Requiems für Menschen

Zeitschriftenschau Es ist schon erstaunlich, wie ausdauernd der jahrzehntelang in England lebende deutsche Schriftsteller und Germanist W. G. Sebald nach seinem frühen ...

Es ist schon erstaunlich, wie ausdauernd der jahrzehntelang in England lebende deutsche Schriftsteller und Germanist W. G. Sebald nach seinem frühen Tod im Dezember 2001 hierzulande gepriesen wird. Die Akzente widmeten ihm ihr Februarheft. Ausführliche Lobreden finden sich auch in Sinn und Form und in der Neuen Rundschau. Eröffnet wird die erste Jahresausgabe von Sinn und Form freilich mit einer Würdigung der Dichterin Else Lasker-Schüler und ihrer »Verwandlungen«. Meike Feßmann sieht in ihr »die einzige Frau unter den modernen Sprachakrobaten«, die im frühen 20. Jahrhundert ihre bürgerliche Existenz hinter sich lassen wollten, um sich neu zu erfinden. Als Jüdin und als Frau habe sich Lasker-Schüler früh in der Rolle der Außenseiterin geübt, die sich verstellen musste, um am literarischen Geschehen teilzuhaben: »Ihre Maskeraden waren eine List. Aus realer Not geboren, verwandelten sie sich in ein Spiel, das andere zum Mitspielen aufforderte. Hinzu kam ihr absolutes Vertrauen in die Poesie.« Es fiel ihr, so Feßmann, leicht, sich in eine poetische Figur hineinzuversetzen und das Verwischen der Grenze zwischen Realität und Fiktion zu begrüßen.

Die Figur, die Lasker-Schüler für sich erfand, war der androgyne »Prinz Jussuf«, ein Kämpfer im Zeichen der Dichtung, in dessen Phantasiekostüm - mit Samthose und Dolch am Gürtel - sie auch auftrat. Jussuf ist der arabische Name für den alttestamentarischen Joseph. Da sie ahnte, dass eine Selbsternennung nicht genügen würde, um als die Person zu gelten, die sie sein wollte, war sie auf Anerkennung durch andere angewiesen, auf Mitspieler, etwa auf den Sturm-Herausgeber Herwarth Walden, ihren zweiten Ehemann, auf Gottfried Benn, mit dem sie Liebesgedichte wechselte, oder auf den Maler Franz Marc, mit dem sie Briefe und Karten tauschte. Dialogisch, auf ein Gegenüber hin, ist nicht nur ihre Lyrik, sondern auch ihr Prosawerk strukturiert.

Sinn und Form druckt Lasker-Schülers Briefwechsel mit dem Regisseur Leopold Lindtberg, der Ende 1936 am Zürcher Schauspielhaus ihr Stück Arthur Aronymus zur Uraufführung brachte, das die jüdisch-westfälische Familiengeschichte ihres Vaters als Kind mythisiert. Bereits im April 1933 war die Dichterin, 64 Jahre alt, in die Schweiz geflohen, dort ständig von der Fremdenpolizei bedrängt. Nach nur zwei Aufführungen wurde das Stück abgesetzt. 1945 starb Else Lasker-Schüler, fern ihrer Muttersprache, zutiefst unglücklich in Jerusalem. Meike Feßmann resümiert: »Alles, was sie sich erträumt hatte, die orientalische Schönheit des ›Hebräerlandes‹, die gelebte Gegenwart biblischer Geschichten, die Versöhnung zwischen Juden, Christen und Arabern, die Liebe zwischen Gleichgesinnten und nicht zuletzt die spürbare Anwesenheit Gottes - all dies war plötzlich nirgends zu finden. Die Realität sah anders aus. Und sie stellte nicht nur die Existenz, sondern das ganze Werk in Frage.«

Über W. G. Sebalds Erzählen nach der Katastrophe reflektiert, ebenfalls in Sinn und Form, Klaus Siblewski. In nur 13 Jahren, seit 1988, habe Sebald ein literarisches Werk verfasst, das tatsächlich in die Geschichte des 20. Jahrhunderts und deren Vorgeschichte zurückgehe und zu »den bedeutendsten Werken der deutschen Literatur« zähle. Mit seiner elegischen Sprache stehe es der »Innerlichkeit« nahe, die sich mit dem Namen Peter Handkes verbindet, doch füge Sebald seiner Prosa, spätestens seit den Ausgewanderten (1992), seiner vielleicht wichtigsten Publikation, eine neue Dimension hinzu: eben die Geschichte. Das unterscheide ihn von den Autoren seiner Generation, die Innerlichkeit und Geschichte als unvereinbar ansehen, verbinde ihn aber auf der anderen Seite mit Alexander Kluge, dessen Schlachtbeschreibung für ihn wegweisend war.

Angesichts der Morde des gerade vergangenen Jahrhunderts habe der Erzähler, so Siblewski, die Aufgabe, zu bewahren, zu vergegenwärtigen, Erinnerung zu stiften, wo Erinnerungen verblassen oder vergehen: »Dort, wo sich Nichtwissen ausbreitet, kann er Wissen wieder anhäufen. Er trägt bei zum kollektiven Gedächtnis, ist meist sogar der einzige, der daran interessiert ist, dieses Gedächtnis wachzuhalten.« Es sei der Kern von Sebalds Erzählen, »Requiems für Menschen zu erfassen, die dem Vergessen anheimgefallen sind.«

Sinn und Form, Heft 1/2003, 9 EUR

00:00 16.05.2003

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