Wolfgang Michal
28.10.2010 | 11:20 3

Rente mit 70? Warum nicht!

Aufbruch Die Linke sollte Provokationen nicht nur mit Trillerpfeifen beantworten. Sie muss auch Alternativen anbieten. Zum Beispiel diese

Es ist es ein altes Problem konservativer Politiker, dass sie ihre Forderungen selten zu Ende denken. Zu-Ende-Denken ist eher eine Disziplin der Linken. Und deshalb sollten sie auf die Renten-Provokation der Rechten nicht immer mit dem gleichen ideenlosen Protest- und Empörungs-Geheul antworten. Sie sollten die Zu-Kurz-Denker mit Zustimmung verblüffen. Denn die Forderung nach einer „Rente mit 70“ eröffnet die Chance für eine umfassende, ja visionäre, Debatte.

„Rente mit 70? Warum nicht!“ müsste die Antwort einer Linken lauten, die sich auf der Höhe ihrer Zeit befindet. Selbstbewusst würde diese Linke hinzufügen: Wenn ihr Neoliberalen bereit seid, die Rahmenbedingungen für ein derart umstürzlerisches Vorhaben zu schaffen, wenn ihr den Mut habt, Gesellschaftspolitik neu zu denken, dann steht einer Unterstützung von unserer Seite nichts im Weg. Allerdings: Halbe Sachen machen wir nicht! Wer die Rente mit 70 will, muss sich vom Lebensmodell des Industriekapitalismus verabschieden.

Genau das sagen – seit vielen Jahren – gänzlich unverdächtige Wissenschaftler: Die so genannten Alternsforscher sind überzeugt davon, dass die gute alte „Lebenslauf-Charta“ mit der linearen Dreiteilung des Lebens in eine 25-jährige Lernphase, eine 35-jährige Arbeitsphase und eine 25-jährige Ruhephase nicht mehr zeitgemäß ist. Die jungen Alten, sagen sie, werden im verordneten Ruhestand keine Ruhe mehr geben, die alten Jungen werden nicht länger in ihren Warteschleifen zirkulieren wollen, und die dreifach belasteten Berufstätigen werden immer öfter zusammenklappen.

Die im Forschungsverbund „Maxnet­Aging“ zusammengeschlossenen Psychologen, Anthropologen, Bildungsforscher, Hirnforscher, Historiker, Demographen und Juristen warnen deshalb eindringlich vor der weiteren Stilllegung der Älteren. Diese seien nur deshalb so passiv, kränklich und unnütz, weil das politische und ökonomische System sie dazu mache. Man schiebe sie ab – so wie man die Jungen im Wartestau eines ineffektiven Bildungssystems parke, bis sie die Lust an der eigenen Lebensgestaltung verlieren. In der Lebensmitte dagegen führe die starre Dreiteilung des Lebens zum Kollaps: Mit 35 oder 40 müssten die Menschen nicht nur die größte Arbeitsleistung vollbringen, sondern auch Familie und Hausstand gründen, kleine Kinder versorgen und alte Eltern pflegen. Der Alternsforscher Paul Baltes erkannte in dieser „Überfrachtung der mittleren Lebensphase durch Mehrfachbelastung“ den Hauptgrund für die „Fertilitätskrise“ der 20- bis 40-Jährigen.

Wie soll man das Leben aus dieser ungesunden Verdichtung befreien? Wie soll man es entzerren? Die Alternsforscher, die in dieser Aufgabe die „neue soziale Frage“ erblicken, schlagen eine umfassende Reform der Gesellschaft vor:

1. Die Arbeits- und Lebenswelten müssten sich grundlegend ändern

Die Lebensarbeitszeit würde nicht mehr am Stück absolviert, sondern in zahlreiche Scheibchen unterteilt. Das Wort Karriere verlöre seinen verengenden Sinn. Es gäbe Auszeiten für Kindererziehung, Elternpflege, Weiterbildung, Bürgerarbeit, Selbstfindung und Entspannung. Jobtauschbörsen würden die Einsicht in andere Arbeitsfelder vergrößern. Neue Leistungsmaßstäbe könnten helfen, die betriebliche Überbewertung 30-jähriger Singles und die betriebliche Unterschätzung 55-jähriger Familienväter zu korrigieren. Eine neue Raumordnungs- und Kommunalpolitik würde Wohnen, Freizeit und Arbeit stärker vernetzen und die Bildung von Ghettos verhindern.

