Retro-Shorts von morgen

Videokunst Jeremy Shaw zeigt rückblickend, was das frühe 22. Jahrhundert ausmachte

Erst mal ist da Überforderung. Sieben Leinwände, auf zwei Etagen verteilt, je drei in den großen Räumen des Frankfurter Kunstvereins, eine einsam in einem kleineren Raum. Darauf: sich (rhythmisch) bewegende Menschen, Robotertanz, Paartanz, Aerobic-Gruppen, Jugendliche in einer Art 90er-Jahre-Breakdance-Zirkel, eine Menschenreihe in Retro-Shorts, die sich mit Minimaltechno-Gestampfe durch den Raum schiebt, vor und zurück, von links nach rechts. Manche der Filme knistern in 60er-Jahre-Schwarzweiß über die Leinwand, manche im farbigen VHS-Look der 80er.

Die Medien, derer sich Jeremy Shaw in der Sieben-Kanal-Videoinstallation Phase Shifting Index bedient, reichen vom 16-mm-Film bis zum Hi8-Videoformat. Es ist die bisher größte Produktion des in Berlin lebenden kanadischen Künstlers, und man tut gut daran, der Empfehlung beim Kartenkauf zu folgen und sich wenigstens 35 Minuten der Arbeit anzuschauen.

Schnell weicht die Überforderung, in einem Raum gleichzeitig mit drei unterschiedlichen Filmen konfrontiert zu sein, Faszination. Was geht da vor sich? Wie gehören die einzelnen Filme zusammen? Immer geht es um Bewegungen, in allen Gesten und Tänzen stecken kulturelle, spirituelle und – verstärkt noch durch die variierenden visuellen Formate – historische Codes. Die asynchron abgespielten Filme entwickeln einen Sog, in der Wiederholung tun sich Assoziationsräume auf. Was in der visuellen Ausgestaltung mit teils eingestreuten Interviewsituationen an vorgefundenes und künstlerisch verarbeitetes dokumentarisches Material erinnern mag, ist genau das nicht. Shaw hat akribisch jeden der Filme durchgeplant und inszeniert und ihnen eigene Geschichten verpasst. Die Historizität ist dennoch Gegenstand der Narration, denn die Geschichten der Tanzgruppen erzählt ein Sprechen aus dem 22. Jahrhundert rückblickend in ethnografischem Duktus. Etwa von den „Zero-Ones“, einer Gruppierung des frühen 22. Jahrhunderts, die nach einer harmonischen Mensch-Maschine-Synthese strebte. Oder von „The Violet Lux“, die mit einstudierten alchemistischen Ritualen arbeiten.

Es eröffnet sich ein ganzes Panoptikum an fiktiven Weltanschauungen, vereint in der Sehnsucht nach transzendenten Grenzerfahrungen. Genau das ist der Kern, der übergreifende Topos von Shaw: Immer geht es bei ihm um Rausch, Religion, Technologie und Transzendenz, um ein raumzeitliches Losgelöstsein. So auch in der ebenfalls in der Schau präsentierten Videoarbeit This Transition Will Never End und in Towards Universal Pattern Recognition. Bei Letzterer verfremdet Shaw Archivfotos von Menschen in Ekstase, indem Prismen auf den Acrylglasrahmen bestimmte Bildelemente fokussieren. Das Gesicht einer hippiesken, in sich versunkenen Frau wird dadurch kaleidoskopisch vervielfältigt.

Allerspätestens nach 35 Minuten und 19 Sekunden – so lange dauert ein kompletter Durchlauf der gigantischen, immersiven Videoinstallation – kommt man schließlich selbst in den Genuss transzendenter Entgleisung. Plötzlich verschmilzt die zelebrierte Asynchronität zu einem großen, synchronen Happening, tanzen alle spirituellen Grüppchen eine gemeinsame Choreografie zu bassig-vibrierenden Elektrosounds, während das Licht und die Leinwände stroboskopartig flackern. Es ist ein intensiver Höhepunkt, so schön wie flüchtig, bevor sich die Bilder auf den Leinwänden in ihre visuelle DNA zerlegen.

Mit Phase Shifting Index erweitert der Frankfurter Kunstverein seinen seit einiger Zeit kultivierten Ausstellungsschwerpunkt im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Kunst. Denn Shaw reichert seine Arbeit zwar quasiwissenschaftlich an, bringt uns aber an die Grenzen des Rationalen. Vorsicht: Suchtpotenzial!

Info

Phase Shifting Index Jeremy Shaw Frankfurter Kunstverein, noch bis 24. Januar 2021

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