Rettet unser geliebtes Land

Kenia Tagebuch einer Wahl

Donnerstag, 27. Dezember, vormittags

Dies sind die zweiten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, die ich in Kenia erlebe. Im Dezember 2002 hatte ich mich entschieden, hier zu leben. Ich fühlte mich zu Hause und wollte dabei sein, als sich die Euphorie und die Energie Bahn brachen, die unter dem damals neuen Präsidenten Mwai Kibaki zu spüren waren. Schon bald jedoch sollte sich Ernüchterung einstellen.

Die ersten Fernsehbilder am frühen Morgen zeigen lange Schlangen vor den Wahllokalen. 2.548 Kandidaten bewerben sich um die Sitze im Parlament, so viele wie nie zuvor. Die Zeitungen beschwören die Leser, ihre Stimme abzugeben und Ruhe zu bewahren. Vor allem die jungen Leute wollen für Raila Odinga stimmen. Obwohl er das versprochen hatte, gab ihnen Mwai Kibaki keine Jobs.

Gegen elf rufe ich meinen Freund Bonface an. Er steht in der Schlange, seit sieben Uhr. Er erzählt, das Wahlbüro hätte verspätet geöffnet, aber das sei nicht so schlimm, dann warte er eben. Um 14 Uhr wartet er immer noch. Der Mann mit dem Wahlregister sei extrem langsam, die Leute würden sich beschweren. Eine halbe Stunde später kann er seine Stimme abgeben.

Eine Fahrt durch Nairobi zeigt, dass viele andere ebenso viel Geduld brauchen. Die Schlangen vor dem Wahllokalen winden sich gleich um mehrere Kurven. Ich frage mich, wie lange Leute in Deutschland wohl anstehen würden, um zu wählen. Bei fast senkrecht auf sie niederbrennender Sonne. Später im Café ertappe ich mich dabei, dass ich allen Leuten auf den kleinen Finger schaue: Ist er in blaue Tinte getaucht, haben sie gewählt.

Donnerstag, 27. Dezember, abends

In meiner Nachbarschaft wird ab 19 Uhr in einer Grundschule ausgezählt, die als Wahllokal dient. An der Tafel steht: Harte Arbeit bringt dich nicht um. Ich frage die Wahlhelfer nach dem Andrang. "Es kamen sogar Patienten aus dem Krankenhaus mit ihren Pflegern, um hier abzustimmen."

Ausgezählt wird vor den Augen der Presse, vor unabhängigen Wahlbeobachtern und Beobachtern der Parteien. Die resolute Wahlleiterin Halima Musa hält jeden einzelnen Wahlzettel im Schein einer Gaslampe hoch, für jeden klar zu sehen. Es sind 469. Alles geschieht so transparent wie nur irgendwie möglich. Als zwei Wahlhelfer vor Übermüdung kichern, hält Halima Musa inne und mahnt: "Hier gibt´s nichts zu lachen!" Sie lässt mich Fotos machen, was die Prozedur verzögert. Sie lächelt geduldig, nach all dem Stress. Innerlich ziehe ich, wie tausendmal zuvor, den Hut vor den Kenianern.

Freitag, 28. Dezember

Mein Besuch aus Deutschland will letzte Einkäufe tätigen. Wir laufen durch eine fast verwaiste Innenstadt. Leute stehen in Gruppen zusammen, stecken die Köpfe über tragbaren Radios zusammen, es fängt an zu regnen, wir stellen uns in der Nähe einer Gruppe unter und werden sofort einbezogen: Für Kenianer ist das ein Ausdruck von Gastfreundschaft. "Wenn unter (dem früheren Präsidenten - A.B.) Moi sieben Leute zusammen standen, war das schon eine Staatsverschwörung", ruft einer. "Raila (Odinga) ist dann für uns eingetreten." Die anderen nicken und lächeln verlegen.

Die Fernsehstationen bringen Wahlberichte rund um die Uhr. Kibakis Kabinett ist regelrecht abgewählt worden. Bei jedem Minister, der seinen Sitz verliert, denke ich, da haben sie also doch ihr Versprechen wahr gemacht: Viele junge Kenianer, mit denen ich zuletzt sprach, hatten mir immer wieder erklärt, Kibaki tue nichts gegen die Korruption, die Gräben zwischen den Stämmen seien noch tiefer geworden.

Raila führt. Frauen werden ins Parlament gewählt. Die Augen des Kassierers im Internetcafé kleben am Fernseher. Er hört mich erst beim dritten Rufen.

