Replikanten am Kolle

Verkünstelte Intelligenz Meine Nachbarin bringt Robotern das Lernen bei! Das muss ich sehen
Replikanten am Kolle

Porträt: „Human Study No 1 5RNP“/Patrick Tresset/Dixit Algorizmi Galerie, Berlin

Schaue ich von meinem Wohnzimmer auf die unten liegende Eckkneipe, ist das ein Blick von einem Wohnzimmer ins andere. Das andere Wohnzimmer teile ich jedoch – abgesehen von sporadisch einfallenden Rudeln naseweiser Millennials –mit einer bunten Mischung urtümlicher, die Generationen übergreifender Stammkundschaft. Protagonisten untergegangener Welten wie die munter Handzettel verteilende Einmann-APO W. oder Kunstmaler Z., der meinen Text für seinen Katalog tatsächlich mit der Litho einer seiner hinreißenden Figuren belohnte. Zwischen SPD-nahem Adel oder zu Griesgrämigkeit neigendem Mittelstand blättert sich unter dem gütigen Regime von Wirt C. ein wahrhaftes Soziotop auf. Noch aus althergebrachter analoger Gewohnheit, als würden weder Hinz noch Kunz die begrenzte Lebenszeit in sozialen Medien mit Chatten und Liken totschlagen, treffen die Skatrunde am Mittwoch, die Betroffenengruppe am Donnerstag und der Schwarze Block am Dienstag, algorithmisch ganz unerfasst, in der nachbarschaftlichen Zuflucht ein.

Und dann und wann die Informatikerin P. Ihre zierliche Gestalt wirkt wie ein Echo auf ihr sublimes Tätigkeitsfeld. Mittels hochkomplexer Programmstrukturen bringt ihr Team nämlich Robotern das Lernen bei. Selbstverständlich werde ich da hellhörig. Sie schaltet und waltet schließlich an der Schnittstelle von Mensch und Maschine, operiert an der offenen Debatte. Die Stichworte und Fragen überschlagen sich. Werden die Replikanten nun den Kollwitzmarkt übernehmen? Träumen auch androidische Nannys von elektrischen Schafen? Balancieren sie den Pappbecher beim Spaziergang mit den Infanten ihrer Besitzer genauso gekonnt wie ihre organischen Kolleginnen? Was denkt der neuronal begabte Altenpfleger mit den großen runden Augen wirklich, wenn er mich dereinst im tiefen Winter meines Lebens wickelt und mich mit selbst gelernten Bob-Dylan-Songs in den endgültigen Schlaf wiegt?

Ich rege einen Besuch in ihrem Unternehmen an, das ich mir in einem Hangar, umgeben von Starkstromzäunen und überwacht von autonomen Drohnen, vorstelle. Doch weit gefehlt. P. und ihre Jungs von Micropsi Industries tüfteln im ersten Stock eines Wohnhauses mit Sicht auf den im Viertel angeschlossenen Wochenmarktplatz, wo auch am Tag meines Besuches handgeschöpfter Käse und die Eier von vor Glück wahnsinnigen Hühnern verkauft werden. Statt einer Retinaprüfung reicht der Druck auf einen schnöden Klingelknopf, und ich werde, begleitet vom Summen eines aufreizend gewöhnlichen Türöffners, eingelassen. Ich hoffe immer noch, dass sich nun das gesamte Wohnhaus um 180 Grad dreht und ich mich in einem Labor wiederfinde, umgeben von mitleidig lächelnden Typen, die alle aussehen wie der junge Michael Caine. Aber nein. Karge Möblierung, kahle, weiß gekalkte Wände und in kleinen Zimmern einfache Tische, an denen sich junge Männer zusammen mit P. immerhin wenigstens doch auf Monitore konzentrieren.

Daseinstheoretie im Rucksack

Der CEO Ronnie Vuine, der mich mit ausgesuchter Höflichkeit an der Tür zu seinem mit Venture-Kapital aufgebauten Unternehmen empfängt, wirkt dabei eher wie ein Philosophiedozent, und tatsächlich hat er neben Informatik auch einen Abschluss in Philosophie. Entsprechend ausgerüstet mit einem daseinstheoretischen Rucksack von Platon bis Heidegger, steuert er sein Unternehmen durch die digitalen Stromschnellen, denn er hat vor, sehr weit zu gelangen; möglichst bis zur Mündung, zum Meer aller Möglichkeiten.