2. Die Bildungslandschaft müsste sich radikal ändern

Die Ausbildung für mehrere Jobs, die Durchlässigkeit zwischen den Ausbildungssystemen, die Öffnung der Schulen und Universitäten für Interessierte jeden Alters und ständige Weiterbildungsmöglichkeiten wären in Zukunft Standard. Hinter dem gesamten Bildungssystem stünde der Leitgedanke, dass Entwicklung ein lebenslanger Prozess ist. Die drohende Spaltung der Älteren in eine winzige Minderheit von Kreativen und eine übergroße Mehrheit, die vor dem Fernsehapparat dahinvegetiert, könnte gestoppt werden, wenn Bildung zum Dreh- und Angelpunkt jeder Altersstufe würde.

3. Die Vorstellung vom Ruhestand müsste sich fundamental ändern

Kreativpausen wären für 20-Jährige künftig so selbstverständlich wie für 50-Jährige. Erholungs- und Genussphasen wären so wichtig wie die Steinkühler-Verschnaufpause in der Metallindustrie. Freisemester für Studienreisen, Berufspraktika an Schulen und Theatern, Rentnerbands in der Dorfdisko – in jedem Alter würden Lernen, Arbeiten und Muße zu ganz neuen Erfahrungseinheiten verschmelzen.

Wäre die Lebenslauf-Charta in diesem Sinne verändert, wäre auch das Renteneintrittsalter kein Dogma mehr. Amerikanische Alternsforscher bezeichnen diese neue Welt als „age irrelevant society“. Sie fordern eine Gesellschaft, in der das Alter für die Zuteilung von Lern-, Arbeits- und Ruhechancen keine Rolle mehr spielt.

Auch die geschlechtsspezifischen Zuordnungen würden dann keine Rolle mehr spielen. Männer müssten sich darauf einstellen, ihre linearen Biographien zugunsten „zerstückelter“, „fragmentierter“ Lebensläufe aufzugeben. Sie würden erfahren, dass „prekär“, „zerstückelt“ und „fragmentiert“ nur Abwehrvokabeln für Verhältnisse sind, die man ebenso gut als „spannend“, „interessant“ und „abwechslungsreich“ bezeichnen könnte.

Natürlich müssten die existentiellen Unsicherheiten, die mit der Abkehr vom linearen Lebenslaufmodell verbunden sind, durch die Einführung einer staatlichen Grundsicherung, eines bedingungslosen Grundeinkommens, kompensiert werden. Denn permanente Übergangsphasen benötigen eine stabile finanzielle Grundlage – für die im alten Industriezeitalter das männliche Lebenslaufmodell zuständig war.

So weit die Utopien der Alternsforscher. Allerdings sind die gesellschaftlichen Strukturen noch längst nicht so beschaffen, dass vielen Menschen ein permanenter Umstieg und Neuanfang ermöglicht werden könnte. Arbeiten mit 70, lernen mit 40 oder mit 80, ruhen mit 35 oder mit 50 sind bislang „verrückte“ Ausnahmen.

Erfahrungsgemäß dauert es eine Generation, bis die Vorschläge der Wissenschaft politisch verankert sind – und eine weitere Generation, bis sie in der Wirklichkeit ankommen. Es wäre deshalb höchste Zeit, dass sich die Linke mit den Erkenntnissen der Alternsforschung auseinandersetzt. Sonst steht sie in 50 Jahren wieder auf der Straße und protestiert mit Trillerpfeifen gegen die Rente mit 80.

Wolfgang Michal ist Autor des Buches Einsame Klasse. Warum Männer nicht altern, DTV München 2010, 208 Seiten, 8,90 Euro

Kommentare (3)

wwalkie 28.10.2010 | 22:04

Warum so ängstlich, Wolfgang Michal? Warum nicht die Rente mit, besser: ab 75? Dass Sie als Linker sich einfach nicht trauen! Nehmen Sie doch die Neoliberalen beim Wort, lassen Sie die Verhältnisse tanzen! Wie, sie tanzen nicht? Wie, die Alten tanzen eine danse macabre? Ach! Unterstützen Sie nicht den Neoliberalismus, wenn er, wie Sie schreiben, die "Rahmenbedingungen" für das "umstürzlerische Vorhaben" der Altenarbeit schafft. Übrigens ist der Neoliberalismus Ideologie - oder im besseren Falle - Theorie. Die schafft überhaupt nichts, sondern das "Schaffen" überlässt sie ihren Institutionen, und zwar knallharten. So knallhart, dass sie sofort erkennen, wie blöde eine Linke à la Michal ist.