Sonntag, 30. Dezember

Heute ist mein Geburtstag! Immer noch kein Ergebnis. Erste Meldungen von Toten im Westen Kenias. Nach Feiern ist mir nicht zumute. Manche Buslinien in Nairobi sollen nicht verkehren - wen sollte ich also einladen? Um 18 Uhr kommt die Meldung, dass Kibaki zum Sieger erklärt wurde. Mit 230.000 Stimmen Vorsprung. Mir fällt beinahe die Tasse aus der Hand. Wie kann das sein? Raila Odinga hatte bis zuletzt geführt. Plötzlich kriege ich Angst, hilflose Angst. Um 18.30 Uhr ist Kibaki vereidigt. Es war nicht einmal Zeit für die Nationalhymne. Kein Bad in der Menge wie 2002. Alles sieht aus wie von langer Hand vorbereitet.

Montag, 31. Dezember

Schon 120 Tote, mindestens 38 in Nairobi, aber weit weg von meinem Stadtteil. Vor dem kleinen Supermarkt in der Nähe eine Schlange. Das gab es noch nie. Die Leute sind in Panik. Es gibt weder Milch noch Eier. Außerdem kann ich kein Geld auf mein Handy laden, das ist fast noch schlimmer. Ich kaufe die letzten Kartoffeln. Im Fernsehen sagt ein Politiker: "Nach den Wahlen ist da immer noch ein Land." Ich habe keine Angst um mich - ich weiß, dass sich die Gewalt nicht gegen mich richtet. Ich habe Angst um Kenia. Vor dem Einschlafen will ich lesen, es geht nicht.

Dienstag, 1. Januar

145 Tote. Frauen und Männer werden vergewaltigt. Morgens helfe ich meinem Nachbarn Ezekiel beim Umzug. Es ist das blanke Chaos, er hat noch nichts gepackt. So verstört kenne ich ihn nicht. Sein Vater hat angerufen. Die Familie wohnt in Zentralkenia. Der Vater erzählt, dass Häuser in der Nachbarschaft angezündet werden. Und dass er Angst hat. Ezekials Eltern finden schließlich Unterschlupf bei Freunden aus England.

Mein Freund Alvin ruft auf dem Handy an und fragt, ob ich nach Hause fahre. "Aber ich bin doch in Nairobi", sage ich. Er meint Deutschland. Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen.

Mittwoch, 2. Januar

Etwa 50 Menschen verbrennen in einer Kirche in Eldoret. Die Landstraßen sind wegen Sperren unpassierbar. Ich fange an, meine Freunde anzurufen. Emmanuel in Mumias erzählt, dass vor Tagen ein Mob Geschäftsleute einer bestimmten Ethnie verfolgt hat und dass Chaos in der Stadt herrschte - er hätte es aber geschafft, sich in Sicherheit zu bringen.

George in Huruma, einem Slum in Nairobi, hat seit Tagen keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Nachbarn würden nachts Wache schieben. Er schlafe kaum, sehe Häuser brennen und Menschen um ihr Leben rennen. Bonface in Eastleigh erzählt von ausgebrannten Bussen. Auch er war tagelang nicht draußen. In Nairobi belebt sich die Innenstadt wieder, Busse fahren, Geschäfte öffnen.

Donnerstag, 3. Januar

Kenias wichtigste Medienhäuser haben die Kampagne gestartet Rettet unser geliebtes Land! Zuschauer senden übers Fernsehen Friedensbotschaften an ihre Mitmenschen. Die Gruppe Besorgte Bürger für Frieden bucht Fernsehspots und schaltet ganzseitige Anzeigen, in denen sie die beiden Kontrahenten auffordert, das Blutvergießen zu stoppen.

Die Opposition hat zu einem Eine-Million-Mann-Marsch zum Uhuru-Park in der City aufgerufen. Die Demonstration wird verboten. Auf einer der Zufahrtsstraßen verhandeln 50 Jugendliche unter den wachsamen Augen und Kameras etwa gleich vieler Journalisten mit 150 Polizisten über ein Durchkommen. Kurz darauf werden sie erneut aufgehalten. Nähern sich die Kameras, recken sie die Arme und rufen Odingas Namen. Das ist alles, was sie an diesem Tag für ihr Idol tun können. Ich kann immer noch nicht lesen.

Freitag, 4. Januar

Keine neuen Todesmeldungen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal über Staus in der Innenstadt so freuen würde! Der Spendenstand im Supermarkt quillt über. Die Kenianer haben längst angefangen, sich selbst zu helfen. Jetzt müssen die Flüchtlinge versorgt werden - Hunderttausende. Selbst wenn das einigermaßen gelingt: Kenias Land- und Ethnien-Problem ist jetzt auf dem Tisch. Wer immer regieren wird, muss anfangen, es zu lösen. Ich will weiter dabei sein.

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