Requiem für Albträume

Provinzhölle Amerika Daniel Woodrell schreibt Geschichten von Armut und Gewalt – und vom Überlebenswillen unbeugsamer Teenager

Schon die Titel Winters Knochen und Der Tod von Sweet Mister verweisen auf ein böses Ende. Und auch die Anfänge dieser beiden gerade auf Deutsch erschienenen Romane von Daniel Woodrell verheißen nichts Gutes: „Mit Seilen waren zwei oder mehr gehäutete Tiere an den durchhängenden Ästen festgemacht, Wild, das für zwei Tage und drei Nächte draußen hing, damit der erste Hauch der Verwesung den Geschmack verbesserte und das Fleisch an den Knochen weicher werden ließ.“ Oder: „Seine Stimme schien für mich immer voll von diesen Würmern zu sein, die einen fressen, wenn man tot ist.“

Es sind Intros für literarische Trauerfeiern, düstere Märchen, die im Mittleren Westen der USA spielen, im weiten hügeligen Niemandsland Missouris, südlich von Kansas City. Eine Gegend, in die sich selten Fremde verirren, weil die Straßen kaum passierbar sind, es keine Ortsschilder und Hausnummern gibt und die Männer, die dort leben, keine Namen haben, höchstens Spitznamen, Tarnnamen wie Teardrop, Little Arthur oder Red.

Eine Welt im Untergang

Von den windschiefen Holzhäusern blättert die Farbe ab, in den Vorgärten vergammeln alte Pick-ups, Elektrogeräte, Klamotten, Möbel, der Auswurf des White Trash; die Gesichter der Menschen sind fahl, die Augen ausdruckslos, wie ausgelöscht. Über ihren Köpfen kreisen immerzu die Geier, bereit, sich auf sie zu stürzen, sobald sie am Boden liegen. Nachts heulen die Kojoten, tagsüber die Sirenen der Polizeiwagen. An manchen Ecken stehen Ruinen, explodierte Crystal-Meth-Küchen. Es sind schwarze Flecken auf der Landkarte, eine ausgebrannte Provinzhölle, durch die ständig zugedröhnte Gestalten taumeln, Arbeitslose, Kriegsversehrte, Kleinkriminelle, und mit Gewehren auf Hirsche, Eichhörnchen und allzu neugierige Besucher schießen, auf alles, was sich schneller bewegt als sie selbst.

Woodrell bezeichnet seinen Stil als „Country Noir“. Und das trifft es ziemlich genau. Denn von der Stimmung her erinnern seine brutalen Geschichten in ihrer Trostlosigkeit und kargen Poesie bisweilen an Cormac McCarthys „No Country for Old Men“ oder „The Road“ – nur mit dem Unterschied, dass hier kein durchgeknallter Auftragskiller mit einem Bolzenschussgerät herumläuft und keine Apokalypse stattgefunden hat, dass die dichten Wälder der Ozarks noch in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit stehen und das Wasser in den Flüssen und Seen noch vollkommen klar ist. Und doch beschreibt Woodrell eine Welt im Untergang, eine Welt, in der jeder seine eigenen Regeln macht – „voller Verachtung für die Lebensweisen der Stadt“ –, und die Zivilisation allmählich in die Barbarei zurückfällt.

Krimis im Country-Noir-Stil

In seinem erfolgreichsten, verfilmten Roman Winters Knochen erzählt Woodrell die Geschichte der 16-jährigen Ree Dolly, ein frühreifes Mädchen, das mit Waffen und den Widrigkeiten des Lebens umzugehen versteht und sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Vater macht. „Jessup war ein verstohlener Mann mit gebrochener Miene, der gern mit flehenden Worten alles Mögliche versprach, nur um durch die Tür verschwinden zu können.“ Vor allem aber ist er ein begnadeter Meth-Koch, gerade aus dem Knast gekommen und schon wieder auf der Flucht. Ree erfährt, dass er für die Kaution das Haus und den Wald drumherum verpfändet hat; und wenn er nicht zum Gerichtstermin erscheint, sind ihre schwachsinnige Mutter, ihre jüngeren Brüder, sie selbst bald obdachlos.