Doch vorerst ist Grundlagenforschung angesagt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Bei Micropsi Industries geht es tatsächlich um Künstliche Intelligenz. Es geht um nichts weniger als die mathematische Entschlüsselung des Denkens. Es wird dabei versucht, vier große Felder der Mathematik – Analysis, Optimierung, Statistik und Algebra – auf möglichst sinnvolle Art und Weise miteinander zu verbinden. Ein Prozess, der einerseits schon vor langer Zeit begonnen hat, andererseits jedoch erst seit vergleichsweise kurzer Zeit durch die immense Beschleunigung der Datenverarbeitung konkret angewendet wird. Das Geheimnis des Fortschritts der letzten zwei Jahrzehnte liegt also nicht darin, dass grundsätzlich neue Ideen aufkeimten, sondern dass große Datenmengen extrem schnell erhoben, analysiert, optimiert und berechnet werden konnten.

Roboter sind für die KI-Forschung deshalb so interessant, weil sie extrem flexible Maschinen sind. Was erst mal wie eine Binsenwahrheit klingt, wird für mich bei der ersten Begegnung mit einem Roboterarm in eben jener Vierraumfirma zu Berlin plastisch, real anschaulich. In einer Ecke steht ein ausgestöpselter Roboterarm, der, ist er erst mal am Stromnetz und seiner Festplatten-Mama angeschlossen, so schnell agiert, dass seine Bewegungen nicht mehr mit bloßem Auge zu sehen sind. Ein Fehler im Programm könnte, weil er dazu noch sehr kraftvoll agiert, für Menschen tödliche Folgen haben. Deshalb wird er später in einem Käfig stehen. Nicht, weil er weglaufen könnte, sondern damit wir ihm nicht zu nahekommen. Nun steigt doch etwas von dem wohligen Gruseln auf, das ich mir von diesem Besuch ja erhoffte.

Was ist eigentlich ein Computerprogramm? Bereits 1953 entwickelte Alan Turing, der Leiter der Gruppe, die während dem Krieg die Enigma-Maschine entschlüsselte, eine Anleitung für eine Schachmaschine. Schach ist dankbar dafür. Sehr viele Möglichkeiten innerhalb sehr enger Parameter. 64 Felder, 32 Figuren mit klar umrissenen Handlungsspielräumen. Turings handschriftliche Anweisungen, wie der Automat agieren und reagieren kann, mittels eines Rechenschiebers addiert, entpuppten sich bei späterer elektronischer Umsetzung als mittelstarker Schachcomputer. Turing hatte also eine imaginäre Maschine programmiert. Bei Micropsi Industries ist man jedoch auf Reibung, auf Gravitation angewiesen, deshalb die unterschiedlichen Roboterarme. Die Greifer schnappen nach kleinen Steckern und können sie innerhalb eines klar umrissenen, von Kameras eingekreisten Feldes in die passende Buchse schieben. Sie können auch unter verschiedenfarbigen Stofftierchen eines auswählen und von den andern separieren. Interessant wird das, wenn die Programmstruktur dieses an sich einfachen Vorgangs bereits derart komplex ist, dass alle bisherigen Fehler des Armes (also des Programmes) einen Erfahrungsschatz bilden, auf den der Computer permanent zugreift – und diese Fähigkeit zur Folge hat, dass der Arm sich selbstständig korrigiert. Schiebt der Arm den Stecker beim ersten Mal zwei Millimeter neben die neu aufgestellte Buchse, korrigiert er das selbstständig, ohne dass irgendjemand etwas getan hätte.

Der Berg des Denkens

Die Anwendungsmöglichkeiten dieser Technologie sind nahezu unendlich. Die Roboter werden an ihrem Arbeitsplatz aufgebaut, sie werden mit ihrem Tätigkeitsfeld gebrieft; oder, wie ich vorschlage, „wie ein Hund dressiert“, womit mir überraschenderweise beigepflichtet wird, und dann fangen sie an. Wird innerhalb dieser Konditionierung etwas verändert oder taucht ein Fehler auf, korrigieren sie sich selbst.

