehen seine Hoffnungen. Ein Glas für sich, das andere für seinen Hund. Bevor die Verlesung der Hoffnungen beginnt, ist er schon mehrfach fotografiert und interviewt worden.

Existentialistische Grundstimmung

Auf die Steinplatten direkt vor dem Kanzleramt ist mit rot-weißem Absperrband ein großes Quadrat geklebt. Das ist die Spielfläche des "Forums der verlorenen Hoffnungen". Aus einem Megafon ertönt eine erste Durchsage. Die Ost-West-Verbindung der S-Bahn sei, wieder mal, unterbrochen. Man will noch etwas warten. Später kommen tatsächlich noch Einzelne hinzu, doch die "kritische Masse" wird nicht erreicht.

Phillipp Ruch, der Kopf des Zentrums für politische Schönheit, verkündet von einem Karton mit Wahlprogrammen der CDU noch einmal das Konzept des Abends. Er ist 28 Jahre alt, groß und schlank, gibt sich ernst, aber freundlich. Auch sein Gesicht trägt einen Schatten schwarzer Farbe. Das soll eine existentialistische Grundstimmung zum Ausdruck bringen. Was wollen er und seine Mitstreiter? Um zu verhindern, dass künftige Historiker unsere Zeit aburteilen, müssten „die vergrabenen Ideale geborgen, die verschütteten Wünsche freigelegt und die verlorenen Hoffnungen wiedergefunden werden“, sagt Ruch. Das seien die "Rohstoffe für unsere politische Zukunft".

Er erinnert noch einmal an einer der Thesen, die das Aktionsbündnis im Mai an den Bundestag angeschlagen hatte: „Hoffnungen sind nicht dazu da, aufgegeben zu werden.“ Das ist das Motto des Abends. Ihre Forderungen sind nicht politisch im engeren Sinne, vielmehr scheint es um eine Kulturkritik unser Zeit zu gehen. Wirklich konkret werden die Aktionskünstler nicht, das macht ihre Einordnung in herkömmliche Kategorien schwierig.

Dann geht es los: Ein junge Frau steigt auf die Wahlkartons – diesmal von der SPD – und verliest die erste Hoffnung, die jemand eingesandt hat: „Ich träume von einer Welt, in der alle Politiker immer die Wahrheit sagen. Ich träume von einer Welt, in der keiner lügt. Und nie. Ich will nicht beschützt werden durch Lügen.“ Eine zweite Frau steigt hinauf und liest aus einen Brief von José, der neben ihr steht. Ein 14-jähriger Flüchtlingsjunge aus Äquatorialguinea. Die Frau liest von der Flucht des Jungen aus der Diktatur, der Ungewissheit über das Schicksal der Eltern und seinem Wunsch einmal ein Fussballstar zu werden. Die Augen des Jungen bewegen sich währenddessen hin und her. Es scheint, als würde er das Ganze noch einmal erleben. Die Zuhörer sind sichtlich beeindruckt.

Die Vorleser steigen auf und ab und lesen im Licht einer Taschenlampe weitere Geschichten, kurze und längere.  Es geht um den Rückzug aus Afghanistan, das bedingungslose Grundeinkommen, den Umweltschutz oder die Solidarität mit Afrika. Auch abstraktere Texte zum Verhältnis von Schönheit und Politik wurden eingesandt. „Wer soll diesen Sinn generieren? Wen küsst sie noch die Muse? Wo sind die großen Künstler und Denker hin, die Gesellschaft und Politik inspirieren? Wir müssen aufhören zu glauben, dass das Leben eine Maschine ist. Wir brauchen eine schönere Politik, für ein schöneres Leben.“ Wie genau das aussehen soll, bleibt offen.

Unterbrochen werden die Lesungen von den melancholischen Liedern der Berliner Pop-Band Kreismal und einer Tanzeinlage von der Akademie für Visionautik.

Etwas später steigt ein junger Mann aufs Plateau, er trägt eine schwarze Fliegerjacke, blaue Jeans und feste braune Schuhe. Er stellt sich als Jürgen Kessler vor, ein Bundeswehrsoldat, der vor kurzem aus Afghanistan zurückgekommen ist. Die Reflexe der Journalisten springen an. Sichtbar erregt liest der Mann seinen Wunsch vor: „Meine Hoffnung ist, einmal die verantwortlichen Führungspersönlichkeiten fragen zu können, ob sie denn wissen, wie es ist, vor einer Haustür zu stehen, hinter der die Familie deines gefallenen – nicht verstorbenen – Freundes wohnt. Ob sie wissen, wie es sich anfühlt, einerseits versprochen zu haben, den Angehörigen eine letzte Nachricht zu überbringen. Andererseits die Türklingel einfach nicht betätigen zu können.“

Als der Mann etwas später noch einmal mit einem anderen Text auftritt, ist die Enttäuschung der Journalisten spürbar. Die Geschichte ist erfunden, gibt Phillipp Ruch später zu. Man hätte schließlich einen Plan-B gebraucht, für den Fall, dass kein Bürger kommt. Ruch ist ein wenig enttäuscht, dass nur so wenige Menschen dem Aufruf gefolgt sind. Dabei war die Veranstaltung prominent in der Presse angekündigt worden. Allein auf Facebook hatten 120 Leute zugesagt zu kommen. Haben die Deutschen keine Hoffnungen und Wünsche mehr?

Merkels Abgesandter

Dann taucht doch noch ein Vertreter des Kanzleramts auf – Matthias Graf von Kielmansegg. Ein untersetzter Mann um die Vierzig im grauen Dreiteiler. Als Redenschreiber der Kanzlerin stellt er sich vor. Wieder zucken die Blitzlichter durch die Nacht. „Kielmansegg, gehen Sie doch mal raus und schauen Sie, ob wir nicht vielleicht Wählerschichten rekrutieren können, die bisher der CDU nicht so nahe stehen“, hätte die Kanzlerin ihm mit auf den Weg gegeben. Einen Moment glaubt man der Inszenierung. Wäre man bei der CDU zu derartigem Humor fähig, wäre alles vielleicht gar nicht so schlimm.

Doch schnell geht der Puls der Journalisten wieder nach unten. Als sich Kielmansegg darüber beklagt, dass seine schöngeistigen Reden  - gerade über Opel und GM - immer von betonköpfigen Ministerialbeamten entstellt würden, begreift der letzte, auch dieser Mann ist ein Fake. Wie zu Horst Schlämmer möchte man sagen: "Weniger wäre vielleicht mehr." Ist es nicht viel interessanter für Irritation zu sorgen, indem man die Zuschauer so lange wie möglich im Ungewissen lässt, statt auf möglichst viele Lacher zu zielen?

Wie Ruch fragt man sich selbst am Ende des Abends, warum alle jene, die in diesem Land Grund hätten, sich zu beklagen, nicht gekommen sind. Zum angekündigten Rendezvous sind weder Bevölkerung noch Politiker erschienen. Vielleicht war ihnen das Setting zu avantgardistisch. Am Ende bleiben die drei Polizisten, die bei der Veranstaltung aufpassen sollten, etwas ratlos zurück. Zumindest sie und ihre Uniformen sind echt.