Ree zieht ihre Kampfstiefel an, wirft sich den alten schwarzen Wintermantel ihrer Großmutter über, stapft durch Eis und Schnee, campiert in Höhlen, verfeuert ihre Unterwäsche und befragt die, die ihn am besten kennen und ihr am nächsten stehen, ihre weit verstreute Familie, die Dollys. Überall wird sie mit Sätzen wie „Du musst ja ziemlich einsam sein“ oder „Du hast dich im Haus geirrt“ begrüßt oder gleich abgewiesen, und jeder rät ihr, nicht weiter nach ihm zu fragen, was zu manch großartigem Dialog führt: „‚Und du hast ihn seitdem nicht wieder irgendwo gesehen?‘

‚Nein.‘

‚Er ist früher immer mal wieder verschwunden. Du weißt nicht zufällig wohin?‘

‚Hast du Katzenscheiße in den Ohren, Mädchen?‘

Aber Ree lässt nicht locker, sie schlägt drei Warnungen in den frostigen Wind und wird für ihre Hartnäckigkeit bitter bestraft, verprügelt, zertreten von Frauen, die ebenso grausam und unbarmherzig sind wie ihre Männer. Diese Ree Dolly ist die wohl ungewöhnlichste und mutigste Detektivin der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur; selbst im erbärmlichsten Zustand, vollgepisst und vollgeschissen, mit gebrochenen Zähnen und zugeschwollenen Augen, bewahrt sie ihre Würde und beharrt darauf, die Wahrheit über das Schicksal ihres Vaters zu erfahren.

Der 13-jährige Morris Akins, genannt Shug – oder Sweet Mister –, die Hauptfigur in Der Tod von Sweet Mister ist das genaue Gegenteil von Ree: ein „Fettsack“, wie sein Stiefvater Red immer sagt, demütig, verträumt und ungelenk, einer, der „nicht einmal eine beschissene einfache Sache richtig machen“ kann und alles mit sich machen lässt. Er erträgt es, wenn Red vor seinen Augen die Mutter vögelt, beleidigt und schlägt und ihn anschließend auf Raubzüge schickt, vor allem zu Alten und Kranken, um ihnen die für sie lebenswichtigen Medikamente zu stehlen.

God damn verlassen

Während Red mit Kumpels auf Tour ist, um „Männersachen“ zu machen, bleiben Shug und seine Mutter in ihrem Haus neben dem Friedhof; sie halten die Gräber in Ordnung, mähen den Rasen, verbrennen das Laub und die Kränze. Danach sitzen sie auf der Veranda und teilen sich Zigaretten. Ständig macht Shug ihr Komplimente über ihr Aussehen und starrt sie dabei an wie etwas unheimlich Kostbares. Und sie erwidert seine Zuneigung. Szene für Szene steuert dieses doppelt gestörte Familienverhältnis auf einen dramatischen Höhepunkt zu.

Daniel Woodrell, 1953 in Springfield, Missouri, geboren, verließ die Highschool, um bei den Marines anzuheuern. Er nahm Drogen und wurde unehrenhaft entlassen, woraufhin er noch mehr Drogen nahm, quer durchs Land reiste, bis er, in Kalifornien gestrandet, mit den Drogen aufhörte, studierte, in seine Heimat zurückkehrte und mit dem Schreiben begann. Bisher hat er acht Romane veröffentlicht und einen Erzählband The Outlaw Album, was sein Gesamtwerk in drei Worten zusammenfasst.

Sie geben niemals auf

Alle seine Helden sind gesetzlose Außenseiter und seine Coming-of-Age-Krimis archaische, mystische und dennoch absolut zeitgemäße Western, kluge, dunkle Reflexionen über das Leben und den Tod. In ihnen sterben nicht nur Menschen, sondern auch und vor allem Träume, Pläne, Hoffnungen. Winters Knochen ist atmosphärisch dichter und beklemmender als Der Tod von Sweet Mister, aber weniger subtil. Beide Romane, in den USA im Abstand von fünf Jahren erschienen, weisen jedoch auffällige Ähnlichkeiten auf: Jessup ist auf Kaution, Red auf Bewährung, sie befinden sich im permanenten Konflikt mit dem Gesetz und den eigenen blutsverwandten Dämonen.

Es gibt zwei nahezu gleichlautende Sätze: Jessup sagt: „Sucht erst nach mir, wenn ihr mein Gesicht seht.“ Red sagt: „Und sucht nicht nach mir, bis ihr mich kommen seht.“ Diese Übereinstimmungen könnten Schwächen sein, Nachlässigkeiten. Es könnten aber auch absichtliche Wiederholungen sein, die das zentrale Motiv, das Auf-sich-selbst-gestellt-Sein, umkreisen. In Woodrells Welt sind alle Menschen von Gott verlassen. Aber sie geben niemals auf. Und es ist eine Lust, dabei zuzusehen, wie sie sich immer wieder aufrappeln, sich Staub und Blut von den Schenkeln wischen und dem nächsten Schlag die Stirn bieten.

Der Tod von Sweet Mister Daniel Woodrell (Peter Torberg, Übers.) Liebeskind 2012, 192 S., 16,90 €

Winters Knochen Daniel Woodrell (Peter Torberg, Übers.) Liebeskind 2011, 223 S., 8,99 €

Jan Brandt ist Schriftsteller. Sein Debüt Gegen die Welt ist jetzt als Taschenbuch erschienen

15:00 22.11.2012
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