Also doch. Frankenstein und Prometheus sagen sich hier guten Morgen. Wenn das menschliche Denken ein Berg wäre, den es zu besteigen gälte, wo würden wir uns denn heute befinden? FürCEO Ronnie Vinue haben wir erst die richtige Gegend gefunden und uns mit ein paar Sherpas angefreundet. Nach den ersten lockeren Wanderungen im Vorgebirge ging es bis jetzt jedoch nie weiter. Plötzlich waren die Wände einfach zu steil. „Wer behauptet, dass er Systeme bauen kann, die wie Menschen lernen, und dafür nur neuronale Netze braucht, ist ein Scharlatan.“ Mit neuronalen Netzen meint Vuine nichts weiter als ein Werkzeug zur Mustererkennung. Das klingt dann doch etwas weniger spektakulär als etwa beim Futuristen Ray Kurzweil (der laut kollektivem Stoßseufzer bei Micropsi Industries „nur eingeschränkt ernst zu nehmen“ ist), für den es nur eine Frage der Zeit ist, bis der menschliche Geist komplett auf eine Festplatte kopiert wird.

Protagonisten wie er versuchen zu vermitteln, der menschliche Geist sei ein determinierbares Gebiet, ähnlich einem Organ. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um einen Scheinzwerg. Je näher wir dem Geist kommen, je größer wird er. Und umgekehrt verliert die Informatik, je näher wenigstens ich ihr komme, scheinriesenhaft kontinuierlich an Größe. Vuine sieht da vor allem PR am Werk. Es soll mit einiger Dampfplauderei suggeriert werden, dass man zu Unglaublichem in der Lage ist. Jedoch trägt meine Berg-Metapher für die am Tisch sitzende P. nicht vollständig: „Es gibt die Chance, dass ein paar wesentliche Ideen, die man einfach haben kann, fehlen, und dann geht es plötzlich schnell bergauf. Dazu kann ich nur sagen: Ich kenne diese Ideen bisher nicht, und ich wüsste nicht, dass sie jemand schon hätte. Ein paar Leute in unserer Branche würden sie schon erkennen, wenn sie sie sähen, aber, leider … niemand hat sie.“ Es fehlen also dann doch Ideen zum Entschlüsseln des menschlichen Denkens und nicht nur die Speicherkapazität.

Selbst die chinesischen Überwachungsbestrebungen mit Mitteln von Mustererkennung in Verbindung von gezielten Algorithmen – welche nichts anderes als Rechenbefehle sind – sieht Vuine gelassener als ich. Den „neuen Menschen“ sieht er nicht als mittelalterlichen Untertan, in Schach gehalten und durchleuchtet von digitalem Herrschaftswissen. Dafür seien Menschen unter der jeweiligen kulturellen Prägung (westlich, östlich, orientalisch et cetera) dann doch zu ähnlich in ihren Freiheitsbestrebungen. Wenn er sich das mal nicht zu rosig ausmalt, denke ich.

Zu Hause schaue ich durch mein Wohnzimmerfenster wieder auf die Eckkneipe. Der Blick von Wohnzimmer zu Wohnzimmer fühlt sich nun anders an. Oben verarbeite ich, was ich unten an Begegnungen und Gesprächen erlebe. Ich muss hier hochkommen, um die Muster unten zu erkennen und die richtigen Rechenbefehle geben zu können, damit ich aus dem Erlebten die nützliche Verdichtung in Form zum Beispiel eines Textes herstellen kann. Werden das Maschinen einmal selbstständig tun können? Eine der Schlüsselszenen in 2001 – Odyssee im Weltraum fällt mir dazu ein: Supercomputer HAL sperrt Astronaut Bowman aus dem Raumschiff aus, da HAL die Jupitermission alleine beenden will. Er macht Bowman mit geheucheltem Bedauern darauf aufmerksam, dass er ohne Helm nur schwer manuell zurück ins Schiff gelangen kann. Bowman sprengt sich darauf zurück ins Schiff. Die kurze Druckwelle im leeren Raum reicht aus, um auch ohne Helm durch die Schleuse zu kommen und den Computer zu überlisten. Bowman hatte eine Idee.

Es sind also wir, die Ideen haben. Computer rechnen, ganz buchstäblich betrachtet, nicht damit.

06:00 09.10.2018

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