Retraining hilft, mit Tinnitus zu leben

Tinnitus Die HNO-Ärztin Birgit Mazurek leitet das Tinnitus-Zentrum in der HNO-Klinik der Charité Berlin, wo die Tinnitus-Retraining-Therapie angewendet wird

FREITAG: Was weiß man über die Entstehung von Tinnitus?
BIRGIT MAZUREK: Mögliche Ursachen können neben Schädigungen im Innenohrbereich, zum Beispiel durch Hörsturz, auch Verengungen der großen Halsgefäße, Abnutzung der Halswirbelsäule, Kiefergelenksstörungen und internistische Erkrankungen wie Diabetes, Fettwechselstörungen und Bluthochdruck sein. Auch Medikamente wie Aspirin in hoher Dosierung können Ohrgeräusche auslösen. Die häufigste Ursache für einen chronischen Tinnitus ist jedoch eine Schädigung des Innenohres. Typisches Beispiel ist das Lärm- bzw. Knalltrauma. Die Hörzellen werden beschädigt, damit durchlässiger und senden eine Mehr-Erregung aus, die in Fortführung der Hörbahn zum Ohrgeräusch wird. Durch Stress oder seelische Belastung wird der Hörfilter erweitert. Auf einmal nimmt man Geräusche wahr, die sich dann sehr schnell verselbstständigen. Bei manchen Menschen ist der Auslöser eine starke Stressbelastung wie zum Beispiel die Scheidung, bei anderen passiert es aus heiterem Himmel. Wir müssen klinisch unterscheiden zwischen "objektiven" und "subjektiven" Ohrgeräuschen. Objektiv bedeutet, dass auch der Untersucher sie hören kann, mit dem Hörschlauch oder aus der Nähe. Daneben gibt es eine Unmenge von subjektiven Ohrgeräuschen, die nur der Patient wahrnimmt.

Tinnitus ist also eine Zivilisationserscheinung?
Heute haben wir aufgrund des Wohlstandes mehr Zeit, uns mit uns zu beschäftigen, aber natürlich steigt auch die Lärm- und Stressbelastung. Sicherlich hat es auch damit zu tun, dass die Menschen älter und dabei schwerhöriger werden. Früher starben sie eher, da wurde die Phase der Schwerhörigkeit gar nicht mehr erreicht. Es liegt auch am Karrierebewusstsein und Erfolgsdruck. Ich würde Tinnitus aber nicht als Zivilisationskrankheit bezeichnen.

In Großstädten scheint das Phänomen öfters aufzutreten als in ländlichen Gebieten.
In Großstädten spielt Einsamkeit eine wichtige Rolle, man findet hier mehr Menschen mit Tinnitus. Sie dürfen nicht vergessen: über das Symptom Ohrgeräusch schafft man häufig auch den Zugang zu einem Problem. Anders als in ländlichen Gegenden gibt es in größeren Städten mehr Manager, Geschäftsführer, Lehrer. Oft ist das Ohrgeräusch beispielsweise ein Hinweis auf extreme psychosomatische Probleme. Vielfach ist es schwierig, über Probleme in der Familie oder Mobbing im Job zu sprechen, sodass man erst einmal schauen muss, was sich hinter dem Ohrgeräusch verbirgt. Deshalb ist der interdisziplinäre Ansatz auch so wichtig.

Gibt es bei Ihren Patienten Parallelen bezüglich Alter oder Beruf?
Nein ... oder doch, ja. Ohrgeräusche haben sowohl Kinder, Erwachsene als auch alte Menschen. Häufig fällt auf, dass die Patienten in einem Alter sind, wo sich Altersschwerhörigkeit bemerkbar macht, also ab dem 45. Lebensjahr. Oft sind es Führungspersönlichkeiten, die starkem Stress und extremem Leistungsdruck ausgesetzt sind. Kinder mit Tinnitus kommen oft aus einem zerrütteten Elternhaus, oder es sind Scheidungskinder, die über Tinnitus Aufmerksamkeit auf sich lenken. Oder Kinder, die sehr unter Erfolgsdruck stehen, etwa wenn sie frühzeitig ein Instrument spielen oder intensiv eine Sportart betreiben.

Was machen Sie im Tinnitus-Zentrum anders als niedergelassene HNO-Ärzte?
Wir haben viel Zeit für Gespräche mit den Patienten und können eine Vertrauensbasis aufbauen, die nicht in fünf Minuten entsteht. Der Patient muss sich gut aufgehoben fühlen. Außerdem arbeiten wir interdisziplinär. Man weiß, dass die gesamte Hörwahrnehmung über das limbische System, unser Gefühlssystem, verarbeitet wird. Allein schon aus dieser Strukturabfolge kann man sich vorstellen, dass man den Tinnitus nicht isoliert sehen kann. In einer Universitätsklinik gibt es ein breiteres Spektrum an Diagnostikmöglichkeiten, und es sind schnellere Entscheidungen möglich. In der psychosomatischen Abteilung der Charité können Patienten relativ kurzfristig vorgestellt und auch akut aufgenommen werden.

Mittlerweile sieht man die Retraining-Therapie jedoch nicht mehr ganz so euphorisch?
Am Anfang hatten wir die Vorstellung, der Tinnitus könnte dadurch verschwinden. Heute weiß man, dass es auch durch Retraining keine Heilung im eigentlichen Sinne gibt. Wenn man die Retraining-Therapie richtig macht, dauert sie zwei bis drei Jahre. Am Ende sagt der Patient nicht, die Geräusche sind weg, sondern: Ich kann besser damit leben. Der Gewöhnungseffekt während dieser Therapie macht für viele Patienten ihr Leben mit dem Tinnitus leichter.

Was empfehlen Sie neben der Retraining-Therapie?
Entspannungsübungen nach Jacobson oder autogenes Training, Tai Chi und Meditation.

Das Gespräch führte Andrea Winter

00:00 29.11.2002

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