Rettungsversuch

Im Kino "Monster´s Ball" von Marc Forster schildert die Wandlung eines Rassisten zum umsorgenden Geliebten

Einsamkeit, Brechreiz, Hinrichtung, Hass, Selbstmord, Rassismus, Exzess, Alkoholismus, Sexismus, Altenheim. Monster´s Ball, ein Film des in Ulm geborenen Nachwuchsregisseurs Marc Forster, ist keine leichte Kost. Gewürzt überdies mit einer herben Sprache und Sexszenen, die zum Teil der amerikanischen Zensur geopfert werden mussten. Weil die Amerikaner ihrem Publikum allzu explizite Szenen nicht zumuten wollen. Und weil die körperliche Liebe zwischen einem Weißen und einer Farbigen zwar grundsätzlich politisch korrekt ist, aber vermutlich doch nicht so offensichtlich sein sollte.

Das ungleiche Paar, zwei, die sich vor sich selbst zu retten versuchen, sind Halle Berry und Billy Bob Thornton. Die beiden zusammengebracht zu haben, ist Regisseur Forsters Verdienst. Nicht nur, weil beide wie er an das Drehbuch glaubten und für die Low-Budget-Produktion sogar auf einen Teil ihrer Gage verzichteten. Beide geben ihr Bestes, was neben dem Oscar und dem diesjährigen Silbernen Bären der Berlinale für Berry mit einer Reihe weiterer Preise auch für Thornton belohnt wurde.

Thornton spielt Hank Grotowski, der mit seinem Vater Buck und seinem Sohn Sonny zusammenlebt. Alle drei Männer hassen sich, mehr oder weniger. In diesem Haus, irgendwo in Georgia, ist so viel Gift, dass sich bereits die Frauen von Hank und Buck das Leben genommen haben. "Im Stich gelassen", nennt es der verbitterte Buck, selbst ein Pflegefall. Hank schlägt diese Situation zuweilen auf den Magen. Er übergibt sich, schläft schlecht, hinterfragt diesen Zustand aber nicht. Er ist, wie auch sein Sohn und wie sein Vater es war, Schließer im Todestrakt des örtlichen Staatsgefängnisses. Zu seiner Arbeit gehört es, die Todeskandidaten zur Hinrichtung zu begleiten. "In England", so erzählt er seinem Sohn einmal, "richten sie dem Todgeweihten in der Nacht vor seiner Hinrichtung eine Party aus. Sie nennen das ›Monster´s Ball‹." Doch Sonny (ebenfalls hervorragend besetzt mit dem jungen Australier Heath Lodger), ist zu schwach für den Job im Todestrakt. Als er den schwarzen Häftling Lawrence Musgrove auf den elektrischen Stuhl begleiten soll, versagt seine Kraft und er kollabiert. Hank, blind vor Wut über das Versagen seines Sohnes, schlägt ihn daraufhin zusammen. Aus Verzweiflung nimmt sich der junge Sonny später vor den Augen von Vater und Großvater mit seiner Dienstwaffe das Leben. "Ein Schwächling, wie seine Mutter", kommentiert Buck den Freitod seines Enkels eiskalt, während Hank nachzudenken beginnt, seinen Dienst quittiert und sein Leben Schritt für Schritt verändert.

Es ist Billy Bob Thorntons ganz eigenes, schweigsames Spiel, das im Verlauf des Films den Wandel vom sich selbst verachtenden, rassistischen Versager zum umsorgenden, mitfühlenden Geliebten glaubhaft macht. Er folgt seiner Intuition, als er nach einem Unfall Leticia Musgrove begegnet, die wie er ihren Sohn verliert. Hank sorgt für sie und verliebt sich. "Ich habe so lange nichts gefühlt", gesteht er ihr und sich nach der ersten Nacht.

Nur der Zuschauer weiß indes: Leticia ist die Witwe von Lawrence Musgrove, den Hank und Sonny zur Hinrichtung begleitet hatten. Während Hank schon recht bald durch ein Foto davon erfährt - und sich sofort wieder übergeben muss -, erhält der Film zusätzliche Spannung durch die Frage, ob und wann Leticia hinter dieses Geheimnis kommt.

Ohne Hank scheint ihr Leben allerdings aussichtslos. Nachdem sie Mann und Sohn verloren hat, wird ihr gekündigt und ihr Haus steht vor der Pfändung. Sie flüchtet sich in den Alkohol. Und wechselt - nur in der Originalfassung auszumachen - in den breiten, schwarzen Südstaatenslang. Dem ehemaligen Revlon-Model Halle Berry glaubt man die verschwitzte, ungeschminkte und desillusionierte Alkoholikerin Leticia aufs Wort. Die 33-Jährige hat sehr für diese Rolle gekämpft und konnte Forster, dem sie zunächst zu glatt und zu hübsch erschienen war, schließlich von sich überzeugen.

Forster, 32 Jahre alt, hat mit Monster´s Ball seinen zweiten Spielfilm gedreht. Mit seinem Erstling Everything put together hatte er vor zwei Jahren auf Anhieb das Sundance-Filmfestival gewonnen. Die New York Times rief den Wahlamerikaner bereits dieses Jahr zu einem der "heißesten neuen Talente" aus. Abgesehen von seinem Gespür für die richtige Besetzung zeichnet sich seine Regiearbeit in Monster´s Ball vor allem in seiner Gabe zur Zurückhaltung in den richtigen Momenten aus. Gut zu sehen ist das in den bereits angesprochenen Sexszenen zwischen Berry und Thornton. Die beiden Sequenzen wirken überaus authentisch, als hätte es einen Filmstab nicht gegeben. Trotz aller exzessiver Darstellung, mit der beide Schauspieler wie Ertrinkende übereinander herfallen, gelang es Forster durch verschiedene Blickwinkel und durch Verfremdungen in Schnitt und Ton, die Körperlichkeit der beiden über jede Pornografie erhaben sein zu lassen.

Zurückhaltung übt Forster auch in der Wahl seiner technischen Mittel. Er setzt vor allem auf das verfremdende Spiel von Licht und Schatten sowie auf Toneffekte. Mehrfach zeigt das Bild Ventilatoren und Jalousien, deren Schattierung Gesichter zerschneiden und verdunkeln. Auch spiegelnde Flächen, wie sie während der Hinrichtung von Lawrence Musgrove zu sehen sind, unterlaufen Sehgewohnheiten, versinnbildlichen Zwiespalt und Unüberwindbarkeit.

Als Hanks Vater Buck Leticia als "Niggerfotze" beschimpft, sieht man ihn in der nächsten Szene bereits auf dem Bettrand in einem Altersheim, wo er das Zimmer mit einem farbigen Bewohner teilen darf. "Ich will so nicht enden", sagt der Vater zum Sohn. "Ich auch nicht", entgegnet der Sohn. Er hat sich vom falschen Bann der "Blutsbande" befreit - und den Vater gegen dessen Willen in das Heim gebracht, um Leticia zu sich nach Hause und in sein Leben holen zu können.

Als die Handlung unausweichlich zu einem versöhnlichen Ende führen will, entdeckt Leticia Hanks Geheimnis. Doch sie verliert kein Wort. Am Ende sitzt das Paar vor dem nächtlichen Haus, der Blick fällt auf die Grabsteine der toten Grotowskis, deren Leben so unwiederbringlich ist wie die Sterne über ihnen. Ein seltsam Unruhe stiftender Moment, still und poetisch. "Erzählen ohne Worte", wie Forster es nennt. Eine große Stärke dieses Films.

00:00 06.09.2002

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