Die sich natürlich aufgrund der Überzeugungsarbeit der Linken zum Verlassen des "Lebensmodells des Industriekapitalismus" motivieren lassen. Wenn sie denn die Rente ab 70 wollen, ... Also, ich vermute mal, ich fürchte, die Empirie spricht dafür, das Verlassen dieses Modells wollen sie wohl ... unter Strafe des Untergangs nicht, eine Kombination mit dem Finanzkapitalismus schon eher, und billige Arbeitskräfte auch, allerdings so qualifiziert wie möglich. Dafür werden sie schon "sorgen". Auch angesichts der schrecklichen Drohung der Arbeiterbewegung, doch noch später die volle Rente bekommen zu wollen.

Gehört zu der von Ihnen reklamierten Überzeugungsarbeit auch Streik.? "Sarkozy, t'es foutu, la vieillesse est dans la rue!" werden die zahnlosen 80-Jährigen skandieren, die ihr Recht auf Rentenminderung lautstark fordern. Und die Kapitalisten jammern: "Oh, mon dieu, c'est notre mort! La vieillesse travaille encore!" Und bei Maischberger werden AlterNsforscher nachweisen, dass mit der längeren Arbeitszeit - vielleicht auch im Altenheim beim Tütenkleben - Alzheimer verzögert wird.

Zu meiner beruflichen Empirie gehört es, dass, immer wenn "wir" der Meinung waren, diese Zumutung reiche jetzt aber wirklich, es müsse gehandelt werden, ein Schlaumeier den "revolutionären" Elan bremste, indem er sagte, wir sollten doch die Zumutungen beim Wort nehmen, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Die Bremser haben es in der Regel weit gebracht, sie bringen jetzt nicht die Verhätlnisse, aber andere zum Tanzen.

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ejamie 06.11.2010 | 10:12

pf, das nennen sie zu- ende- denken, wenn die linke z.B. hartz IV verdoppeln will ohne sagen zu können/ zu wollen wie das zu bezahlen sein sollte; bitte, ich kann diesen ideologisch- theoretischen kram zur wählergewinnung nicht mehr hören, halten die linken uns für blöd? und sie als autor müssten zumindest so weit denken, dass, wenn die linke mal regierungspartei ist, sie sich dann mal in der realität beweisen muss, mal sehen wie das dann wird. vielleicht sehen sie sich oder sieht sich die linke als die partei der vernunft oder des gesunden menschenverstandes, da muss ich sie ernüchtern, das ist sie nicht. das wäre sie vielleicht in einer anderen welt mit rosa wolken.

ebsw 19.11.2010 | 10:28

Über die Lebensarbeitszeit läßt sich fein fabulieren. Nur wird das ganze zur Farce, wenn man "vergißt", den Charakter der Arbeit im Kapitalismus in Rechnung zu stellen. Solange sich der Mensch nur außerhalb der Arbeit verwirklichen kann, da Arbeit bestenfalls immer nur eine winzige Facette vom Wesen Mensch abruft, die Arbeit zuerst also nur die materielle Grundlage zur Selbstverwirklichung schafft, ist es nicht zielführend, über das Rentenalter zu resonieren. Solange die Arbeitskraft für den Kapitalisten ein Kostenfaktor wie vieles andere im Verwertungsprozess darstellt, und nicht damit zu rechnen ist, dass der Kapitalist aus Menschenliebe auf weitere Modernisierung verzichten, statt dessen weiter Arbeitslose produzieren wird, ist eine Erhöhung des Renteneintrittsalters immer eine Verschärfung von Ausbeutung und Verelendung. Daran, dass ein solcher Artikel im Freitag erscheint, sieht man wieder einmal, dass LINKS kein geschützter Begriff ist.

Nicht die Arbeits- und Lebensverhältnisse, sondern die Machtverhältnisse müssten sich vollständig ändern.

Micha 3.2-3
....ihr schindet ihnen die Haut ab und das Fleisch von ihren Gebeinen
und fresset das Fleisch meines Volkes; und wenn ihr ihnen die Haut abgezogen habt, zerbrecht ihr ihnen auch die Gebeine und zerlegt's wie in einen Topf und wie Fleisch in einen Kessel.